Im Archiv der Alltagsdinge

Rote Kinderski mit Tourenbindung. Eine grüne Badekappe mit Blumen-Applikationen. Die graue Trockenhaube mit einem Sack voller Lockenwickler – bei ihrem Anblick erwachen Kindheitserinnerungen, die man längst vergessen glaubte.

Blick vom Depot ins Schaudepot. Im so genannten Objektarium werden Neuzugänge präsentiert.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Im Informationsraum des „Schaudepots“ des Oberpfälzer Freilandmuseums in Neusath bei Nabburg wird all das in einer übergroßen Vitrine, „Objektarium“ genannt, präsentiert. Die Exponate stammen aus dem 2015 aufgelösten Wohn- und Geschäftshaus der Rötzer Familie Heimerl. So unspektakulär diese Alltagsgegenstände auch sind, so sehr sprechen sie doch die Gefühle des Betrachters an. Und das ist durchaus gewollt: "Wir versuchen, die Leute emotional einzufangen", sagt Johanna Ullmann-Süß. Die studierte Kunsthistorikerin und Volkskundlerin ist stellvertretende Leiterin des Museums und für das Ausstellungs- und Sammlungswesen verantwortlich.

Glasbläserei hat in der Region eine lange Tradition.

Das Schaudepot bildet nur einen klitzekleinen Teil des riesigen Museumsdepots, in dem rund 40 000 Objekte eingelagert sind. Nicht jeder war anfangs glücklich über den Betonkoloss, den der Bezirk Oberpfalz für über vier Millionen Euro in die hügelige bäuerliche Landschaft setzte. Doch Ullmann-Süß sagt: „Ich finde, wenn wir schon ein richtiges Depot haben wollen, dann soll man es auch zeigen.“ Die Verschalung der Fassade mit dunklem Holz lasse das Gebäude außerdem attraktiver wirken, als Kritiker des Projekts zunächst befürchtet hatten. Und die Museumsleitung setzt auf größtmögliche Offenheit: Es ist keineswegs üblich, dass Besucher zu Depots Zutritt haben, „früher waren das dunkle Keller, in die kein Publikum durfte“. Das Neusather Beispiel scheint allerdings allmählich Schule zu machen. Immer wieder würden sich hier Verantwortliche anderer Museen Anregungen holen, berichtet Ullmann-Süß.

Zwei- bis dreimal im Jahr können auch „Normalbesucher“ mit der Expertin einen Blick hinter die Kulissen werfen. „Dann kommen extrem viele Leute“, sagt Ullmann-Süß. Ansonsten ist der Zutritt auf den Informationsraum des Schaudepots beschränkt. Im Objektarium gibt es jeweils die jüngsten Neuzugänge zu sehen. So würden auch die Spender der Ausstellungsstücke gewürdigt. Ullmann-Süß deutet auf mehrere Touchscreens: „Bisher haben wir außerdem gut 4000 Objekte digitalisiert.“ Die Besucher können an den Bildschirmen Fotos und Beschreibungen dieser Gegenstände aufrufen. Bis wirklich die gesamte Sammlung derart archiviert ist, dürfte aber noch sehr viel Zeit verstreichen. „Das Erfassen dauert. Zwar haben wir jetzt eine neue Software, aber ich denke, 500 Exemplare pro Jahr sind ein realistisches Ziel“, dämpft die Expertin allzu große Erwartungen. Immerhin reichten die Anfänge der Sammlung noch in die 1960er Jahre zurück, als das Bauernmuseum im Perschener Edelmannshof, gewissermaßen die Keimzelle des Oberpfälzer Freilandmuseums, eröffnete. „Inzwischen sammeln wir viel auf Lücke“, sagt Ullmann-Süß.

Auch Spielzeug findet im Depot seinen Platz.

Die Kunsthistorikerin hat schon im Studium ihre Liebe zur Alltagskultur entdeckt und sich auch der Volkskunde gewidmet. „Das ist sozusagen die geerdete Variante der großen Kunst.“ Ullmann-Süß sperrt die Tür zum Schaudepot auf. Gleich links steht ein alter Pferdeschlitten aus Neunburg vorm Wald, der dem Landarzt winters Hausbesuche noch auf dem letzten Einödhof ermöglicht hat. In Regalen und Vitrinen finden sich unter anderem Körbe, Nähutensilien, Handwerksgerät vom Hobel bis zur Axt, Spielzeug, Musikinstrumente und bunte Schnupftabakgläser. Doch wie wurden all diese Dinge gebraucht oder hergestellt? Darüber geben 74 Filme Auskunft, die das Medieninstitut FWU in München zwischen 1935 und 1960 zu land- und hauswirtschaftlichen Themen drehte. Die zehn- bis zwölfminütigen 16-Millimeter-Stummfilme waren für den Schulunterricht gedacht und zeigen die alten Geräte authentisch in Aktion. Ullmann-Süß suchte und fand die Filmrollen noch in den Kreisbildstellen der Oberpfalz. „Die lagerten oft im Keller, weil man den Platz für die neueren VHS-Videokassetten gebraucht hatte. Sie wären bald vernichtet worden.“ Jetzt sind die Aufnahmen digitalisiert für die Nachwelt erhalten und im Schaudepot für Jedermann abrufbar. „Man steht mit offenem Mund vor dem Bildschirm, wenn man sieht, wie früher gearbeitet wurde“, erzählt Ullmann-Süß. Sie will deshalb noch weitere 70 Filme digitalisieren lassen.

Werkzeug trägt deutliche Gebrauchsspuren.

Weiter geht es ins eigentliche Depot. Bevor die Hallen betreten werden dürfen, müssen die Besucher aus Hygienegründen Hüllen über die Schuhe ziehen. Gleich hinter der Feuerschutztür ist ein kleines Fotostudio eingerichtet. Ein barockes Altarbild und mehrere hölzerne Kinderschlitten warten bereits auf ihr Shooting. Linkerhand stehen weitere Neuzugänge aufgestapelt, von der bunt bemalten Kinderwiege bis zur schwarzen Totenbahre. „Auch das gehört halt dazu“, sagt Ullmann-Süß. „Eine echte Rarität sind unsere vier Leichenwägen, die findet man nirgends mehr.“ Dass der Tod zum Leben gehört, war für frühere Generationen noch eine Selbstverständlichkeit. Selbst bei einem so freudigen Ereignis wie der Heirat fand er schon seinen Widerhall. Ullmann-Süß öffnet einen der zahllosen Schränke. Hier sind mehrere „Versehgarnituren“ aufbewahrt. So heißen die Utensilien, die der Pfarrer benutzt, wenn er das Sterbesakrament spendet. Versehgarnituren waren, erzählt die Expertin, ein fester Bestandteil der Aussteuer.

Jeder Gegenstand muss fotografiert werden.

Die Volksfrömmigkeit ist ein großer Quell, der das Museumsdepot speist. Schrank um Schrank beherbergt die materiellen Zeugnisse für den tiefen Glauben der Menschen auf dem Land: Hängekreuze aus dem Herrgottswinkel, Madonnen- und Krippenfiguren, Gebetsbücher. Künstlerisch wertvoll scheint das Wenigste, so manches ist gar erschreckend kitschige Massenware. Trotzdem wird alles gesammelt und akribisch archiviert. Jedes Stück trägt eine Nummer, jeder Schrank, jedes Regalbrett im Schrank ist extra ausgeschildert. Anders wären die einzelnen Gegenstände nicht mehr wiederzufinden. Die Kennzeichnung der Museumsstücke erfolgt so schonend wie möglich, oft wird nur ein Wollbändchen mit einem Etikett angebracht. Ullmann-Süß schaudert, wenn sie daran denkt, wie sorglos frühere Generationen mitunter ans Werk gingen: „Da hat man schon mal etwas einfach mit Lackstift beschriftet.“ Das wäre heute undenkbar. Im Depot findet nur säurefreies Papier Verwendung, außerdem läuft ein Modellversuch mit verschiedenen Möbel-Hussen, die aus Tyvek-Vlies maßgeschneidert wurden. Alles dient dem bestmöglichen Erhalt der Museumsstücke. Die Räume sind, bis auf das Schaudepot, stockdunkel. „Ein Depot ist ein Ort, an dem wir Kulturgut den größtmöglichen Schutz zukommen lassen“, erläutert Ullmann-Süß.

Auch religiöse Skulpturen folgen Moden.

Auch das Gebäude selbst trägt mit seiner Sandwich-Bauweise dazu bei, dass die eingelagerten Gegenstände noch lange überdauern. „Wir haben übers Jahr nur sehr geringe Schwankungen im Klima“, betont Ullmann-Süß. Selbst wenn draußen die Temperaturen sprunghaft steigen oder sinken, bleibt das Depotinnere davon fast unberührt. „Hier lagern die Museumsstücke sozusagen wie Gefriergut.“ Ideal sei eine relative Luftfeuchtigkeit von 45 bis 55 Prozent, die einen großen Mischbereich abdecke. „Wir werten täglich das Außenklima aus“, erklärt Ullmann-Süß, „und führen zusätzlich Innenraummessungen durch.“ Im Bedarfsfall werde gezielt gelüftet oder der Boden befeuchtet. Auch mobile Luftbefeuchter kommen zum Einsatz. Ab 60 Prozent Luftfeuchte allerdings würden in der Luft und Stäuben befindliche Schimmelsporen aktiv. „Das Depot ist deshalb immer beaufsichtigt. Der Depotwart und sein Team haben große Erfahrung.“ Eine weitere Gefahr geht von Schädlingen aus. Ullmann-Süß deutet auf die Türschwelle, neben der eine Insektenfalle platziert ist. „Solche Schleusen sind natürlich neuralgische Punkte. Mit den Fallen kontrollieren wir die Räume auf Schädlingsbefall.“

Hier lagern die Museumsstücke sozusagen wie Gefriergut.

Johanna Ullmann-Süß, stellvertretende Museumsleiterin

Johanna Ullmann-Süß, stellvertretende Museumsleiterin

Mit solchen Modellen lernten Landwirtschaftsschüler.

Johanna Ullmann-Süß öffnet weiter Schrank um Schrank. Aus dem Fundus von Landwirtschaftsschulen stammt ein anatomisches Modell eines Kuheuters. Weitere Modelle zeigen Haustierrassen, die inzwischen schon ausgestorben sind. Am Ende eines langen Ganges stehen und liegen Schaufensterpuppen. Sie unterscheiden sich deutlich von ihren modernen Verwandten, haben fülligere Proportionen, sorgfältig bemalte Gesichter und tragen Perücken. Röhren-Fernseher aus den sechziger Jahren, Einmachbehälter aus Steinzeug, ein Jugendstilsofa, Truhen und Schränke, Nähmaschinen, ein hölzener mechanischer Webstuhl – jeder Schrank, jedes Regal, jeder Gang offenbart weitere Überraschungen. „Wir sammeln alles, den ganzen Hausstand von der Nähnadel bis zur Mähmaschine“, betont Ullmann-Süß. Auf diese Weise lasse sich der gesamte ländlich-bäuerliche Raum abbilden.

An diesem alten Webstuhl ist jedes Teil gesondert fürs Archiv erfasst.

Vielen Museumsbesuchern sei das gar nicht bewusst, denn nur ein kleiner Bruchteil der 40 000 Museumsstücke werde ausgestellt. „Früher haben uns deshalb öfter Leute angerufen und wollten uns etwas schenken. Sie haben gesagt, ihr habt ja fast nichts“, schmunzelt Ullmann-Süß. Das sei natürlich ein Missverständnis. „Jeder Raum im Freilandmuseum zeigt nur ein kleines Zeitfenster, so sah es dort eben an einem bestimmten Tag im Jahr aus. Das war, wie heute auch, von den Jahreszeiten abhängig.“ Außerdem besaßen frühere Generationen bei weitem nicht so viele Dinge wie in einem modernen Haushalt üblich. „Damals war alles auf das Wesentliche konzentriert.“ Bei der Einrichtung der einzelnen Häuser wähle man jene „Zeitstellung“, zu der die meisten Hintergrundinformationen vorliegen, erklärt die Expertin. Es könne aber auch sein, dass man für genau diese Periode gar keine passenden Ausstellungsstücke habe. „Das ist zum Beispiel bei der Rauberweihermühle der Fall. Wir besitzen kaum Möbel dafür.“ Dann lasse man eben das Gebäude an sich wirken, „das ist manchmal wichtiger, als alles ins 19. oder 20. Jahrhundert hineinzupferchen.“

Die Schaufensterpuppe hat eine neue Heimat im Depot gefunden.

In einem Museum entstehen ständig Konflikte. „Will ich etwas erhalten, ist es natürlich kontraproduktiv, es auszustellen.“ Ullmann-Süß zeigt eine gepolsterte Tür, bei der die Restauratorin aktiv werden musste, weil Museumsbesucher am bereits historisch mehrfach geflickten Stoff weiter herumgenestelt hatten. „Manche Menschen sind eben haptisch veranlagt, die müssen alles anfassen.“ Normalerweise werde allerdings nichts restauriert, „sondern wir konservieren die Dinge mit ihren Gebrauchsspuren, sie sind ja lebhafte Zeugnisse der Vergangenheit.“ Reine Lagerungsspuren würden jedoch beseitigt.

Typischer Anblick in einem modernen Archiv.

Sammeln, bewahren, erhalten, erforschen und vermitteln, das sind laut Ullmann-Süß die Aufgaben eines Museums, das „etwas sehr Dynamisches“ darstelle: „Denn man hört nie auf, zu sammeln und zu forschen, es gibt immer wieder neue Ansätze und Sichtweisen.“ Die Personaldecke allerdings sei auch in Neusath eher dünn, weshalb das Museum häufig auf externe Kräfte zurückgreife. „Wir beschäftigen zum Beispiel Studenten, die ihre Masterarbeit schreiben, oder Praktikanten, die ein kleines Projekt betreuen dürfen.“ Schon die Inventur aller Objekte gestalte sich extrem schwierig, „man muss ja jedes einzelne Stück in die Hand nehmen. Das ist sehr viel Aufwand, den man als Museumsbesucher gar nicht so sieht“, betont Ullman-Süß.

„Wenn wir dann aber Besucher ins Schaudepot führen, sind die absolut beeindruckt und staunen“, erzählt sie weiter, "sie sind auch baff, dass der Bezirk das gemacht hat“. Weil die Gäste so großes Interesse zeigten, dauerten die Führungen stets länger als eigentlich vorgesehen. „Wir erzählen anhand der Ausstellungsstücke auch über bestimmte Personen und Lebenssituationen.“ Fragen seien willkommen, „das Schöne ist ja, dass man so auf die Kulturgeschichte zu sprechen kommt. Die Objekte sind dabei wie kleine Puzzlestücke.“ Jeder einzelne Gegenstand, sagt Ullmann-Süß, diene zugleich als Symbol: „Wenn wir eine Kinderwiege sehen, ist sie auch ein Symbol für die hohe Kindersterblichkeit früherer Tage.“ Johanna Ullmann-Süß stellt klar: „Es gibt keine ,gute alte Zeit’. Zu jeder Zeit gibt es immer Gutes und Schlechtes.“

Info:

Mundart bewahren

Im Informationsraum des Schaudepots empfängt den Besucher auch eine "Wortwolke": An der Wand stehen mundartliche oder bäuerliche Begriffe, wie etwa Schusser oder Dengelbock. Denn auch Wörter sind dem Wandel der Zeit ausgesetzt, alte sterben aus, neue kommen hinzu; im selben Maß wie alte Berufe und Fertigkeiten aussterben oder Gegenstände nicht mehr gebraucht werden, verschwinden auch ihre Bezeichnungen. Johanna Ullmann-Süß hat deshalb ein weiteres Projekt im Hinterkopf: "In unserem digitalen Depot könnten wir die jeweiligen Dialektbegriffe zu den Objekten erfassen." Sie denkt an eine Zusammenarbeit mit Schulen. "Die Schüler könnten mit ihren Großeltern reden. Denn auch die Mundart verändert sich ja." Dabei sei sie gerade in der Oberpfalz prägend und vermittle viel vom regionalen Charakter. Ullmann-Süß würde gerne auch ein spezielles Gästebuch im Schaudepot auflegen: "Dort könnten wir die Besucher fragen, wie heißt das bei Ihnen und wo kommen Sie her?"

Anfahrt:

Am 27. September um 14 Uhr können interessierte Besucher an einer Sonderführung durch das Schaudepot teilnehmen und gelangen in sonst nicht zugängliche Bereiche. Die Kosten für diese Führung sind im Eintrittspreis enthalten. Zu erreichen ist das Museumsgelände in Neusath über die Autobahn A 93 Regensburg -Hof, Ausfahrt Nabburg, oder die Autobahn A 6 Nürnberg - Prag, Ausfahrt Nabburg-West, dann jeweils der Beschilderung „Freilandmuseum“ folgen. Eingabe ins Navigationssystem: Freilandmuseum Neusath, 92507 Nabburg, Neusath 200, GPS-Daten: 49.46670°N, 12.212679°E. Geöffnet ist das Museum noch bis 3. November dienstags mit sonntags jeweils von 9 bis 18 Uhr. Weitere Infos online unter: www.freilandmuseum.org

Wer kennt diese Begriffe noch?
Diese handgeschnitzte Madonna mit Kind wirkt beinahe exotisch.
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