Sprechende Türen

Tür für Tür wird am Adventskalender geöffnet, 24 Stück bis Heiligabend. Und hinter den Türen warten Schokoladestückchen – oder aber Geschichten. Zum Beispiel diese über Symbolik und Bedeutung der Tür in früheren Jahrhunderten.

Manfred Süß, Depotverwalter im Oberpfälzer Freilandmuseum, zeigt eine gepolsterte Tür im "Hirtenhäusel".
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

„Mit der Tür ins Haus fallen“, „zwischen Tür und Angel“, „vor der eigenen Tür kehren“, „einen Fuß in die Tür bekommen“, „vor verschlossenen Türen stehen“, „sich ein Hintertürchen offen lassen“ – die deutsche Sprache ist reich an Redewendungen, in denen Türen, Tore oder die Türschwelle eine Rolle spielen. Und das kommt nicht von ungefähr. „Die Tür ist sehr symbolträchtig“, erklärt Johanna Ullmann-Süß, stellvertretende Leiterin des Oberpfälzer Freilandmuseums in Neusath/Perschen. „Sie bildet die Grenze zwischen innen und außen, zwischen öffentlichem und privatem Raum, sie hat Rechtscharakter.“ In Märchen kommt ihr ebenfalls große Bedeutung zu: „Dahinter erwartet man immer etwas Besonderes.“

Die Symbolkraft der Tür zeigt sich auch im Brauchtum. Dies wird beim Blick in alte „Zauberbücher“ deutlich. „Die kursierten in Massen, zunächst waren sie noch handgeschrieben, später gedruckt“, sagt Johanna Ullmann Süß, die neben Kunstgeschichte Volkskunde studiert hat. Auch im Vierseithof aus dem Stiftlanddorf des Freilandmuseums fand sich ein Exemplar. Unter dem Titel „Ägyptische Geheimnisse“ listet es allerlei magische Sprüche und Praktiken auf. Für deren korrekte Anwendung waren oft Personengruppen zuständig, die am Rande der Gesellschaft lebten – wie Abdecker, Köhler, Zigeuner, Heiler, aber auch Hebammen.

Um Unheil von Haus und Bewohnern abzuwenden, wurde ein Loch in die hölzerne Türschwelle gebohrt und ein mit Zaubersprüchen beschriebener Zettel hineingelegt. „Hier trete ich über die Schwellen, begegneten mir drei Gesellen, der eine heißt Gott der Vater, der andere Gott der Sohn, der dritte Gott der heilige Geist, daß mich kein böser Hund beißt, daß mir kein böses Maul bespricht, daß mir kein Schwert ersteche“, heißt es darauf beispielsweise. Das Loch musste „mit einem Pflock aus Elzenbaum" (Elsbeere) verschlossen werden. „Oder es wurde über Stall- und Haustür ein Holzstückchen angenagelt. Drunter war ein Papier mit einem weißen Pulver und einem Segensspruch“, erzählt Ullmann-Süß. Der Zauber konnte aber auch in die andere Richtung wirken: Nach einem Diebstahl sollte es helfen, aus der Tür, durch die der Dieb das Haus verlassen hatte, drei Späne zu schneiden und an einer Radnabe zu befestigen. „Dann musste man das Rad treiben und einen Zauberspruch aufsagen.“ Die Unrast des Rades sollte sich auf den Dieb übertragen, so dass er seine Beute schließlich von selbst zurückbrachte.

Tür 10: Blick in die Provinzialbibliothek in Amberg

Amberg

Auch im Hexenglauben spielte die Tür eine große Rolle. „Damit die Hexen keine Milch stehlen, hat man über der Stalltür wilde Malve angebracht,“ sagt Ullmann-Süß. Ein altes Dokument beschreibt, dass in der Walpurgisnacht „Bauernsweiber grüne Wasen (Rasenstücke) ausstechen und vor die Stalltür legen, dann kommt die Hexe nicht hinein, bis sie alle Gräslein gezählet hat“. Mütter steckten einen hölzernen Kochlöffel vor Tür und Schloss, „dann kann kein Alb, Druid, Erdgeist, keine Hexe hinein“. Umgekehrt standen Hexen im Verdacht, Bleche mit unlesbaren zauberischen Inschriften unter Türschwellen und an Wegen zu vergraben, "damit alles krumm werde". Aus Vilseck wurde berichtet, eine Hexe habe unter der Schwelle ein „schwarzes Büscherl vergraben, so dass die Kinder im Haus närrisch, aber draußen wie sonst waren“. Quietschende Türangeln, besagte der Aberglaube, ließen „die armen Seelen“ leiden, weshalb sie sofort zu fetten waren.

Die allermeisten Bräuche im Zusammenhang mit Tür und Tor sind in Vergessenheit geraten. Ein paar Relikte gibt es aber noch – etwa die Tradition, dass der Bräutigam die Braut über die Schwelle trägt. Küssen sich zur Weihnachtszeit Paare unter einer Tür, über der Mistelzweige hängen, so sollen sie zusammenbleiben. Und nicht zuletzt wird bis heute der Segensspruch der Sternsinger an der Haustür angebracht: „Christus mansionem benedicat“, Christus segne das Haus.

Geblieben ist auch die Symbolik der Tür als "Visitenkarte" des Hauses. "Die Haustür ist wie ein Händedruck", sagt Ullmann-Süß. Früher hatte jedes Gebäude eine individuelle, maßgefertigte Eingangstür: "Die Tür richtete sich nach den Öffnungen", erklärt Manfred Süß, gelernter Schreiner und Verwalter im Museumsdepot. "Heute ist es umgekehrt. Wir haben DIN-Normen, Türen und Fenster sind standardisiert." Allerdings gebe es inzwischen eine Gegenbewegung: "Man will sich absetzen, das Handwerk ist gefragt für Sonderanfertigungen." Das komme natürlich teurer als die Massenware aus dem Baumarkt. Doch auch in früheren Zeiten habe die Haustür schon Rückschlüsse auf den Wohlstand der Hausbewohner erlaubt: "Sie hat Armut und Reichtum angezeigt", sagt Süß.

"Früher haben die Türen gesprochen", erklärt Johanna Ullmann-Süß. Handwerker hätten oft ihre Zunftzeichen angebracht, der Müller etwa ein Mühlrad. Manchmal musste die alte einer neuen Haustüre weichen, doch ausgemustert war sie damit noch lange nicht: "Alles wurde wiederverwertet, nichts einfach weggeworfen. Die Haustür wanderte nach innen und ganz zuletzt war sie dann vielleicht noch die Aborttür."

Hintergrund:

Sonderausstellung "Zwischen Tür und Angel"

Auch im Jahr 2021 gibt es eine Sonderausstellung im Oberpfälzer Freilandmuseum in Neusath bei Nabburg. Die vom Bauernmuseum Bamberger Land konzipierte Schau "Zwischen Tür und Angel" wird mit eigenen Exponaten ergänzt und aufgewertet. Voraussichtlich ab März werden Türen, Tore, Ofentüren, Fenster und Fensterläden sowie Beschläge zu sehen sein. Eine Besonderheit aus dem Neusather Bestand sind gepolsterte Türen, die unter einer Stoffbespannung mit Rosshaar, Stroh oder Textilresten gedämmt sind. Im Oberpfälzer Freilandmuseum wird die Ausstellung auch auf die Zeit von den 50er bis zu den 70er Jahren Bezug nehmen, als Vertreter im ländlichen Raum umherzogen und Türen verkauften. (m)

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