Offensive macht Kurden in der Oberpfalz fassungslos

Aldar Shuble (25) ist Kurde und lebt in Amberg. Seit dem Beginn der türkischen Militäroffensive in Syrien bekommt er nachts kaum ein Auge zu. Ständig begleitet ihn die Angst, seine Familie könnte bei einem Bombardement ums Leben kommen.

Türkische Soldaten bereiten in der Nähe des Dorfs Sugedigi (Türkei) an der Grenze zu Syrien ihre Panzer vor. Bei der Militäroffensive in Nordwestsyrien sind türkische Truppen nach Angaben der Staatsagentur Anadolu weiter gegen kurdische Milizen vorgerückt.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

Ein Wohnzimmer mitten in der Amberger Altstadt. Von der Straße erklingt ein Kinderlachen. Im Hintergrund läuten Kirchenglocken. In der Dämmerung fallen ein paar schwache letzte Lichtstrahlen in den Raum. Drinnen sitzen drei junge Männer an einem Tisch: Aldar Shuble (25), Sipan Muhammad (25) und Luai Koukeh (24). Neben ihrer Freundschaft eint sie vor allem eines: Sie alle kommen ursprünglich aus al-Maabada (kurdisch: Girkê Legê), alle haben sie dort Familie und Freunde. Al-Maabada ist ein Ort, der rund 30 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt in Syrien liegt. Seit dem Beginn der türkischen Militäroffensive fürchten sie um das Leben ihrer Angehörigen.

Aldar Shuble ist Kurde und lebt seit 2014 in Amberg. Seit beginn der türkischen Militäroffensive sind seine Nächte schlaflos. "Ich fühle mich wie in einem Alptraum gefangen. Ich weiß, dass ich wach bin, aber ich wünsche mir, in einer anderen Realität aufwachen zu können." Nachts wird er so gut wie jede Stunde aus dem Schlaf gerissen. Das erste, was er dann tut, ist, zu seinem Handy zu greifen um nachzusehen, ob etwas passiert ist. "Ich muss morgens früh zur Arbeit. Konzentrieren kann ich mich da nicht. Auch da denke ich ständig drüber nach", sagt er mit gefalteten Händen vor dem Mund. Immer wieder wartet er auf die neuesten Nachrichten. "Ich muss wissen, welche Stadt als nächstes bombardiert wird. Wir haben Angst um unsere Familien, weil es Zivilisten sind, die da jetzt sterben."

Ständig mit der Familie in Kontakt zu bleiben, sei nicht möglich, da das türkische Militär versuche, die betroffenen syrischen Gebiete vom Internet abzuschneiden. "Das machen sie, damit Kurden nichts auf sozialen Medien verbreiten können", sagt Shuble. So könne es vorkommen, dass er zeitweise auch länger kein Lebenszeichen von seinen Verwandten bekommt.

Ich fühle mich wie in einem Alptraum gefangen. Ich weiß, dass ich wach bin, aber ich wünsche mir, in einer anderen Realität aufwachen zu können.

Aldar Shuble (25), Werkzeugmechaniker

Aldar Shuble (25), Werkzeugmechaniker

Kein Verständnis

Luai Koukeh spricht an diesem Tag wenig. Vor zwei Tagen hat er erfahren, dass einer seiner Freunde in Syrien getötet wurde. "Einfach so. Er ist nur im Auto gefahren und wurde erschossen. Er hat nichts getan", sagt er mit leiser Stimme. Ihm gegenüber sitzt Sipan Muhamad. Er starrt auf den Boden und ergänzt: "Es gibt niemals überhaupt einen Grund, einen anderen Menschen zu töten."

Aldar Shuble versteht diejenigen nicht, die in Deutschland leben und hinter dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan und der Militäroffensive stehen. "Es wurde einfach gesagt, dass die Kurden der Volksverteidigungseinheiten (YPG) Terroristen sind. Die Türkei hat nur nach einen Grund gesucht, gegen die Kurden militärisch vorzugehen", sagt er. Damit bezieht er sich auf die Kurdenmiliz YPG sowie deren politischen Arm PYD, die von der Türkei als Terrororganisationen eingestuft werden. "Ich kann nachvollziehen, dass sich in der Türkei keiner etwas gegen das Vorgehen des Staats in Syrien sagen traut. Wer etwas dagegen hat, wird ja einfach weggesperrt", behauptet er.

Schwer enttäuscht ist er von den EU-Staaten sowie den USA: "Im Kampf gegen den IS hat die Nato die Kurden unterstützt. Aber jetzt, wo die Türkei sie angreift und Zivilisten tötet, schaut die ganze Welt weg. Keiner tut etwas dagegen." Tatsächlich waren die Syrischen Demokratischen Kräfte (DKS, international QSD) im Kampf gegen den IS ein wichtiger Partner für die USA. Sie wurden von der YPG angeführt.

Shuble ist davon überzeugt, es sei für die Türkei "ein Alptraum" gewesen, zuzusehen, dass die DKS in den syrischen Grenzgebieten mehr und mehr Einfluss gewinnen konnten. "Allein der Verdacht, dass es vielleicht Kräfte gibt, die ein unabhängiges Kurdistan wollen, war für Erdogan genug, um die Offensive zu starten", vermutet der 25-Jährige.

Das denkt ein gebürtiger Türke aus Weiden über die Militäroffensive

Weiden in der Oberpfalz

Ohne Hoffnung

Der junge Kurde sagt, er habe seinen Glauben daran verloren, dass sich die Europäische Union dafür einsetzt, dass die Menschenrechte gewahrt werden. "Die, die immer Menschenrechte rufen, sind dieselben, die die Waffen geliefert haben, mit denen jetzt Unschuldige niedergemetzelt werden." Er habe das Gefühl, Geld sei in der Politik bedeutender als Menschenleben.

Die Hoffnung auf eine Kehrtwende im Konflikt hat er längst aufgegeben. "Es tut mir wirklich richtig weh. Ich weiß, ich könnte tun, was immer ich wollte, ändern würde sich sowieso nichts." Er sei es allgemein leid, mit anderen über die Situation der Kurden zu sprechen. Hätte Shuble einen Wunsch, wäre das, dass sich die türkischen Truppen aus den kurdischen Gebieten in Syrien zurückziehen. "Eine zusätzliche Strafe für die Türkei danach würde nichts bringen", ist er sich sicher. Es gehe letztlich nur darum, Unschuldige zu schützen.

Hintergrund:

Erdogan lehnt Waffenruhe ab

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat trotz massiven Drucks aus den USA und Europa eine Waffenruhe in Nordsyrien ausgeschlossen. Zugleich machte sich der Staatschef über den teilweisen Stopp der deutschen Rüstungsexporte lustig und griff Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) persönlich an.

Unmittelbar vor dem Besuch von US-Vizepräsident Mike Pence in Ankara erklärte Erdogan am Mittwoch, man werde nicht mit den Gegnern von der Kurdenmiliz YPG verhandeln. Die Türkei setze sich nicht mit "Terroristen" an einen Tisch. Mit Pence, den US-Präsident Donald Trump als Vermittler schickt, will er an diesem Donnerstag aber reden. Parallel wollte Russlands Präsident Wladimir Putin mit Erdogan bei einem persönlichen Gespräch klären, wie sich eine direkte Konfrontation syrischer und türkischer Truppen in dem Bürgerkriegsland vermeiden lässt.

Bei den andauernden Gefechten im Nordosten Syriens kämpften nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte erstmals auch syrische Regierungstruppen an der Seite von Kurdenmilizen gegen die von der Türkei unterstützten Rebellen.

Die türkische Militäroffensive in Nordsyrien läuft seit einer Woche. Sie richtet sich gegen die Kurdenmiliz YPG, die auf syrischer Seite der Grenze ein großes Gebiet kontrolliert. Die Türkei sieht in ihr einen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und damit eine Terrororganisation. Die Offensive stößt international auf scharfe Kritik.

Von der Einschränkung deutscher Rüstungsexporte zeigte sich Erdogan unbeeindruckt und griff Maas an. "Wenn du etwas von Politik verstehen würdest, würdest du nicht so sprechen", sagte Erdogan an Maas gewandt, und bezeichnete ihn als "politischen Dilettanten". Deutschland hatte als bisher einzige Sanktion seine Rüstungsexporte an die Türkei teilweise gestoppt. Rüstungsgüter, die nicht in dem Konflikt genutzt werden können, dürfen aber weiter exportiert werden.

US-Vizepräsident Pence und Außenminister Mike Pompeo sollten am Mittwoch in Richtung Ankara aufbrechen. Die USA hoffen, einen Waffenstillstand zu erreichen.

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