Die vergessene Weltmarke aus der Oberpfalz

Die Expresswerke AG aus Neumarkt gilt als Wiege des deutschen Zweirads. Das Auto, Missmanagement und Alkohol führten zum Niedergang. Express ist längst Geschichte - und mittlerweile sogar in der Oberpfalz in Vergessenheit geraten.

von Julian Trager Kontakt Profil

Eigentlich wollte Klaus Stolz Drogist werden. Aber der Vater hatte anderes im Sinn, brachte den damals 18-Jährigen in der örtlichen Zweiradfirma unter. Bei der Expresswerke AG in Neumarkt, im September 1958 immer noch eine große Nummer. „Das war für mich eine Erlösung“, sagt Klaus Stolz heute als 79-Jähriger, „ich bin da gern drin gewesen“. Allerdings nicht lange. Stolz war der letzte Lehrling der Firma und der Letzte, der im Neumarkter Werk arbeitete. Express ist längst Geschichte.

Die Firma, 1884 gegründet, ist die „Wiege des deutschen Zweirads“, schrieb der „Spiegel“ in einem Artikel von 1958 über Express. Ein Pionier aus der Oberpfalz. Das Werk in Neumarkt galt jahrzehntelang als die älteste Fahrradfabrik des Kontinents. Und sie produzierte sehr gute Zweiräder. Hochwertig, schön, besser als die Konkurrenz. „Von der Qualität her hat Express schon als Nummer eins gegolten“, sagt Klaus Stolz. Sogar aus Indonesien kamen Bestellungen. Schauspiellegende Heinz Rühmann warb für die Oberpfälzer. Der Anfang des 20. Jahrhunderts beste Radrennfahrer der Welt, Thaddäus Robl, fuhr jahrelang nur auf einem Neumarkter Rad. Express war eine Firma von Weltruf.

Heute ist sie in Vergessenheit geraten, selbst in großen Teilen der Oberpfalz. Nur noch eine Handvoll „Expressler“ leben. Wenn Klaus Stolz, der mittlerweile in Feucht wohnt, über seinen ersten Arbeitgeber spricht, ist er kaum zu stoppen. Er erzählt und erzählt und erzählt. Bei einem Rundgang durch die Express-Ausstellung im Neumarkter Stadtmuseum hat er zu jedem Ausstellungsstück eine Geschichte parat. „Ich hab ja auch auf dem Dachboden von Express rumgestöbert“, sagt er.

Express baut auch ein E-Auto

Die Geschichte von Express beginnt mit einem Trio. Der Neumarkter Kochherdfabrikant Joseph Goldschmidt, der Rad-Techniker Eduard Pirzer und der Fahrrad-Fan Carl Marschütz gründen 1884 den Vorläufer der Express AG, die ab 1887 unter dem Namen firmiert. Marschütz und Pirzer verlassen das Unternehmen bald, gründen jeweils eine eigene Zweiradfirma: Hercules und Monachia.

Express wächst, erweitert um die Jahrhundertwende die Produktpalette. Baut jetzt auch motorisierte Zweiräder, kurzfristig sogar Autos - ein Elektroauto wohl ebenfalls. 1908 stellen die 180 Mitarbeiter 16 800 Räder her. In der Nazizeit hat Express "keine Glanzrolle", erklärt Petra Henseler, Leiterin des Stadtmuseums Neumarkt. 1934 kommt das "braune Rad" heraus, Modellbezeichnung: SA. Im Krieg stellen die Expresswerke Granaten her. Nach dem Krieg dauert es, bis die Zweiradproduktion wieder läuft. Dann kommt das Wirtschaftswunder. 1955 verzeichnet Express den größten Umsatz der Firmengeschichte. Bald darauf ist trotzdem Schluss. Erst für das Werk in Neumarkt, 1965 dann endgültig - Express ist da bereits Teil der Zweirad-Union in Nürnberg.

Es ist die Zeit, die Klaus Stolz als letzter Lehrling hautnah miterlebt. "Im September 1959 sind die großen Tieflader vorgefahren und haben die speziellen Fahrradmaschinen geholt", erinnert sich Stolz. Das Ende für die Expresswerke in der Oberpfalz, aber nicht für Stolz. Der damals 19-Jährige bleibt, als einziger "Expressler" in Neumarkt. "Die Nürnberger mussten ja jeden Tag was holen", erklärt Stolz. Vier Monate später kommt auch er nach Nürnberg zur Zweirad-Union, ein Zusammenschluss der Zweiradfirmen Victoria, Express und DKW. Zwei Jahre hält er es dort in der Lochkartenstelle aus, dann geht er, weil die Qualität leidet – und das Image. Die Union baut ein gemeinsames Rad. Dann werden die Logos der verschiedenen Marken aufgeklebt. Etikettenschwindel. "Das hat mich gestört", sagt Stolz. Er wechselt nach Feucht, bleibt dort bis zu seinem Ruhestand 42 Jahre bei einem Landtechnik-Unternehmen.

"Ruinöse Gepflogenheiten"

Es gibt viele Gründe für die Express-Pleite. Fehlinvestitionen, Fehlplanungen, kurz: Missmanagement - und "ruinöse Gepflogenheiten" im Betrieb, wie ein Wirtschaftsprüfer 1958 feststellte. Der langjährige Firmenlenker Victor Lentz soll ein guter Freund des Alkohols gewesen sein, deutete der "Spiegel" damals in seinem Artikel an. Der Aufsichtsrat habe das lange gern übersehen. "Bedenken wurden erst laut", hieß es in dem Text weiter, "als Lentz vor einer wichtigen Sitzung so indisponiert war, dass ihn sein Chauffeur in das dritte Stockwerk der Hausbank tragen musste."

In Neumarkt hört man diese Geschichte nicht so gern. "Das war alles nicht ausschlaggebend", sagt Museumsleiterin Henseler. Vielmehr war der Aufstieg des Automobils schuld am Niedergang. Vier Räder schlugen zwei Räder. Die meisten Zweiradfirmen verschwanden Ende der 1950er Jahre. Express war keine Ausnahme.

Im Stadtmuseum Neumarkt ist Express noch sehr präsent, drei Räume sind der Firma gewidmet. "Das ist unser Alleinstellungsmerkmal", sagt Henseler. In den besten Zeiten war Express der größte Arbeitgeber der Region, ein beliebter noch dazu. "Die Expressler haben gut verdient", sagt Stolz. Wer damals in Neumarkt kein Express-Rad fuhr, erinnert sich der 79-Jährige, ist aufgefallen - und zwar negativ.

Peter Klesel fährt heute noch auf Express. Der 64-Jährige ist leidenschaftlicher Oldtimer-Sammler und seit mehr als zehn Jahren Vorstand der Express-IG. Die 1994 gegründete Interessensgemeinschaft kümmert sich um den Erhalt von Express-Fahrzeugen. Ein Hobby, das er mit etwa 260 Menschen teilt. Die kommen aus Deutschland, den Niederlanden, Luxemburg, Österreich und der Schweiz. Für sie ist Express noch immer eine Weltmarke.

Keine gute Geldanlage

Bei Peter Klesel daheim in Berg bei Neumarkt, in seiner Garage, stehen zehn Fahrräder und zehn Motorräder von Express. „Mein Museum“, sagt Klesel, der die Maschinen restauriert. Geld verdient er damit nicht, Express zieht auf dem Markt nicht wirklich. "Als Geldanlage bringt's nix", sagt Klesel und lacht. Egal, ist ja ein Hobby.

Auf dem ehemaligen Gelände der Expresswerke stehen die meisten Bauten noch immer, nur moderner sehen sie jetzt aus. Das Hauptgebäude beheimatet seit 2008 das Museum für historische Maybach-Fahrzeuge, inklusive einer kleinen Sammlung an Express-Rädern. Klaus Stolz schlendert durch die Ausstellung, draußen auf dem Gelände erkennt er seinen alten Arbeitsplatz. "Da wird man schon ein bisschen wehmütig", sagt der letzte "Expressler", der in Neumarkt arbeitete. "War eine schöne Zeit damals."

Weltrekord auf Express:

Eine Radfirma von Weltruf braucht natürlich Radfahrer von Weltruf. Anfang des 20. Jahrhunderts fuhr Thaddäus Robl, der damals erfolgreichste deutsche Radrennfahrer und zweimalige Weltmeister, auf einem Express-Rad. Mit dem knackte er 1905 den Weltrekord über 10 Kilometer. Im selben Jahr wirbt das Neumarkter Unternehmen mit acht großen Erfolgen von Robl: "Alle diese Siege ohne Defekt oder Maschinenwechsel." Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg Express erneut ins Renngeschäft ein, diesmal mit eigenem Rennstall. Unter anderem im Team: Karl Kittsteiner, deutscher Meister 1940 und 1946, sowie Georg Voggenreiter, der 1947 im zerstörten Nachkriegsberlin zum deutschen Meistertitel sprintete. Kritik an den Express-Investitionen im Sport gab es auch: Klaus Stolz erzählt, dass sein Vater, der in der Mannheimer Niederlassung der Firma arbeitete, die Geschäftsführung deswegen immer wieder attackierte. Stolz Senior fand, dass zu viel Geld für den Rennsport ausgegeben wurde.

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