16.04.2021 - 13:54 Uhr
OberviechtachDeutschland & Welt

Eltern und Lehrer: Es geht auch miteinander

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Schulen bleiben der Zankapfel der Pandemiebekämpfung. Lehrerverbände fordern Impfangebote für jeden, der die Schule betritt, Elternvertreter wollen so schnell wie möglich zurück zur Präsenz. Welcher Weg ist der richtige? Ein Streitgespräch.

Im Streitgespräch - pandemiegerecht via Zoom geführt - trafen die Oberviechtacher Mediziner Alexander Ried (oben links) und Regina Schwindler (oben rechts) auf Lehrervertreterin Simone Fleischmann.
von Julian Seiferth Kontakt Profil

Maximale Sicherheit oder maximal effiziente Bildung? Zwischen diesen Polen spielt sich der Konflikt zwischen dem Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV) und der selbst ernannten Lobby Für Kinder ab. Die Gründer der Elterninitiative sind Regina Schwindler und Alexander Ried, er Allgemein-, sie Kinderärztin, beide Eltern. aus Oberviechtach. Ihr Tenor: Bildung ist systemrelevant. Sie fordern inzidenzunabhängige Öffnungen für Schulen und Kindergärten, den Lehrern werfen sie in einem offenen Brief Bequemlichkeit und die Perspektive aus dem Elfenbeinturm vor. -BLLV-Vorsitzende Simone Fleischmann will Öffnungen dagegen erst zustimmen, wenn es flächendeckende Impfangebote für Lehrer gibt. Die Oberpfalz-Medien haben beide Parteien an einen Tisch gebracht.

Regina Schwindler beginnt das Gespräch mit Fleischmann sofort mit einer Breitseite. Die Lehrer, fordert die Kinderärztin, sollten sich mit an die Seite der Eltern stellen und die Rückkehr zur Normalität vorantreiben, deren Fehlen für Kinder die auch von erwachsenen bekannten psychischen Probleme mit sich bringe. Doch damit nicht genug: Sie sehe in ihrer Praxis regelmäßig körperliche Probleme, Kinder, die unkontrolliert essen, sich nicht mehr bewegen, deutlich zunehmen. "Wenn wir an dem System der Inzidenzwerte festhalten", sagt Alexander Riedl, "dann geht in diesem Schuljahr in Ostbayern keine Schule mehr auf."

Eine Vorstellung, die auch Fleischmann nicht schmeckt. Dass der Präsenzunterricht aber an den Lehrern scheitert, will die 50-Jährige so nicht stehen lassen: "Die Lehrer tun nicht, die Lehrer wollen nicht - so einfach ist es nicht." Sie stünden bereit, wenn sie gerufen werden, auch in den Präsenzunterricht. "Wir hatten nicht reihenweise Krankmeldungen. Die Lehrer haben das durchgezogen."

An ihrer Forderung nach einem hundertprozentigen Impfangebot "für jeden Lehrer, der eine Schule betritt" - in Thüringen wurde das am Mittwoch auf den Weg gebracht - hält Fleischmann allerdings fest. Sie wolle den Verantwortlichen in München weiterhin die Pistole auf die Brust setzen. "Innenminister Joachim Herrmann hat dafür gesorgt, dass die Polizisten durchgeimpft werden. Auch mit dem musste erstmal eine Lobby kämpfen und Herr Herrmann will ja vielleicht in Bayern noch etwas anderes als Innenminister werden." Der Präsenzunterricht mit geimpften Lehrern sei das Ziel. "Wenn das nicht geht, dann müssen wir standhaft bleiben und sagen: Dann ist der Distanzunterricht das kleinere Übel." Und doch: "Es gibt nichts, aber auch gar nichts, was den Präsenzunterricht ersetzen könnte. Ich spreche für 67 000 Lehrer, wenn ich sage: Das geht uns allen auf die Nerven."

Fleischmann sieht keinen Weg, im derzeitigen Infektionsgeschehen umgeimpfte Lehrer in die Schulen zu schicken. Alexander Ried gibt sich enttäuscht. Es sei zwar übertrieben, zu behaupten, die Lehrer würden kollektiv die Arbeit verweigern, aber: "Das individuelle Infektionsrisiko meiner Arzthelferin ist größer als das eines Lehrers. Sie kann aber nicht sagen, dass sie nicht mehr reinkommt." Mit der Testpflicht an Schulen halte er eine Öffnung für unbedenklich. Demonstrationen wie die vor dem Gesundheitsamt in Neustadt zu Beginn der Woche, bei der Eltern gegen Tests, Masken und Impfungen angegangen waren, sei ihnen ein Graus, sagt Regina Schwindler: "Wir sind keine Querdenker. Wir unterstützen den Ruf nach Impfungen, es braucht Tests, um dem Problem beizukommen." Schwindler hat dazu eine Lehr-Geschichte geschrieben, die sie den Schulen anbieten will. In aller Kürze: Die Corona-Spione - also Schüler - benutzen ihre Test-Kits, um den Schurken - das Virus - zu stellen und besiegen ihn mit ihrer Wunderwaffe - dem vermeintlich wehrhafteren kindlichen Immunsystem - bevor er anderswo Schaden anrichtet.

Ob das klappen kann, will Fleischmann nicht kommentieren. Sie habe als Schulpsychologin gewirkt, sie kenne die Auswirkungen der Pandemie auf die Schüler. "Bei den Regeln kann und will ich nicht öffentlich eine Methode der anderen vorziehen. Dafür sind sich die Mediziner untereinander zu uneins." Ried hakt nach: "Ich teste seit vergangenem September bei uns in der Gegend an Schulen. Es war ein Fall dabei, und der hatte das von zuhause, nicht aus der Schule. Das ist eine gute Nachricht, an der auch die Varianten bisher nicht viel ändern." "Wenn der Ministerpräsident mit Unterstützung seines Kultusministers sagt, dass das Infektionsrisiko in Schulen eine Gefahr ist, kann ich das nicht einfach wegschieben", entgegnet Fleischmann.

Auch wenn sie die Corona-Maßnahmen an sich nicht bewerten will, ist Fleischmann doch sichtbar irritiert von sich ständig ändernden Grenzwerten: "Es ist wie eine Lotterie. Wir haben uns gegen diesen Wert von 200 gewehrt, aber die Politik hat ihre Inzidenz-Regime und nach denen arbeiten wir." Ried stimmt zu: "Die Inzidenz als heilige Kuh ist schon oft geschlachtet worden." Er und Regina Schwindler schlagen ein anderes Modell vor: Wenn die positiven Tests an einer Schule einen vorher festgelegten Wert überschreiten, werde diese geschlossen - unabhängig von der Inzidenz in der Region.

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Wie kann es weitergehen? Die Antwort ist unklar, vieles spricht für: abwarten. Simone Fleischmann hofft weiter auf mehr Impfangebote für Lehrer. Sobald das allen gemacht sei, werde auch die Politik einlenken, glaubt die 50-Jährige: "Die Eltern wollen ihre Kinder in der Schule sehen. Wenn Markus Söder Kanzler werden will, braucht er diese Stimmen." Und obwohl das für Alexander Ried zu langsam ist, gehen er und Schwindler einen Schritt auf die Lehrer zu: "Auch wir wollen maximalen Gesundheitsschutz für Lehrer, Kinder und Familien. Ihre Forderungen müssen dennoch verhältnismäßig sein."

Beide Seiten betonen am Ende des Gesprächs den gegenseitigen Respekt und den Wert des Austauschs. Simone Fleischmann skizziert allerdings bereits das nächste Problem: "Wir werden darüber nachdenken müssen, ob wir an den Leistungen und Zeugnissen festhalten können. In München rennen bereits die Anwälte die Türen ein und rechnen vor, warum die Übertrittszeugnisse nicht valide sind. Markus Söder sagt, dass wir das schon regeln. Einen Witz regeln wir."

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