LEO Blog: Im Herzen für immer 16

Oberpfalz
09.11.2022 - 08:56 Uhr

Es ist alles eine Frage des Alters, nicht wahr? Nein, findet Redakteurin Julia Hammer. Warum sie sich auch mit 32 Jahren manchmal noch wie ein Teenager fühlt, erzählt sie in ihrer neuen Kolumne.

Es ist alles eine Frage des Alters, nicht wahr? Nein, nicht immer.

Ich habe zwei Fragen an dich. Nummer 1: Wie alt bist du? Nummer 2: Wie alt fühlst du dich? Ich bin 32. Mein gefühltes Alter? Ich würde sagen – zwischen 16 und 18. Damit meine ich meine Einstellung zu vielen Bereichen des Lebens. Körperlich macht sich das Alter tatsächlich auch mit 32 Jahren schon bemerkbar. Zwei Party-Abende hintereinander? Noch vor einigen Jahren kein Problem, heute bedeutet das acht anschließende Tage mühevolle Regenerationsphase. Auch Schlaf weiß ich heute mehr zu schätzen als noch mit 20. Ja, die Erscheinungen des Alters. Aber das ist ein anderes Thema. Mental sieht das anders aus.

Vor kurzem habe ich einen Freund aus meiner Jugend wieder getroffen – nach über zwölf Jahren. „Zwölf Jahre. Julia, wir sind erwachsen geworden.“ Aber sind wir das wirklich? Ich habe an diesem Tag lange darüber nachgedacht – und bin zu dem Entschluss gekommen: Nein, definitiv nicht. Ich muss noch immer über die gleichen dämlichen Witze lachen wie mit 16. Moment, kennst du den schon? Was ist ein Keks unter einem Baum? Na? Ein schattiges Plätzchen. Hast du geschmunzelt? Dann ist das ein eindeutiges Zeichen dafür, dass auch in dir noch ein kleiner, alberner Teenager schlummert. Ja. Ich lache über viel Schwachsinn. Und ich würde niemals meine Chucks gegen High Heels tauschen. Wenn ich mich entscheiden muss, ziehe ich den Grillabend auf dem Balkon in Jogginghosen immer dem Besuch eines schicken Restaurants vor. Und ja, ich habe immer noch eine beachtliche Sammlung von Band-Shirts. Joey Ramone, Kurt Cobain, Jim Morrison – sie alle leben bei mir zu Hause. Niemals könnte ich es übers Herz bringen, sie zu entsorgen. Ach ja, und da wären wir schon beim nächsten Punkt. Auch in Sachen Musik hat sich nichts geändert. Ich kann jedes, aber wirklich jedes, einzelne Nirvana-Lied mitsingen. Was ich auch lautstark mache. Noch heute freue ich mich mehr darauf, wenn ein neuer Horrorfilm im Kino anläuft, als auf eine ausgiebige Opernvorstellung. Schon Monate vorher checke ich die Vorschauen, notiere die Daten und fiebere wie ein kleines Kind der Premiere entgegen.

Warum ich dir das alles erzähle? Weil ich gemerkt habe, dass an das Alter bestimmte, gesellschaftliche Erwartungen geknüpft sind. Vorstellungen davon, wie man sich zu verhalten hat – und wie nicht. Vielleicht kennst du den Satz auch: Du bist doch schon viel zu alt für … Ich habe ihn schon oft gehört. Zu alt, um mich piercen zu lassen. Zu alt, um immer noch die Farbe Rosa zu lieben. Zu alt, um nächtelang durchzufeiern oder meine Wohnung an Halloween mit Geistern und Zombies in ein Horror-Haus zu verwandeln. Zu alt, um stolz darauf zu sein, jede einzelne Simpsons-Folge mitsprechen zu können. Zu alt, um immer noch eine stattliche Converse-Sammlung im Schrank zu haben. Gleichzeitig haben aber auch jene Menschen genaue Ideen davon, wie das Leben einer 32-Jährigen aussehen sollte: Eine exakte Familienplanung, denn „die Uhr tickt“. Hausbau. Eben der seriöse Lebensstil. „Bald bist du zu alt dafür.“ Ob ich mich mit diesen Themen beschäftige? Nein, weil sie in meinem Leben keine Rolle spielen. Ein eigenes Haus werde ich niemals bauen. Und auch eine Familienplanung habe ich nicht vorgesehen. Hingegen stellt sich mir die Frage: Wer legt fest, wann man sich wie fühlen muss? Wann man sich wie zu verhalten hat? Es gibt keine magische Grenze, die besagt: Ab 30 sind gewisse Dinge nicht mehr erlaubt. Die gibt es auch für 40, 50 oder 60 Jahre nicht.

Natürlich wird man verantwortungsvoller, übernimmt Aufgaben eines Erwachsenen, wird mit ernsten Situationen konfrontiert. Das ist wohl erwachsen. Und das ist auch gut so – solange der Spaß, die Spontanität und der manchmal kindliche Blick, der doch so schön sein kann, nicht verloren gehen. Ich will auch noch in 30 Jahren über dumme Witze lachen können, in Jogginghosen Horrorfilm-Abende abhalten und Kurt Cobain durch meine Wohnung dröhnen hören. Ich bin gespannt, ob ich jemals sage: Ich fühle mich komplett erwachsen. Aber ehrlich gesagt hoffe ich, dass es nie so weit kommen wird.

LEO Blog: Allein? Nein!

Oberpfalz16.05.2022
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