Stromversorgung in der Region: Im Corona-Notfall ins Schullandheim

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Wie wird die regionale Stromversorgung im Pandemie-Notfall sichergestellt? Das Bayernwerk hat einen speziellen Quarantäne-Plan. Um das Notnetz zu steuern, müssen sich die Mitarbeiter dann isolieren - in einem Ferienhaus im Kreis Neustadt.

Bayernwerk-Vorstandsvorsitzender Reimund Gotzel in einem der Zimmer, die im Kreis Neustadt für den Quarantänebetrieb vorgehalten werden.
von Maria Oberleitner Kontakt Profil

Betritt man das Gebäude, fühlt man sich schnell wie im Schullandheim. Das liegt auch daran, dass es eigentlich ein Ferienhaus für die Bayernwerk-Mitarbeiter und ihre Familien ist - und zur Erholung darf es schon mal ein wenig rustikaler sein. An einer Anschlagtafel neben dem Eingang wird darum gebeten, man solle bitte keine Speisereste durch die Toiletten entsorgen. Über Laminatboden mit einem Kachelmuster, das wohl in den 80er Jahren modern war, erreicht man die Gästezimmer. Auf den Betten liegen Lindt-Pralinen, Zahnputzzeug neben dem Waschbecken. In der Küche stehen packerlweise Kaffee und Cornflakes, daneben Honig und Nutella.

Betreten verboten

Das Betreten dieses Hauses, umgeben von viel Wald, ist eigentlich verboten - denn es gehört zum Quarantänebetrieb für die Notnetzsteuerung in Schwandorf. "Faktisch bedeutet Quarantänebetrieb in diesem Fall: Kasernierung", erklärt Bayernwerk-Vorstandschef Reimund Gotzel. Das bedeutet: Je sieben Mitarbeiter arbeiten in Tag- und Nachtschichten in den beiden Netzleitstellen im Kreis Schwandorf. Alle 14 wohnen in jenem Ferienhaus, die sieben Mitarbeiter der Tagschicht begegnen denen der Nachtschicht allerdings nicht. Jeweils nach zwölf Tagen wechselt die Belegschaft. Zweimal am Tag bringt ein Caterer warmes Essen, geputzt würden die Zimmer während der Abwesenheit der Mitarbeiter.

Wie es zu dieser Idee kam? Der Vorstandschef erinnert sich an die Faschingsferien: "Weil wir kritische Infrastruktur betreiben, haben wir zwar Notfallpläne für alle möglichen Krisen in der Schublade, aber auf eine Corona-Pandemie waren wir nicht vorbereitet." Pläne mit Grundelementen für epidemiologische Ereignisse habe es aber gegeben, ergänzt er. In einer fünfstündigen Krisensitzung wurde das Konzept für den Quarantänebetrieb erarbeitet. "Wir sind zwar ein extrem technisches Unternehmen, aber ohne unsere Mitarbeiter sind wir nichts", so Gotzel. Deshalb habe sich alles um die eine Frage gedreht: "Wenn es ums nackte Überleben geht, wen brauchen wir? Unsere Mitarbeiter in den Netzleitstellen erhalten grundsätzlich das Leben aufrecht. Ohne Strom erreichen wir wahrscheinlich schnell solch einen Zustand wie Anarchie."

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Die Mitarbeiter der Netzleitstellen, erklärt der Bayernwerk-Chef, sind dafür verantwortlich, den Energiefluss im Gleichgewicht zu halten. "Das ist eine Mannschaft mit sehr spezifischen Kenntnissen." Kenntnissen, die zum Betrieb des Hoch-, Mittelspannungsstromnetzes sowie des Erdgasnetzes erforderlich sind. Es hätten sich auf einen Aufruf sofort mehr Freiwillige bereit erklärt, sich in Quarantäne zu begeben, als eigentlich gesucht wurden. "Das gehört auch ein wenig zur Berufsehre", so Gotzel.

Vom Beschluss bis zur Umsetzung - inklusive Blumen auf dem Tisch und neuinstalliertem Wlan - habe es keine drei Tage gedauert, sagt Stefan Heller, Teamleiter Bayern Nord, nicht ohne Stolz. Dazwischen kamen neue Matratzen und sterile Bettwäsche per Expressversand hier an, es wurde ein wenig umdekoriert: So musste etwa ein Bild von Franz Josef Strauß in der Küche einem Kaminski weichen. König Ludwig dagegen durfte bleiben. Ende März wurde das Haus mit seinen insgesamt drei Ferienwohnungen noch komplett desinfiziert - und seitdem liegt das Szenario "Quarantänebetrieb" auf Eis. Anhand des Infektionsgeschehens kann jederzeit entschieden werden, das Szenario in Betrieb zu nehmen.

Psychologische Begleitung

Auch während der Kasernierung gäbe es einen Betriebsarzt als Ansprechpartner und zur psychischen Unterstützung. "Schon bevor die Gruppen zusammengestellt wurden, wurden die Kollegen psychologisch begleitet." Es werde darauf achtgegeben, dass die Mitarbeiter nicht nur körperlich, sondern auch psychisch fit seien, um solch eine Kasernierung durchzustehen.

Apropos fit: Damit die Stromversorger in ihrer Quarantäne sicher sind und auch mal spazieren oder joggen gehen können, soll nicht in der Zeitung stehen, wo genau das Haus steht. Auf die Frage, wie lange eine solche Kasernierung aufrecht erhalten werden könnte, antwortet Gotzel nur: "Wenn die Pandemie tobt, dann tobt sie."

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