Robert Kulzer und der Netflix-Spielplatz

Millionen Euro teuere Drehs, weltberühmte Schauspieler, außergewöhnliche Filmkulissen. Für den gebürtigen Flosser Robert Kulzer ist das nach Jahrzehnten als Produzent in den USA mittlerweile Alltag. Nun erscheint sein erster Netflix-Film.

Waffen, eine Leiche, krachende Action. „Polar“, der neue Film von Produzent Robert Kulzer, hat es wieder einmal in sich.
von Christopher Dotzler Kontakt Profil

Wenn Robert Kulzers Eltern, Mama Mathilde (77) und Papa Albert (79), mal wieder für einen der neuen Produktionen des Sohnemannes an der Kinokasse stehen, ernten sie mitunter verwunderte Blicke. Die Filme Kulzers richten sich meist an ein jüngeres Publikum, das explizit auf Horror und Action steht. Der 54-Jährige hat unter anderem „Resident Evil“ und „Wrong Turn“ produziert. Für seinen neuen Film müssen die Eltern diesmal nicht ins Kino. „Polar“, ein Actionkracher mit Mads Mikkelsen in der Hauptrolle, läuft seit 25. Januar auf dem Streamingdienst Netflix. Im Interview spricht Kulzer über seinen neuen Film, die Unterschiede zwischen Filmstudios und Netflix sowie seine nächsten Projekte.

ONETZ: Über „Resident Evil: Apocalypse“ haben Sie einmal gesagt: „Es war der größte Spaß meines Lebens, diesen Film zu produzieren. Wir hatten Riesenschauplätze, Kampfhubschrauber, die Cityhall angegriffen, Tausende von Zombies und Straßenschlachten, wo wir nächtelang Tausende von Platzpatronen verballert haben.“ Auch in „Polar“ kracht‘s gewaltig. Hat der Dreh wieder so viel Spaß bereitet?

Robert Kulzer: Ein Film, der „Polar“ heißt, verspricht zumindest das eine: kalte Füße. Das gesamte Team war auf der Suche nach den besten Stiefeln gegen Kälte. Zum Thema Spaß beim Drehen: Meine Rolle hat sich im Laufe der Jahre leider mehr und mehr weg vom Drehort entwickelt. Ich verbringe jetzt sehr viel mehr Zeit am Schreibtisch und am Verhandlungstisch. Wenn dann mal richtig geballert wird, wie das bei „Polar“ des Öfteren der Fall war, bin ich schon auch gerne mal dabei. Der Geruch von Schießpulver ist einfach immer wieder mal angesagt.

ONETZ: Erzählen Sie gerne mehr über die Entstehung des Films. Was ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Robert Kulzer: Wir haben die Rechte an den Polar-Comics von Dark Horse erworben. Die hatten bereits ein sehr gutes Drehbuch von Jayson Rothwell entwickelt. Ich war zu dem Zeitpunkt gerade 50 geworden. Das Drehbuch ging damit los, dass die Hauptfigur Duncan (gespielt von Mads Mikkelsen, d. Red.) kurz vor dem 50. Geburtstag steht und sich vom Arzt die Prostata checken lässt. Wir erfahren, dass Duncan, der ein Top-Assassin ist, dies zum Anlass nimmt, über den Sinn des Lebens nachzudenken. Das war mir natürlich sofort sehr sympathisch. Man kommt ja irgendwann ins Grübeln, ob es das nun war im Leben. Und genauso wie Duncan letztlich erkennt, dass er einfach am besten im Leute umbringen ist, so geht es mir mit dem Filmemachen. Ich kann leider nichts anderes. Die Zusammenarbeit mit Jonas Akerlund war echt Wahnsinn. Er ist kein kommerziell orientierter Regisseur. Er will einfach nur geiles Zeug machen. Das war für alle Beteiligten eine große Herausforderung, aber es hat auch tierisch Spaß gemacht.

ONETZ: Mit Mads Mikkelsen spielt einer der profiliertesten europäischen Schauspieler in Ihrem neuen Film mit. Wie wandelbar Mikkelsen ist („Die Jagd“, „Casino Royale“), hat er schon mehrfach unter Beweis gestellt. Wie hat er sich als pensionierter Auftragskiller geschlagen?

Robert Kulzer: Mads ist einfach nur cool. Er lässt sich nichts vormachen, er hat ein unglaubliches Gespür für das Authentische und er ist hyper-intelligent, was leider dazu führt, dass alles bis ins Detail ausdiskutiert werden muss. Aber er hat mit Duncan einen Charakter kreiert, der echt Spaß macht. Ich hoffe, dass wir noch weitere Abenteuer des Black Kaisers (die von Mikkelsen verkörperte Figur; Anm. d. Red.) erleben dürfen.

Für „Monster Hunter“ drehte Robert Kulzer in Namibia.

ONETZ: Im Trailer von „Polar“ ist zu sehen, dass die Graphic-Novel-Adaption mit einem außergewöhnlichen Look daherkommt. Ist so ein Film heutzutage einfacher über den Streamingdienst Netflix realisierbar oder wäre „Polar“ auch als Kino-Release denkbar gewesen?

Robert Kulzer: So wie der Film bei Netflix zu sehen ist, hätten wir ihn fürs Kino nicht machen können. Sowohl was die Gewalt anbelangt, als auch das Gesamtbudget. Als Independent-Kinofilm hätten wir den Film wahrscheinlich für ein deutlich kleineres Budget machen müssen. Wir hatten den Film ursprünglich als Kinofilm konzipiert. Als Netflix Interesse bekundete, war das für uns auch eine strategische Entscheidung. Wir wollten gerne auch im Netflix-Spielplatz mitspielen. Man muss sagen, dass es eine sehr gute Erfahrung war und noch ist.

ONETZ: Ganz allgemein: Wie sehr verändern die Streamingdienste (allen voran Netflix) die Filmlandschaft?

Robert Kulzer: Das ist bei uns täglich Thema. Auf der einen Seite wird Netflix als möglicher Partner, Vertrieb, Financier immer wichtiger. Andererseits wird durch die aggressiven Streamer dem Kino noch schneller der Garaus gemacht. Die Stoffauswahl, was heute oder in zwei oder in fünf Jahren noch im Kino interessant sein könnte, wird immer schwieriger und extremer. Wir sehen uns als Kinoproduzenten, aber man muss sich schon sehr genau überlegen, wofür jemand heute noch ins Kino gehen will. Wir reden da viel über immersives Kino: zusammen lachen, zusammen weinen, zusammen auf eine Reise gehen. Es muss das Versprechen abgegeben werden, dass man im Kino gemeinsam etwas erlebt.

ONETZ: Anknüpfend daran: Sie sind nun schon jahrzehntelang in der Filmbranche tätig: Wie sehr hat sie sich in den letzten 20 Jahren verändert? Und wo führt der Weg hin – wie könnte sie in 20 Jahren aussehen?

Robert Kulzer: Heute ist Kino hauptsächlich Brand Management: Disney macht das vor mit Marvel, Pixar, Star Wars und jeder andere versucht so gut wie möglich mitzuhalten. So wie auch wir mit „Fantastic Four“, „Resident Evil“, jetzt „Monster Hunter“ und bald schon „Just Cause“ immer auf der Suche nach großen Marken sind.

Trailer "Polar"

ONETZ: Was sind die Unterschiede, wenn Sie für eine der großen Filmstudios oder Netflix produzieren?

Robert Kulzer: Ich habe dazu noch keine endgültige Meinung, aber im Prinzip finden die Studios immer was auszusetzen: der Film ist zu dies oder das, der Schauspieler nicht bekannt genug, der Film nicht lustig, spannend, einfallsreich und so weiter. Und Netflix findet immer alles super.

ONETZ: Einmal ganz konkret für unsere Leser: Was waren Ihre Aufgaben als Produzent bei „Polar“?

Robert Kulzer: Ich war sehr in die Auswahl und das Development des Stoffes involviert. Ebenso in die Finanzierung. Als es klar wurde, dass der Film bei Netflix landen würde, konnten wir auch sehr viel entspannter mit dem Regisseur umgehen. Anders als bei einem Kinofilm, wo es darum geht, ständig an das Publikum zu denken, konnten wir hier dem Regisseur relativ freie Hand lassen. Bei "Polar" hatte ich auch den Luxus, mit meinem langjährigen Produktionspartner Jeremy Bolt zu arbeiten. Er war jede Minute am Ball. Ich konnte mich währenddessen um andere Dinge kümmern, unseren Film „The Silence“ mit Stanley Tucci, Kiernan Shipka und Miranda Otto, und um neue Projekte. Ich war sehr in die Post-Produktion involviert, da Jeremy zu dem Zeitpunkt schon in Südafrika war, bei den Dreharbeiten zu unserer neuen Videospiel-Adaption „Monster Hunter“, der 2020 weltweit in die Kinos kommt.

ONETZ: Welche von Ihnen produzierte Filme sind in diesem Jahr noch zu erwarten?

Robert Kulzer: Noch ist kein neuer Film gegreenlightet, aber wir arbeiten fieberhaft an der Videospiel-Adaption „Just Cause“, einer Comic-Verfilmung „Danger Girl“ und einem Reboot von Resident Evil. Es bleibt auf jeden Fall spannend.

Mads Mikkelsen (links) spielt im neuen Film von Robert Kulzer einen pensionierten Auftragskiller.
Zur Person:

Robert Kulzer ist in Floß (Kreis Neustadt/WN) aufgewachsen, ging in Neustadt ins Gymnasium und studierte dann an der Filmhochschule in München. Er ist mit der Drehbuchautorin Leni Ohngemach verheiratet. Seine Eltern Albert und Mathilde Kulzer wohnen in Vohenstrauß. Robert Kulzer arbeitete beim Filmunternehmen Constantin in München als Lektor. Bei einer Weihnachtsfeier lernte er Bernd Eichinger kennen, die Chemie zwischen den beiden stimmte sofort. Sie beschlossen, zusammen nach Los Angeles zu gehen. Kulzer und der mittlerweile verstorbene Eichinger lebten in Beverly Hills vier Jahre lang in einer Art „Luxus-WG“ zusammen. Der Oberpfälzer hat in seiner Karriere so bekannte Filme wie „Wrong Turn“ (2004), „Tarzan“ (2013), „Fantastic Four“ (2015) und die „Resident Evil“-Reihe produziert.

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