02.11.2020 - 16:55 Uhr
OberpfalzDeutschland & Welt

Die Oberpfalz steht unter Strom: Elektrifizierungspläne der Bahn im Überblick

Die Bahn treibt die Elektrifizierung des Streckennetzes in Nordostbayern voran. Allein in der Oberpfalz sind zwei zentrale Achsen mit rund 300 Kilometern Länge betroffen. Das Großprojekt macht einen Spagat nötig zwischen Umweltschutz, Bürgerinteressen und technischem Fortschritt.

Für die Elektrifizierung von 300 Kilometer Bahnstrecken in der Oberpfalz ist der Bau mehrerer neuer Stromleitungen nötig. Die Planungen hierzu sind unterschiedlich weit vorangeschritten – wie unser Zeitstrahl zeigt.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Die Deutsche Bahn hat eine digitale Werbekampagne gestartet: "Wir machen das Schienennetz in Nordostbayern fit für die Zukunft." Haben die Kommunikationsmanager der Bahn damit zu hoch gegriffen? Wohl kaum. Denn mit diesem bedeutungsschweren Satz wirbt das Unternehmen auf seiner Homepage für das vermutlich größte Eisenbahn-Infrastrukturprojekt in der Oberpfalz seit den Anfangsjahren des Schienenverkehrs.

Gemeint ist damit die geplante Elektrifizierung zweier wichtiger Linien: Die Nord-Süd-Verbindung von Marktredwitz über Weiden nach Regensburg sowie die Strecke von Nürnberg über Schwandorf nach Furth im Wald (und in der Verlängerung weiter nach Prag, deshalb auch "Metropolenbahn" genannt). Als Bestandteil zentraler europäischer Verbindungsachsen von Skandinavien ans Mittelmeer (Nord-Süd) und von Frankreich nach Tschechien (West-Ost, auch Rhein-Donau genannt), erhalten die beiden Korridore eine internationale Dimension.

Europäischer Lückenschluss

Die Elektrifizierung der Strecken in der Oberpfalz (und in ganz Nordostbayern) dient damit einem europäischen Lückenschluss: Weil der Bezirk eine der letzten "Diesel-Inseln" in Bayern und ganz Deutschland bildet - in der noch umweltschädliche Verbrenner-Loks verkehren anstatt moderner Stromzüge – erhält der Ausbau überregionale Bedeutung. Durch die Elektrifizierung ist eine höhere Taktung des Schienenverkehrs möglich. Dies dient der Energiewende, ermöglicht einen Anschluss der Region ans deutsche und europäische Fernverkehrsnetz und hat mehr Personen- und Güterzüge sowie schnellere Geschwindigkeiten zur Folge.

Doch was sich auf der Homepage der Bahn rein positiv liest, stellt sich in der Realität weitaus komplizierter dar. Vielerorts gibt es teils massiven Protest gegen den geplanten Bau neuer Trassen. Denn um den Strom zu den Zügen zu bringen, ist nicht nur der Bau von Oberleitungen an den Gleisen, sondern auch die Errichtung bahneigener Stromtrassen mit neuen Unterwerken (Umspannwerken) nötig – sagt zumindest das Unternehmen. Die Begründung: Züge fahren mit einer Frequenz von 16,7 Hertz, das öffentliche Netz wird aber mit 50 Hertz betrieben.

Die Kritiker befürchten neben einer Zerschneidung wertvoller und optisch reizender Landschaftsschutzgebiete die Beeinträchtigung der Lebensräume von Vögeln und Tieren, Wertverluste für Bauern und Anwohner sowie Gesundheitsschäden durch die Strahlung der Hochspannungsleitung mit 110 kV. Wie gestaltet sich die Situation an den einzelnen Strecken? Wir geben einen allgemeinen Überblick.

Nürnberg–Schwandorf

Der 90 Kilometer lange Abschnitt ist Teil der Metropolenbahn nach Prag und befindet sich seit Ende 2018 im vordringlichen Bedarf des Bundesverkehrswegeplans 2030 (BVWP). Dies bedeutet: Ein konkreter Planungsauftrag für die Elektrifizierung der Strecke durch das Verkehrsministerium liegt noch nicht vor. Daran stören sich die Kritiker: Sie lehnen es ab, die Planungen ohne feste Zusage weiter voranzutreiben. Die Erteilung des Planungsauftrags dürfte aber nur noch Formsache sein und schon im 1. Quartal 2021 erfolgen. Dies bestätigte der Beauftragte der Bundesregierung für den Schienenverkehr, Staatssekretär Enak Ferlemann, im Juni schriftlich.

Zentrum des Widerstands in AS

Der Landkreis Amberg-Sulzbach hat sich zu einem Zentrum des Widerstands entwickelt. Bürger haben sich in der Interessengemeinschaft "Bahnstrom – so nicht!" zusammengeschlossen und Protestplakate aufgestellt. Mehrere Bürgermeister und Landrat Richard Reisinger haben ein Positionspapier verabschiedet. Ziel der Kritiker ist es nicht, eine Elektrifizierung zu verhindern, sondern Druck auf die Bahn auszuüben, ernsthaft Alternativen zu einer neuen Stromtrasse zu prüfen (siehe Infokasten unten). Sie glauben, dass die präferierte Einspeisung aus dem öffentlichen Netz eine neue Leitung überflüssig macht und unberührte Natur und Menschen schützen würde.

Die Bahn sagt, dass sie Kritik ernst nimmt und die Entwurfspläne anpasst

Amberg

Manche Trassengegner werfen der Bahn auch vor, den Dialog mit den Bürgern nicht ernsthaft zu führen (siehe Infokasten unten). Kritik am und Gegenvorschläge zum im Internet öffentlich einsehbaren Vorschlag zum Trassenverlauf würden zwar angenommen, ändern würde sich letztlich aber nichts, bemängelt unter anderem Peter Zahn, der Umweltschutzbeauftragte Sulzbach-Rosenbergs.

Schwandorf–Furth im Wald

Wie beim Abschnitt Nürnberg-Schwandorf steht auch für die Strecke von Schwandorf nach Furth im Wald der Planungsbeginn noch bevor, da die Bahn auf den Projektauftrag des Bundes wartet. Auch ein Entwurf, der zeigt wie die Stromtrasse entlang der 74 Kilometer langen, eingleisigen Bahnstrecke einmal verlaufen könnte, ist auf der Homepage der Bahn noch nicht einsehbar. Weil niemand weiß, wo die Stromleitung einmal verlaufen könnte, hat sich bislang noch kein Widerstand formiert.

Marktredwitz–Regensburg

Die Planungen zur Elektrifizierung des 135 Kilometer langen Korridors zwischen Marktredwitz über Weiden und Schwandorf nach Regensburg sind weiter vorangeschritten, ein Planungsauftrag liegt bereits vor. Die Bahn wird noch dieses Jahr die Ermittlung aller Grundlagen abschließen. 2021 soll die sogenannte Vorplanung beginnen, im Anschluss berät der Bundestag erneut über das Projekt. Frühestens 2030 ist dann die Inbetriebnahme möglich.

Laut Entwurfsplanung der Bahn wird die Stromtrasse, die durch die Kreise Neustadt/WN und Schwandorf verläuft, zur Hälfte mit bereits bestehender Infrastruktur gebündelt: So ist entlang der A 93 eine Kopplung mit dem dort verlaufenden Ostbayernring möglich. Nahe Wiesau (Kreis Tirschenreuth) und in Irrenlohe bei Schwandorf sind zudem Umspannwerke geplant, die als Einspeisepunkte in die Oberleitung dienen.

Anwohner pochen auf Lärmschutz

Auf dem zweigleisigen "Ostkorridor" sollen künftig neben dem Nahverkehr circa 50 schnellere Intercity-Züge (bis zu 160 km/h) nach München und Dresden fahren, zudem erwartet die Bahn anstatt der heute 6 Güterzüge (bis zu 120 km/h) künftig bis zu 65 pro Tag. Obwohl Güterzüge ab 2021 nur noch mit leisen Bremsen fahren dürfen, spielt für die Bevölkerung der Lärmschutz deshalb eine entscheidende Rolle – vor allem, da es kein Nachtfahrverbot geben wird. Experten erstellen ein Lärmschutzgutachten und prüfen entlang der Strecke für jedes Haus, wo Lärmschutzwände, -wälle und -fenster nötig sind.

Lärmschutzmaßnahmen verzögern die Elektrifizierung teils um Jahre

Weiden in der Oberpfalz
Bürgerdialog:

Online-Termine und Kritik an Ernsthaftigkeit

Mit dem sogenannten Bürgerdialog begleitet die Bahn die Elektrifizierung der Strecken in Nordbayern gegenüber der Bevölkerung. So sollen offene Fragen beantwortet und der Kritik ein Raum gegeben werden. Wegen der Coronapandemie ist das Unternehmen ins Internet ausgewichen und hat in den einzelnen Regionen Online-Infoveranstaltungen abgehalten.

Seit September sind an bestimmten Terminen auch analoge Bürgersprechstunden wieder möglich – so zum Beispiel im Amberger Landratsamt oder in den Bahnhöfen Schwandorf und Marktredwitz. Die Sprechstunden sind keine öffentlichen Großveranstaltungen, sondern Einzelgespräche, die einer vorherigen Terminvereinbarung bedürfen. Manche Stromtrassen-Kritiker sehen darin den Versuch der Bahn, Tumult und kraftvollen Widerstand bei öffentlichen Versammlungen zu unterbinden. Das Unternehmen hingegen weist das zurück und begründet die Form des Dialogs mit dem Infektionsschutz.

Zudem wird der Bahn vorgeworfen, sie würde zwar den Dialog mit den Bürgern suchen und sich auch Kritik offen anhören – diese aber nicht annehmen und umsetzen. So bemängelt der Amberg-Sulzbacher Kreisvorsitzende des Bund Naturschutz (onetz.de/3112464), dass die Bahn nur ihre eigenen Argumente gelten lässt und von besorgten Bürgern geforderte Alternativen zu einer neuen Stromtrasse nicht berücksichtige. Anmerkungen. Vorschläge der Anwohner, die Trasse zu verschieben, würden zwar in die Entwurfsplanung aufgenommen, doch somit nur nach dem St.-Florians-Prinzip verschoben.

Mögliche Alternativen zu einer Stromtrasse:

Die Kritiker einer separaten Bahn-Stromtrasse bringen eigene Vorschläge für mögliche Alternativen ins Spiel. Ein Überblick.

  • Erdverkabelung. Ist laut Bahn sehr teuer und nur in Ausnahmefällen auf kurzen Strecken möglich. Das hat physikalische Gründe, weil es bei Kurzschlüssen im Erdboden zu Spannungsüberschlägen kommen kann. Dies beeinträchtige die Netzstabilität und führe zu Störungen im Bahnverkehr.
  • Dezentrale Einspeisung: Das Einspeisen von Strom aus dem öffentlichen Netz würde dessen Leitungskapazitäten aufgrund des hohen Stromverbrauchs der Züge beim Anfahren teils überschreiten – und im schlimmsten Fall zu einem Versorgungszusammebruch führen, begründet die Bahn.
  • Parallele Streckenführung: Im Zuge des Bürgerdialogs vorgebrachte Vorschläge, die Trasse parallel zu Straßen oder bereits bestehender Stromleitungen laufen zu lassen, prüft die Bahn und nimmt sie meist in ihre Planungen auf. Bei der Trassenplanung will die Bahn Betroffenheiten gering halten.
  • Batterie- und Wasserstoffzüge: Würden den Bau einer Überlandleitung unnötig machen, haben aber eine beschränkte Reichweite. Mit Wasserstoff betriebene Züge werden als Pilotprojekt im Allgäu getestet.
  • Kabelführung über dem Gleis: Wäre sehr teuer. Insbesondere deshalb, weil in Städten im Bereich von Brücken und Bahnhöfen aufwendige Umbaumaßnahmen erforderlich würden.

 

 

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