09.10.2020 - 11:18 Uhr
NürnbergDeutschland & Welt

Die Rückkehr der Fans: Ekstase auf Abstand

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In den meisten deutschen Fußballstadien ist wieder Publikum erlaubt – trotz steigender Corona-Fallzahlen. Halten sich die Zuschauer an die Regeln? Wie ist die Atmosphäre auf den Rängen? Beobachtungen in Nürnberg.

Erst wer im Stadion seinen Sitzplatz erreicht hat, darf die Maske abnehmen.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Flaschen ploppen, Kronkorken klackern, Glas klirrt auf Glas. In der S-Bahn hängt ein nasenhaarsträubendes Gemisch aus Bier, Schweiß und scharfem Desinfektionsmittel in der Luft. Fans in Rot-Schwarz stehen eng beisammen und unterhalten sich über Fußball. Ihre Gesichtsmasken baumeln lose ums Kinn, sonst könnten sie ja ihr Bier nicht trinken. Es ist 19.25 Uhr, als der Zug im Bahnhof Nürnberg Frankenstadion einfährt. Draußen ist es schon dunkel. Die Luft ist kühl, allerdings noch nicht so kalt, als dass der Atem in weißen Wölkchen aufstiege. Vermute ich, ich trage schließlich eine Maske. In der Ferne leuchten die vier Flutlichter des Nürnberger Stadions.

Der 1. FC Nürnberg empfängt die Mannschaft aus Darmstadt. Ein Zweitligaspiel im Nürnberger Südosten am Montagabend. Es ist bereits die zweite Partie, bei der in Nürnberg seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie im Frühjahr wieder Zuschauer zugelassen sind. Dem niedrigen Inzidenzwert im Stadtgebiet sei Dank, er liegt - Stand Montag - bei 14,66 und damit deutlich unter dem kritischen Wert von 35 Neuinfektionen in einer Woche pro 100 000 Einwohner. Das bedeutet: Die Stadien dürfen zu 20 Prozent ihrer Kapazität gefüllt werden, so schreibt es das Konzept der Deutschen-Fußball-Liga vor. In Nürnberg wären somit 10 000 Zuschauer erlaubt. Knapp 6000 werden erwartet, ein Fünftel des Zuschauerschnitts in der Vor-Corona-Zeit. Trotz aller Konzepte und Vorschriften muss die Frage erlaubt sein: Sind Massenveranstaltungen angesichts steigender Fallzahlen nicht zu gefährlich? Hält sich die Spezies Fußballfan an diese Vorschriften? Es ist ein Spiel mit ungewissem Risiko, eine Lockerung unter Vorbehalt.

Vom Bahnsteig strömen die Fans in Richtung Stadion. Erster Zwischenstopp: ein Fan-Treffpunkt zwischen zwei viel befahrenen Straßen. Eine Maske trägt niemand mehr. Bier gibt es dagegen reichlich. An einem kleinen Stand plärrt der Verkäufer sein Angebot in die Nacht, der Andrang ist groß. Knapp 30 Leute sitzen hier zusammen. Pandemie? Keine Spur. Der Treff wirkt wie eine glückliche Insel zwischen zwei Maskenpflichten, vorher am Bahnhof, danach im Stadion. Hier bin ich Fan, hier darf ich's noch sein, scheint die Devise.

Über einen Schotterweg erreicht man das Stadion. Einige Fans sind schon da. Freilich, deutlich weniger als sonst, aber genug, damit der Mindestabstand von 1,5 Metern eine Herausforderung ist. Die einzelnen Sektoren des Stadions sind strikt durch Absperrungen und Bänder getrennt. Immerhin der Fanshop ist für alle zugänglich. Heute im Sonderangebot: Gesichtsmasken im Club-Design. Na klar.

Die Eingänge zu den einzelnen Sektoren des Stadions sind strikt durch Bänder und Absperrgitter getrennt.

Imbiss ja, Alkohol nein

Vor dem Einlass kommt mir ein älterer Fan in Kutte entgegen. "Abstand halten, gutes Spiel" wiederholt er ständig, wie ein Mantra. Zu einer anderen Zeit hätte ich ihn für verrückt, mindestens aber betrunken gehalten. Jetzt drängt sich mir nur ein Schmunzeln auf die Lippen. Er hat ja recht. Der Einlass klappt zügig, sogar mit dezentem Abstand. Gleich dahinter erwartet ankommende Fans ein großes Plakat: "Danke für's gemeinsam möglich machen" steht darauf. Ein verfrühter Dank? Möglich sind Stadionbesuche schließlich nur so lange, wie die Zuschauer mitziehen, alle Regeln brav einhalten und bei Symptomen zu Hause bleiben. Bislang gibt es aber keinerlei Schwierigkeiten. Die Masken sind auf, niemand meckert.

Noch eine halbe Stunde bis zum Anpfiff, Zeit für eine Bratwurstsemmel. Die Anweisungen seitens der Liga sind klar und strikt. Essen und Getränke sind erlaubt, Alkohol allerdings nicht. Allzu oft stehe schließlich Trunkenheit in Zusammenhang mit Ausschreitungen und Hooligans, heißt es. Abwegig ist das nicht. Außerdem: Wer sich drei-, viermal am Bierstand anstellt, um Nachschub zu holen, der stellt womöglich auch das Thema Infektionsschutz an – und zwar weit hinten. Helles und Weißbier sind auf der Angebotsliste überklebt. Eine kleine, tragische Geschichte spielt sich ab, als ein Fan in tiefstem Fränkisch und mit besorgtem Blick fragt: "A Bier habts wohl kaans da?" Nachdem die Bedienung ihn auf das Alkoholverbot hinweist, trottet er enttäuscht davon, ein Alkoholfreies mag er nicht. In der Warteschlange sind die Abstände mit Kreidestrichen aufgezeichnet, längst nicht alle halten sich daran, zu groß ist der Andrang. Es fehlt schlichtweg der Platz. Dennoch bemüht sich jeder um größtmöglichen Abstand.

Hat man dann doch eine Bratwurstsemmel ergattert, fränkisch: Drei im Weckla, ist Warten angesagt. Zuschauer sind angehalten, ihr Essen "erst nach dem Erreichen ihres Sitzplatzes zu verzehren", schreibt der Verein vor. Mein Sitzplatz ist im Oberrang, Block 18, Reihe 9, Sitz 42. Die Treppen sind jeweils mit kleinen Pfeilen gekennzeichnet. Rot für nach unten, weiß für nach oben. So sollen Begegnungen zwischen Fans, die sich aneinander vorbeischieben müssten, vermieden werden. Allzu ausgeklügelt ist dieses Wegeleitsystem zwar nicht, aber es funktioniert. Als ich meinen Platz erreiche, schnaufe ich erstmal durch und befreie mein Gesicht von dem leidigen Stückchen Stoff. Meine "Drei" schmecken bestens, wenigstens darauf ist Verlass.

Ekstase light

20.15 Uhr, in einer Viertelstunde geht´s los. Die ersten Klänge der Stadionmusik, Grölen von den Rängen, es hört sich nach Stadion, nach Fußball an. Endlich. Im März hatte die DFL beschlossen, keine Zuschauer mehr in die Stadien zu lassen. Der Aufschrei war groß, flaute aber bald ab, als die Corona-Infektionen im April rasant zunahmen. Dann kam der nächste, wenngleich erwartbare Tiefschlag. Die Europameisterschaft fiel aus, die Olympischen Sommerspiele ebenso. Die Sportwelt wankte, Vereine blickten mancherorts in einen nie gekannten Abgrund. Schalke 04 etwa hat noch immer mit den finanziellen Einbußen durch die sogenannten Geisterspiele zu kämpfen. Im August hellte sich die Lage etwas auf, als die Liga ein mit der Politik abgestimmtes Konzept vorlegte und zum (verspäteten) Start der neuen Saison wieder Zuschauer erlaubte. Eben diese 20 Prozent.

Erst jetzt fallen mir die freien Plätze auf, drei unbelegte Sitze, dann folgt wieder ein Zuschauer. Die vielen kleinen Pünktchen wirken in diesem riesigen Stadion wie Streusel auf rotem Zuckerguss. Spätestens nach dem Anpfiff ist aber klar: Selbst mit drastisch reduzierter Auslastung hat ein Fußballspiel noch mehr vom berühmten Hexenkessel als von einem Geisterspiel. Die Stimmung ist prächtig, gelöst, Ekstase light. Es scheint, als sei die Freude über die wiedergewonnenen Möglichkeiten bedeutend größer als der Ärger wegen der verbleibenden Einschränkungen. Nach nur drei Minuten führt Nürnberg mit 1:0, Toben auf den Rängen. Ohne freie Plätze wäre die Abstandsregel jetzt tausendfach übertreten worden. Ein Fußballspiel im Fernsehen kann dieses Gefühl nicht transportieren. Da half auch die Ton-Option "Stadion-Atmosphäre" in diesem dürren Fußball-Sommer nichts. Live bleibt live. Vielleicht hat die geringere Auslastung im Stadion sogar eine integrative Wirkung: Deutlich mehr Fans trauen sich mitzusingen, die Stimmung – wenngleich auf Sparflamme – ist nicht nur den Ultras auf den Stehplätzen überlassen.

Das alte Spiel?

Halbzeit. Wieder strömen die Fans zu den Imbissständen und Toiletten. Da jetzt alle gleichzeitig unterwegs sind, herrscht dichtes Gedränge. Immer wieder mahnen Ordner zu mehr Abstand, nicht immer folgt man ihren Anweisungen. Die Kreidestriche auf dem Boden sind jetzt hinfällig. In den Toiletten ist der Platz ebenfalls recht knapp. Beschwerden oder gar Auseinandersetzungen gibt es aber keine. Jeder legt ein Mindestmaß an Lockerheit an den Tag. Und auch ihren ganz eignen Humor scheinen die Nürnberger Fans nicht verloren zu haben. Als der Club im Laufe der zweiten Halbzeit mit 2:1 führt, schallt das Europapokal-Lied von den Rängen. Nürnberg ist Zweitligist und hat mit internationalem Fußball herzlich wenig zu tun. Das Stadion singt trotzdem, um der guten alten Zeiten willen. Damals, als man noch sportlich erfolgreich war, vielleicht aber auch, als es noch keine Corona-Pandemie gab.

Zwischen allen Zuschauern müssen mindestens drei Plätze frei bleiben. Wer zu zweit oder als Gruppe kommt, darf natürlich nebeneinander sitzen.

Nach dem Schlusspfiff leert sich das Stadion noch schneller als ohnehin üblich. Staus in den Gängen gibt es kaum und wo doch, dort lösen sie sich rasch auf. Viele warten geduldig, bis sie ihre Sitzreihe verlassen können. Wer noch keine Maske trägt, setzt sie jetzt hastig auf. Draußen, vor den Ausgängen, zerstreut sich die Menge endgültig.

Die Befürchtung, Fußballspiele in großen Stadien könnten sich als Super-Spreader-Events für das Coronavirus erweisen mit explodierenden Fallzahlen im Anschluss, die bestätigt sich aktuell nicht. Im Großen und Ganzen, kleine Probleme ausgeklammert, scheint das Konzept zur "schrittweisen Rückkehr der Fans" schließlich zu funktionieren. Ein wirkliches Wir-Erlebnis, ein Zusammenstehen auf den Rängen kommt zwar noch nicht auf, der erste umsichtige Schritt zurück aber ist gemacht. Vieles ist ungewohnt, die Hygiene-Bestimmungen verlangen den Zuschauern einiges an Selbstdisziplin ab. Besonders eine bittere Konstante ist da beinahe tröstlich. Trotz zweimaliger Führung geht Nürnberg an diesem Abend als Verlierer vom Feld. Der Gegentreffer zum 2:3 fällt in der Nachspielzeit. Manche Dinge ändern sich nie. Tradition verpflichtet, selbst während einer Pandemie. "Immer derselbe Scheiß", stänkert jemand hinter mir. Alles beim Alten. Maske auf. Nichts wie nach Hause.

Diese Typen gibt es im Amateurfußball

Oberpfalz
Übersicht :

Hygiene-Regeln im Stadion

Wer während der Corona-Pandemie ein Fußballstadion besuchen möchte, der muss sich an die Hygienevorschriften des Vereins und der Deutschen-Fußball-Liga halten. Die allgemeinen Vorschriften der Bundesländer sind selbstverständlich zu beachten. Diese Regeln gelten in Bayern:

  • Die erlaubte Zuschauerzahl ist auf 20 Prozent der Stadionkapazität begrenzt.
  • Bei einer 7-Tages-Inzidenz von mehr als 35 sind keine Zuschauer zugelassen.
  • Wer Krankheitssymptome verspürt oder aus einem Risikogebiet eingereist ist, ist angehalten, dem Spiel fernzubleiben.
  • Die Anreise zu Fuß, mit dem Rad oder per Pkw wird empfohlen.
  • Im Stadion sind abgesehen vom eigenen Sitzplatz Schutzmasken zu tragen.
  • Der Mindestabstand von 1,50 Metern ist stets einzuhalten.
  • Essen ist nur auf dem eigenen Sitzplatz erlaubt, Alkohol gibt es nicht.
  • Zwischen allen besetzen Plätzen bleiben drei Sitze frei. Nur wer zu zweit oder als Gruppe anreist, darf nebeneinander sitzen.
  • Der Gästeblock bleibt geschlossen.
  • Die Tickets sind personalisiert.
  • Personenbezogene Daten werden zur Nachverfolgung von Infektionsketten gespeichert.
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