Trassen-Zoff in Neustadt

Die Streitthemen der Region gerafft in 45 Minuten: Bei "Jetzt red i", gesendet aus Neustadt/Waldnaab, ist Zoff erwünscht. FDP-Fraktionschef Martin Hagen attackiert Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger, Süd-Ost-Link-Gegner beide und Unternehmer alle zusammen.

Zu Gast in Neustadt: BR-Kultsendung „Jetzt red i“ mit Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger und FDP-Fraktionschef Martin Hagen in der Arena.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Vorab im Einspielfilm Milchbauer Hubert Meiler in der Rolle seines Lebens: Seit über 500 Jahren ist seine Hofstelle in Störnstein bewirtschaftet, die nächste Generation packt bereits mit an: "Die Trasse macht bei uns 20 Hektar landwirtschaftliche Fläche kaputt", sagt Meiler, "da gibt's danach keine Regenwürmer mehr." Die Verlegung der Kabel und Magnetfelder machten dem Bodenleben den Garaus.

Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger zeigt sich betroffen: "Die Pflanzen sind schon jetzt aufgrund der Trockenheit geschädigt, die Trasse beeinflusst das Pflanzenwachstum massiv." Nur: "Das ist bundespolitische Beschlusslage." Er versuche, die Rahmenbedingungen durch Zubau von regenerativen Anlagen in Bayern so zu verändern, dass der Bedarfsplan in zwei Jahren feststelle: "Wir haben die wegfallende Kernenergie ersetzt." Er sei fast wöchentlich mit der Bundesregierung in Kontakt. Ein erster Erfolg: die wahrscheinliche Streichung der Trasse P44.

"Sie streuen den Wählern Sand in die Augen"

FDP-Fraktionschef Martin Hagen hält dagegen: "Wir brauchen die Trasse für die Wirtschaft und für die Menschen. Der Minister weiß das." Schließlich sei der bei der Pressekonferenz mit Söder dabei gewesen, als der Ministerpräsident den Süd-Ost-Link für die Regierung ohne Wenn und Aber billigte. "Sie streuen den Wählern Sand in die Augen, weil Sie viele Stimmen in der Region gewonnen haben." Jetzt könne er als Minister die Trasse nicht verhindern. "Das führt zu Politikverdrossenheit."

Und natürlich darf auch Neustadts Landrat Andreas Meier seinen Vorschlag zur Verlegung im Grünstreifen der Autobahn vortragen: "Die Trasse wurde uns durch Verlagerung des Endpunkts aufs Auge gedrückt", schimpft er. Da sei die Bündelung an der Autobahn nur recht und billig.

Stattdessen überprüfe die Bundesnetzagentur die eigenen Vorgaben, um festzustellen: Diese gäben es nicht her. "Es ist in Frankreich, in Belgien möglich, Tiefbauexperten sagen, dass es technisch kein Problem ist." Der Preis für die Streichung der Trasse P44, für die sich Aiwanger lobe, sei im Übrigen die Verdoppelung der Kapazität des Süd-Ost-Links.

Tennet liebt Bündelung

Tennet-Sprecher Martin Groll widerspricht dem Landrat routiniert: „Wir lieben Bündelung und haben uns die Autobahn angeschaut“, sagt er, ohne zu erwähnen, welchen Teil der A93 man da genau unter die Lupe genommen habe. „Die ist von vornherein ausgeschieden“, fährt er fort, „weil sie schlechter als andere Varianten sei.“ Und deshalb liege sie jetzt auch nicht auf dem Tisch, wenn die Bundesnetzagentur die Auswahl treffe.

Die Sprecher der Trassengegner ziehen alle Argumente der Befürworter in Frage: „Über diese Trassen wird keine Windenergie fließen“, behauptet Josef Langgärtner von der Bürgerinitiative Landkreis Neustadt/WN und Weiden gegen die Monstertrassen. „Diese reicht gerade zur Hälfte für die norddeutschen Länder selbst.“ Stattdessen transportiere der Süd-Ost-Link Kohle- oder sogar Atomstrom aus Temelín und der Ukraine. Dörte Hamann vom Aktionsbündnis gegen die Süd-Ost-Trasse bezweifelt die These von FDP-Fraktionschef Hagen, das 36 Prozent Atomstrom das bayerische Netz am Laufen halte: „Das ist veraltet.“ Sie würde dafür zu gern wissen, wie die großen Leitungen die angebliche Lücke überbrücken sollen, wenn die doch erst frühestens 2030 in Betrieb gehen könnten.

„Wildwest-Methoden“

Das beantwortet Tennet-Sprachrohr Groll zwar nicht, wiederholt dafür bekannte Positionen: „Jeder der schon mal nach Osten gefahren ist, sieht die Windräder.“ 17 Gigawatt seien da in Planung – und zwar eine „grüne Leitung“. Das könne jeder nachverfolgen: „Wir lassen das streng überprüfen, wo der Strom herkommt.“ Eine größere Beeinträchtigung der Landwirtschaft sieht er ebenfalls nicht: „Wir haben bereits über 1000 Kilometer an solchen Leitungen verbuddelt.“ Nach Tennet-Erfahrungen ohne Befund. „Wir möchten die Landwirte fair entschädigen“, lockt Groll mit einer Beschleunigungsprämie: „Wer sich innerhalb von acht Wochen mit uns einigt, bekommt einen Zuschlag.“

„Das sind doch Wildwest-Methoden“, ärgert sich Doris Zölch, deren Familienbetrieb 50 Milchkühe im Stall stehen hat. „Wenn ich in fünf Jahren aufhöre, kann ich freilich sofort verkaufen.“ Wenn man aber wie ihre Familie am Hof hänge, weiter wirtschaften wolle, sei das eine Frechheit: „Die Trasse geht quer durch unser schönstes, größtes Feld“, sagt sie, „das sind zwei Hektar, die uns kaputt gemacht werden.“ Schlaflose Nächte bereiteten ihr die Pläne. „Einige werden wieder schnell verkaufen, andere schauen in die Röhre“, prophezeit sie. „Der soziale Friede ist dadurch stark gefährdet.“

Neustadt an der Waldnaab

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