06.11.2020 - 12:18 Uhr
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Schluss mit Lustig? Oberpfälzer Faschingsvereine sorgen sich um Zukunft

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Wegen Corona ist der Fasching in der Oberpfalz größtenteils bereits abgesagt worden. Die Vereine sind natürlich frustriert und sorgen sich um Mitglieder und Finanzen. Über eine Saison, in der der Wurm drin ist – aber leider ohne Gaudi.

Ein Bild aus der vergangenen Saison: Rund 20.000 Menschen feiern auf dem Neustädter Faschingszug. In Corona-Zeiten ist das unvorstellbar.
von Julian Trager Kontakt Profil

Dieter Streber wird diesen Winter mehr im Haushalt zu tun haben, vielleicht wieder öfter ein Buch lesen, vermutet er selbst. "Und das, obwohl ich ja eigentlich nicht so gern lese", gibt der Kümmersbrucker zu. Er sei mehr der Aktive. Einer, der unterwegs ist, dort wo etwas los ist. Auf der Skipiste zum Beispiel. Und vor allem bei allem, was mit Fasching zu tun hat: Bei der Inthronisation der Prinzenpaare, auf den Bällen, bei den Umzügen. Und natürlich auch beim Fischzug am Aschermittwoch, wenn um den Fasching getrauert wird, wenn der Fasching begraben wird. Das alles fällt für den Präsidenten der Narrhalla Haselmühl-Amberg-Kümmersbruck heuer flach.

Wie Streber haben auch alle anderen Oberpfälzer Narren in dieser Faschingssaison nun ungewohnt viel Freizeit. Der Aschermittwoch ist ja diesmal vorverlegt worden - der Fasching wurde schon begraben, bevor er an diesem Mittwoch, dem 11.11., überhaupt angefangen hat. Wegen Corona, was sonst. Im Jahr der Masken fällt die große Maskerade aus.

Fasching in auf Abstand bedachten Pandemiezeiten? Hunderte, Tausende, die auf engstem Raum zusammen feiern, tanzen, schunkeln, manchmal auch mehr? Nicht zu verantworten, finden die Faschingsvereine in der Region. Auch wenn es frustrierend sei, "die Gesundheit der Menschen ist wichtiger als Halligalli feiern", sagt der Haselmühler Narrrhalla-Präsident.

Abgesagt, abgesagt, abgesagt

Die meisten Bälle, Umzüge und Partys in der Nordoberpfalz sind deswegen auch bereits abgesagt. Der Landesverband Ostbayern etwa hat den Ostbayerischen Faschingszug in Hirschau gestrichen, genau wie seine Gardetreffen. Der Faschingszug in Neustadt/WN, einer der größten in der Region, fällt ebenfalls flach. Und der berühmte Chinesenfasching in Dietfurt (Kreis Neumarkt)? Auch abgesagt. In dieser Saison ist einfach der Wurm drin, aber leider halt ohne Gaudi.

Die Amberger Hexennacht 2021 ist offiziell noch nicht gecancellt worden. "Wir gehen aber davon aus, dass sie nicht stattfindet", sagt Thomas Eichenseer vom veranstaltenden Stadtmarketing Amberg. "Es müsste schon ein Wunder passieren." In diesem Fall wäre man aber darauf vorbereitet. "Wir könnten es relativ kurzfristig aufziehen", sagt Eichenseer. 14 Tage Vorlauf würden genügen.

Und selbst die Franken scheinen vernünftig zu sein. Die Fernsehsendung "Fastnacht in Franken" soll 2021 zwar stattfinden, aber anders als gewohnt. Bayerischer Rundfunk (BR) und der Fastnacht-Verband Franken (FVF) brüten über alternativen Konzepten, hieß es bereits im August. Die Sendung soll erstmals nicht live gesendet werden. "Es ist schwierig, das ist uns bewusst", sagt FVF-Präsident Marco Anderlik auf Nachfrage unserer Zeitung. "Aber Fakt ist: Wir wollen die Fastnacht produzieren." BR und FVF wollen in der nächsten Woche in einer Pressekonferenz bekannt geben, wie es weiter geht. Am 11.11. soll das geschehen, natürlich. Vielleicht gibt der Fasching doch noch ein klitzekleines Lebenszeichen.

Für die Faschingsgesellschaften in der Region wäre das freilich nur ein ganz schwacher Trost. Die ausfallende Saison lässt nicht nur die Narren trauern, sondern hat auch negative Folgen - die für manche Vereine existenzbedrohend sein können. Die Einnahmen brechen komplett ein, und auch einige Mitglieder werden sich verziehen.

Einige Vereine werden Unterstützung brauchen. „Die schwierige Lage der Faschingsvereine und -verbände ist uns bewusst", sagt der bayerische Finanz- und Heimatminister Albert Füracker auf Anfrage von Oberpfalz-Medien. "Die Staatsregierung befindet sich in gutem Austausch mit Vertretern der entsprechenden Organisationen. Die Abstimmungsgespräche laufen derzeit noch.“ Für den Neumarkter CSU-Politiker ist die Oberpfalz "normalerweise eine Faschingshochburg". Die Umzüge und Feste seien ein "hervorragendes Beispiel gelebter Heimatverbundenheit", meint der Minister.

"Eine Katastrophe"

Das reißt natürlich ein finanzielles Loch.

Dieter Streber, Narrhalla Haselmühl-Amberg-Kümmersbruck

Dieter Streber, Narrhalla Haselmühl-Amberg-Kümmersbruck

"Das ist eine Katastrophe", sagt Dieter Streber, Präsident der Narrhalla Haselmühl-Amberg-Kümmersbruck. Seit 27 Jahren ist er Narren-Vorstand und hat so was noch nie erlebt. "Das wird auf jeden Fall der traurigste Fasching."

Auch in wirtschaftlicher Hinsicht. "Das reißt natürlich ein finanzielles Loch", sagt Streber. "Wie wir das stopfen, weiß der Teufel." Die Narrhalla besitzt ein eigenes Vereinsheim, und die Kosten liefen ja auch ohne Fasching weiter. Strom und Versicherungen müssen bezahlt werden - ohne Einnahmen. "Schaut schlecht aus", sagt der Präsident. "Aber wir werden das schon hinkriegen." Der Verein hofft auf Spenden und auf Einnahmen aus dem Faschingskalender, der trotzdem gedruckt wird. "Ein paar Mark werden da schon hängen bleiben."

Und dann geht es noch darum, die Mitglieder bei der Stange zu halten. "Wir merken schon, dass die ersten Ecken weg bröseln." Die ersten Kinder hätten bereits aufgehört.

"Ganz, ganz große Sorge"

Ich habe ganz, ganz große Sorge, dass wir langfristig Trainer verlieren.

Tanja Gradl, Faschingsgesellschaft Plößberg

Tanja Gradl, Faschingsgesellschaft Plößberg

"Ich habe ganz, ganz große Sorge, dass wir langfristig Trainer verlieren", sagt Tanja Gradl, Vorsitzende der Faschingsgesellschaft Plößberg, die rund 250 Mitglieder hat, davon sind etwa die Hälfte Aktive. "Und Kinder gehen wahrscheinlich auch verloren.“ Die Plößberger sind freilich auch sehr traurig, dass der Fasching dieses Mal nicht stattfinden kann. Aber die Gesundheit der Bürger gehe zu 100 Prozent vor. „Da gab’s gar nichts zu Diskutieren“, erinnert sich Gradl an den Sommer, in dem die Faschingsgesellschaft bereits all ihre Veranstaltungen abgesagt hat. Corona hatte das Stiftland besonders hart getroffen. Gradl hat das aus der Nähe mitbekommen, sie arbeitet in der Pflege.

„Die Leute können anders sein“

Einen virtuellen Fasching will keiner haben. Das ist nicht der Fasching den wir kennen, wollen und lieben.

Arthur Troidl, Landesverband Ostbayern

Arthur Troidl, Landesverband Ostbayern

„Der Fasching ist unheimlich wichtig. Er ist ein altes Kulturgut, gehört zu Deutschland, zum Leben, zum Jahresablauf“, sagt Arthur Troidl. Er ist Präsident des Landesverbands Ostbayern, der knapp 45 Oberpfälzer Gesellschaften vereint. „Die Leute können in eine andere Rolle schlüpfen, können anders sein wie im normalen Leben.“ Miteinander ungezwungen feiern – das sei Fasching. Auch die Vereine seien wichtig für die Gesellschaft. „Die nehmen die Rolle von Familien ein für Kinder und Jugendliche.“ In der Gemeinschaft würden sie fürs Leben lernen, selbstbewusster werden. „Faschingsgesellschaften sind Auffangbecken für Kinder.“

Ein virtueller Fasching? Geht gar nicht, findet Troidl. „Beim Fasching muss man hautnah, live dabei sein“, meint er. „Einen virtuellen Fasching will keiner haben. Das ist nicht der Fasching den wir kennen, wollen und lieben.“

Auch die Knappnesia Sulzbach-Rosenberg hat alle Veranstaltungen abgesagt

Sulzbach-Rosenberg

„Und dann platzt alles“

Da arbeitest hin, planst jedes Detail – und dann platzt alles.

Gerlinde Graja, Faschingsgesellschaft Nabburg

Gerlinde Graja, Faschingsgesellschaft Nabburg

„Das ist alles sehr deprimierend“, sagt Gerlinde Graja, Präsidentin der Faschingsgesellschaft Nabburg. Lange hatte die Faschingsgesellschaft Nabburg an der Inthronisation ihrer Prinzenpaare am 14.11. um 14.11 Uhr festgehalten, aber dann doch bald gemerkt, dass das nichts wird. „Da arbeitest hin, planst jedes Detail – und dann platzt alles“, sagt Graja. „Aber was willst machen? Bilder hochladen und dazu schreiben: ‚Huhu, wir sind das Prinzenpaar!’? Nein, das ist nicht so toll, das sollte schon würdevoll sein“, sagt Graja. Und sonst so? „Wir haben alles auf unbestimmte Zeit verschoben.“ Wenn es bis Aschermittwoch geht, werde man die Inthronisation nachholen. Aber jetzt sieht es noch ganz anders aus. Eventuell will der Verein online aktiv werden. Schon zu Halloween veranstaltete er einen Kürbis-Wettbewerb.

Natürlich merken auch die Nabburger die Coronakrise in der Vereinskasse. „Wir finanzieren uns ja über die Feste im Sommer.“ Mittelaltermarkt, Nikolausmarkt, alles ausgefallen. Aber Versicherungen und andere Ausgaben liefen ja weiter. „Ein Jahr stehen wir locker durch, aber nächstes Jahr sollte es schon wieder anders sein.“

„Wir haben etwas vor“

Fasching, wie man ihn kennt, gibt es diese Saison nicht.

Gerald Grosser, Vohenstraußer Faschingsverein

Gerald Grosser, Vohenstraußer Faschingsverein

„Fasching, wie man ihn kennt, gibt es diese Saison nicht“, sagt Gerald Grosser, Vorstand des Vohenstraußer Faschingsvereins. Zwar sei etwas geplant, aber mit Fasching werde das nichts am Hut haben. Was genau, will er nicht verraten. Das soll am 14.11. geschehen, bei der virtuellen Proklamation der Prinzenpaare, die bereits aufgenommen wurde. „Da wird das Geheimnis gelüftet, was der Faschingsverein vor hat.“

Für den Verein, der mit 500 Mitgliedern zu den größten der Oberpfalz zählt, kann die Coronakrise irgendwann auch zum Problem werden – zum finanziellen Problem, sagt Grosser. Der Verein ist Pächter der Stadthalle samt Lokal. Dank Lockdown und Beschränkungen sei in diesem Jahr nicht viel gegangen. Keine Hochzeitsmesse, kein Weinfest. Aber noch ist es nicht existenzbedrohend. „Wir haben das noch eine Zeitlang im Griff.“ Das wichtigste sei momentan eh, die Leute im Verein zu halten. Und genau deswegen planen die Vohenstraußer auch etwas – das aber nichts mit dem normalen Fasching zu tun hat.

„Vielleicht hat’s auch was Gutes“

Wir wollen nicht das Faschings-Ischgl werden.

Jürgen Trescher, Verein Neustädter Faschingszug

Jürgen Trescher, Verein Neustädter Faschingszug

„Wir wollen nicht das Faschings-Ischgl werden“, sagt Jürgen Trescher, Vorsitzender des Vereins Neustädter Faschingszug. Deswegen hat der Verein, einer der größten in der Region, alle seine Veranstaltungen abgesagt. Bis zuletzt hatten die Neustädter gehofft, trotzdem feiern zu können. „Wir haben schon viel Arbeit reingesteckt, lagen voll im Plan.“ Die neu gewonnene Zeit will der Verein nutzen, um ihn „auf Stand 2020“ zu bringen, wie Trescher sagt. „Wir wollen uns digitalisieren.“ Die Mitgliederverwaltung etwa, die sei bisher doch noch etwas „oldschool“, auf Papier. „Vielleicht hat da Corona auch was Gutes“, meint er und schiebt sofort hinterher: „Aber Fasching wäre natürlich besser gewesen.“

Ein Blick zurück: So war der Oberpfälzer Fasching 2020

Weiden in der Oberpfalz
Kuriose Narrenrufe:

Helau, und hereinspaziert in die kuriose Welt der Narren! In der fünften Jahreszeit ändern sich nicht nur die Outfits der Menschen, sondern auch ihre Sprache – und damit ist jetzt nicht das Gelalle nach dem zehnten Schnaps gemeint. Fast jede Faschingsgesellschaft hat ihren eigenen Narrenruf. Und der klingt oft wirklich komisch. Hier eine Auswahl von Narrenrufen, wie sie die Online-Enzyklopädie Wikipedia aufzählt.

  • „Kille Wau“ – Dietfurt (Kreis Neumarkt)
  • „Radi Radi“ – Narragonia Regensburg, älteste Gesellschaft Bayerns
  • „Diddi Diddi“ – Dietldorf (Burglengenfeld; Kreis Schwandorf)
  • „Häbberla Mäh“ – Neustadt an der Aisch (Mittelfranken)
  • „Kronich Feuedunnekei“ – Kronach (Oberfranken)
  • „Käsperle, sei still“ – Gomaringen (Baden-Württemberg)
  • „Schnarragagges, Heidenei“ – Kißlegg (Baden-Württemberg)
  • „Brotsack Helau“ – Bad Rotenfels (Baden-Württemberg)
  • „Puff, Puff, Puffer“ – Rheydt (Nordrhein-Westfalen)
  • „Knolli Knolli Schabau“ – Scharmede (Nordrhein-Westfalen)
  • „Horrido, fass die Sau am Schwanze“ – Schackstedt (Sachsen-Anhalt)
  • „Kegrubrau Helau“ – Kesselsdorf (Sachsen)
  • „A, E, I, O, U, Uhu uhu uhu“ – Wiener Neustadt
  • „Schleppchen, quietsch quietsch“ – Schlettwein (Thüringen)

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