13.10.2021 - 16:27 Uhr
OberpfalzDeutschland & Welt

Im eigenen Körper gefangen: Wie K.-o.-Tropfen an der Überzeugung nagen

Eine Frau möchte in einem Club in der Nordoberpfalz die erste Party nach der Corona-Auszeit genießen. Aufgewacht ist sie mit Selbstzweifeln und Gedächtnislücken - der Verdacht: K.-o.-Tropfen. Im Gespräch teilt sie ihre Erfahrungen.

K.-o.-Tropfen sind farblos und oftmals nicht zu schmecken, wenn sie heimlich in Getränke oder Speisen gemischt werden.
von Sebastian Böhm Kontakt Profil

Endlich wieder Party, endlich wieder live DJ's hören und endlich wieder das alte Leben genießen. Es ist das erste Disco-Wochenende nach der gefühlt endlos langen Corona-Zwangspause. Der Abend scheint perfekt. Sieben Freunde tanzen und trinken in einem Club in der nördlichen Oberpfalz. Aber für eine der sieben kommt es an diesem Abend anders – ganz anders. Es schlägt aus dem Nichts zu, aber gewaltig: das Gefühl der Willenlosigkeit.

"Mir war auf einmal schlecht, ich habe Kopfschmerzen bekommen und schließlich habe ich meine Beine nicht mehr gespürt", sagt die junge Frau. Zwischen dem letzten Schluck Bier und dem Tiefschlaf im Auto der Mutter lag höchstens eine halbe Stunde. "Ich kann mich nicht mehr an viel erinnern", erklärt sie. Nur daran, dass sie aus dem Club geschleppt wurde – von den Freunden und der Security. Es habe sich angefühlt, als wäre sie in ihrem eigenen Körper eingesperrt. Irgendwie ohnmächtig, aber auch irgendwie nicht. Ihr Verdacht: K.-o.-Tropfen.

Die unsichtbare Gefahr

K.-o.-Tropfen (von „Knock-out", englisch für „Außer-Gefecht-Setzung") sind farblos und oftmals nicht zu schmecken, wenn sie heimlich in Getränke oder Speisen gemischt werden. Schon zehn bis 20 Minuten nach der unbewussten Einnahme empfinden Opfer laut Polizeiangaben Übelkeit, Schwindel und plötzliche Schläfrigkeit. Sexualtäter oder -täterinnen nutzen die Schwäche ihrer Opfer, um sie auszurauben oder zu vergewaltigen. Das Opfer wacht später auf und kann sich meist an nichts erinnern.

Aktuell ist vor allem die Partydroge GHB (Gammahydroxybuttersäure) im Umlauf. "Dies wird medizinisch als Narkotikum genutzt und erzeugt Schlaf, in dem es auf Rezeptoren im Gehirn einwirkt", erklärt Dr. Timo Schmidt vom Klinikum St. Marien in Amberg auf Anfrage von Oberpfalz-Medien. Auch GBL (Gamma-Butyrolacton) wird verstärkt eingesetzt. Bekannter sind diese Stoffe unter den Namen Liquid Ecstasy, Bottle, Liquid X, Fantasy, Soap, Liquid E oder auch Gamma.

"Übertreibe ich jetzt?", "Vielleicht war es doch nur zu heiß im Club?" - Gedanken wie diese schwirrten der jungen Frau am nächsten Tag durch den Kopf. Selbstzweifel nagten an ihrer Überzeugung. "Mich haben Nachrichten erreicht in der Art: 'Ach komm, stelle Dich nicht so an, Du hast nur zu viel getrunken." Aber sie ist sicher: "Ich weiß ja, wie es ist, wenn man betrunken ist. Und das war ich sicher nicht. Ich war vor dem letzten Schluck noch topfit", sagt sie. Beim zweiten Bier des Abends gingen die Beschwerden los. Und das war leider nicht der einzige aktuelle Verdachtsfall im Zusammenhang mit K.-o.-Tropfen in der nördlichen Oberpfalz.

Am selben Wochenende hatte auch eine 20-Jährige den Verdacht, dass ihr beim Ausgehen K.-o.-Tropfen ins Getränk gemischt worden sind. Die junge Frau hat Anzeige bei der Kriminalpolizei Weiden erstattet. Trotz geringen Alkoholkonsums habe sie einen Gedächtnisverlust erlitten.

Hohe Dunkelziffer vermutet

Für die Polizei gestalte sich die Aufklärung entsprechender Sachverhalte aber als schwierig, da in den wenigsten Fällen der toxikologische Nachweis auf K.-o.-Tropfen erbracht werden könne, erklärt Polizeisprecher Florian Beck auf Anfrage von Oberpfalz-Medien. "Ursache dafür ist oftmals die zu große Zeitspanne zwischen Tat und Meldung an die Polizei." Die sogenannten K.-o.-Tropfen sind nur innerhalb eines kurzen Zeitraums im Körper nachweisbar - im Blut maximal für circa sechs Stunden und im Urin maximal circa für 12 Stunden. "Überdies lässt dieser Umstand in der Folge eine hohe Dunkelziffer vermuten", sagt Beck.

"Ich war nicht im Krankenhaus, das war falsch. Ich werde künftig gleich vorschlagen, dass man besser sofort zum Arzt fährt", sagt die junge Frau - wenn sie es denn zu diesem Zeitpunkt noch könne. Ansonsten hatte sie Glück im Unglück. Und vor allem Unterstützung. Zwei Freundinnen haben sie nicht mehr aus den Augen gelassen, haben die Mutter der jungen Frau verständigt und sind sogar mit ihr nach Hause gefahren.

Weggegangen ist sie mit der Vorfreude, den ersten richtigen Club-Party-Abend nach der Corona-Auszeit zu erleben. Aufgewacht ist die junge Frau mit Selbstzweifeln und Gedächtnislücken. Sie hat sich lange überlegt, ob sie sich öffentlich äußern möchte. Aber sie hat sich schließlich entschieden: Sie möchte ihre Erfahrungen teilen, um es den Tätern oder Täterinnen schwerer zu machen. Sie verlangt dabei nicht viel - nur: "Ich möchte, dass mir geglaubt wird, wenn ich das Gefühl habe, dass etwas nicht stimmt."

Kommentar: Vorschnelle Verurteilung der Opfer hilft nur den Tätern

Oberpfalz
Info:

So schützen Sie sich vor K.-o.-Tropfen

  • Lassen Sie Ihr Glas oder Ihre Flasche nie unbeobachtet.
  • Wenn Sie sich unsicher sind: Lassen Sie Ihr Getränk lieber unausgetrunken stehen.
  • Nehmen Sie keine offenen Getränke von Unbekannten an, lassen Sie sich nicht dazu überreden.
  • Hören Sie auf Ihr Bauchgefühl und meiden Sie Personen, die Ihnen komisch vorkommen.
  • Wenn Sie sich unwohl fühlen oder Ihnen schlecht wird: Sprechen Sie sofort Freunde, Bekannte oder das Personal an und bitten Sie um Hilfe.
  • Zögern Sie nicht, den Ort (Party, Disco) zu verlassen - aber nur mit einer Vertrauensperson.
  • Haben Sie den Verdacht, K.-o.-Tropfen zu sich genommen zu haben, vertrauen Sie sich einem Arzt an oder begeben Sie sich direkt in die Notfallambulanz eines Krankenhauses.
  • Im Zweifel immer die 110 (Polizei-Notruf) oder die 112 (Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst) anrufen.

Partygängerin (20) erstattet Anzeige: Verdacht auf K.-o.-Tropfen

Weiden in der Oberpfalz
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.