15.10.2018 - 11:54 Uhr
ParksteinDeutschland & Welt

So geht Integration bei Witron

Der Oberpfälzer Logistiker beschäftigt vier unbegleitete Jugendliche. Sie haben bei Witron ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen.

Das Logistikunternehmen Witron in Parkstein zeigt, wie Integration gelingen kann. Abdullah Rezai, Franz Grillmeier, Thomas Hörig, Saeid Ahmadi und Ali Ahmadi (von links) – Azubis und Ausbilder haben eine Erfolgsgeschichte zu erzählen.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Als der Witron-Personalchef vor zwei Jahren dafür stimmte, vier geflüchteten Jugendlichen eine Chance zu geben, tat er das nicht mit wehenden Willkommensfahnen. „Es muss für beide Seiten passen“, so Zeitler über Ali (19), Abdullah (19) und Saeid (21) aus Afghanistan sowie Fawzi (24) aus Syrien.

Das Quartett hat die Ausbildung beim international aufgestellten Oberpfälzer Logistiker erfolgreich bestanden. „Wir haben ihnen klar gemacht, dass sie Botschafter ihrer Länder sind“, so Zeitler, „wenn sie sich nicht bewähren, würden wir so schnell keinen mehr einstellen.“ Weil sie alles richtig machten, stehen jetzt die nächsten vier Flüchtlings-Azubis vor der Tür.

Und das, obwohl die vier Jungs einen ganz anderen Rucksack zu schultern hatten, als ihre Altersgenossen. „Ich habe zwei Fluchten hinter mir“, erzählt Saeid, Fachkraft für Metalltechnik, der wie Abdullah 18 Monate für eine Weiterbildung zum Metallbauer draufsattelt. „Einmal über den Iran in die Türkei, wo ich in ein Heim kam und abgeschoben wurde.“ Die zweite Flucht endet in Moskau, wo sich ein Cousin als Straßenhändler durchschlägt.

„So kann kein Unternehmen planen“

Saeid kann nur in Drei-Monatszeiträumen denken, so lange wird die Aufenthaltsgenehmigung verlängert. „Ein Unding“, findet Zeitler, „so kann kein Unternehmen planen.“ Ausbildungsbetreuer Thomas Hörig fängt Saeid auf, wenn er wie kürzlich einen negativen Bescheid bekommt. „Jetzt warte ich auf den zweiten Termin“, sagt Saeid, und auch sein Anwalt weiß nicht so recht, was los ist. Man merkt dem Jungen die Anspannung an: „Erst gestern gab es in meiner Stadt Herat zwei Bombenanschläge“, sagt er mit brüchiger Stimme, „nach der ersten kamen die Helfer, um die Verletzten zu versorgen. Dann die zweite Explosion, so viele Tote.“ Ein sicheres Drittland?

„Ali ist als 13-Jähriger ohne Eltern hier hergekommen“, verdeutlicht Zeitler die psychologische Situation der Jugendlichen, „die brauchen im Betrieb eine Vaterfigur – man stelle sich vor, man schicke einen 16-jährigen Weidener allein nach Ägypten und sagt: Mach mal!“ Dafür macht sich der junge Industrieelektriker, der später seinen Meister machen will, ziemlich gut: „Ich hatte zu Hause nur wenig Schule“, sagt Ali, „also musste ich die ersten sechs Klassen in einem Jahr nachholen.“ Alle am Tisch sind sich einig: „Wir sind sehr zufrieden mit den Burschen“, lobt Franz Grillmeier, der als Ausbilder für Elektroniker und Mechatroniker in 37 Jahren bei Witron unzählige Lehrlinge kommen und gehen sah.

„Jede(r) kann sich anziehen, wie er will“

Um die fachlichen Defizite auszugleichen, bekommen die Berufsschüler Nachhilfe im Unternehmen und bei Kolping. Für kleinere Betriebe dürfte aber vor allem das Hin und Her mit den Behörden die größte Hürde sein: „Obwohl die Ausländerbehörde im Landratsamt sehr kooperativ ist, wissen wir oft nicht, was jetzt Sache ist“, erklärt Zeitler. Für ein Unternehmen, das seine Hightech-Logistikanlagen auch im Ausland aufbaut, keine leichte Situation: „Dürfen unsere Azubis innerhalb der EU, innerhalb des Schengenraums mitkommen?“ Abdullah, der in Weiden wohnt, kennt wie seine Freunde die Anfeindungen gegen Flüchtlinge nur aus dem Fernseher: „Ich habe noch keine negativen Erfahrungen gemacht.“ Es komme drauf an, wie man sich selbst benimmt.

Mit den Klischees, denen man Moslems pauschal begegnet, können alle vier wenig anfangen: „Jeder kann sich anziehen, wie er will“, sagt Abdullah, „natürlich auch Mädchen.“ Hörig lacht, weil ihm auch erste Begegnungen der Jungs mit dem anderen Geschlecht nicht verborgen bleiben: „Fawzi hat mir erzählt, seine Freundin ist seine Prinzessin, für die tut er alles.“ Und Religion ist nun wirklich nicht das große Thema für Ali, den viele wegen seiner asiatischen Gesichtszüge ohnehin eher für einen Koreaner halten: „Jeder soll seinen Glauben haben, das ist Privatsache.“

Witron-Personalchef Theo Zeitler: "Sprache ist die wichtigste Voraussetzung, und genauso wichtig eine Arbeit."

Fußball und Sprachtalent

Aber die Arbeit bei Witron ist nicht alles. Ali etwa gibt beim SV Parkstein den Khedira. Zuvor war er die 6 bei der JFG Haidenaabtal. Beim Global Player Witron kam er mit amerikanischen, spanischen und mexikanischen Altersgenossen in Kontakt: Dank eines betriebsinternen Englisch-Kurses kann er sich auch mit ihnen verständigen – Spanisch hat er sich selbst beigebracht. Mehr Integrationswillen geht nicht. Über Fawzi, den vierten im Bunde, sagt Personalchef Zeitler: „Er hat bei der Weihnachtsfeier vor 1000 Leuten gesprochen – danach waren wir alle sehr bewegt.“

Die vier Jungs von Witron beweisen: Es kommt nicht auf den religiösen Hintergrund an, sondern auf den unbedingten Wunsch, sich hier ein neues Leben aufzubauen. „Sprache ist die wichtigste Voraussetzung und genauso wichtig eine Arbeit“, sagt Zeitler. Deutsch lernt man nur richtig, wenn man täglich mit Kollegen spricht, nicht isoliert in einem Flüchtlingsheim. Dann lässt sich auch das Heimweh ein wenig besser aushalten: mit der Hoffnung, eines Tages die Eltern wieder in die Arme schließen zu können. „Wenn ich nicht zwei-, dreimal in der Woche mit meiner Mama telefoniere, geht’s mir nicht so gut“, sagt Ali.

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