18.09.2020 - 01:14 Uhr
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Ein Keller voller Lebenswasser: Der Whisky-Stollen von Poppenricht

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„Whisky ist flüssiges Sonnenlicht“, setzte der irische Dramatiker George Bernard Shaw dem „Wasser des Lebens“ ein Denkmal. Peter Bierbrauer schützt seine wertvollen Tropfen im Keller vor schädlichen Sonnenstrahlen.

Peter und Kamil ducken sich in ihrem tiefergelegten Whisky-Keller.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Der Schlesier Peter Bierbrauer kam zum Whiskey wie die Schwarze Jungfrau von Tschenstochau zum Kind. Der 57-jährige frühere Metallgießer in der Luitpoldhütte und sein Sohn Kamil stolperten vor gut zehn Jahren beim Edeka-Großhändler über den Stand eines Whiskey-Clubs.

"Wir wussten gar nichts", erinnert sich der 35-jährige Junior. "Zuvor haben wir ab und an einen Supermarkt-Whisky gekauft", sagt der in München tätige Justizbeamte, "wenn ich jetzt einen Jack Daniels trinke, bekomme ich Gänsehaut."

Mindestens 400 Flaschen

Das Duo, dessen Vorfahren tatsächlich eine Brauerei im oberschlesischen Katowice besaßen, hat im vergangenen Jahrzehnt nicht nur eine Menge Fachwissen angesammelt - über die mindestens drei jährigen, im Fass gelagerten Tropfen aus gemälzter Gerste, Hafer, Roggen oder Mais. Im hüfthohen Keller robbt man an Hunderten verpackter Flaschen vorbei, deren Wert Bierbrauer auf mindestens sechsstellig taxiert. Genau will der leidenschaftliche Sammler das gar nicht wissen: "So 400 Flaschen", sagt er nachdenklich. "100 000 Euro", reichen nicht fügt er leise hinzu.

Von wegen Genießer: "Sammler sind Leute, die Seltenes zusammentragen in der Hoffnung, dass es noch seltener wird", beschrieb Sigismund von Radecki einmal das Phänomen. Papa Peter leistet sich nur selten einen Schluck von seinen Raritäten. Kamil, der als Zeitsoldat in Afghanistan gedient hat, sieht das etwas lockerer: "Ich mach' schon mal einen auf, wenn ich zwei Flaschen davon habe." In der Regel sind das Single Malts, einen Blend, eine Mischung, verschmähen beide. Ob das flüssige Gold schmeckt, kann Bierbrauer allenfalls beurteilen, wenn er eine Probe "seines Grundstücks" auf der schottischen Whiskey-Insel Islay bekommt: "Beim Besuch der Destille Laphroaig habe ich einen Quadrat-Fuß mit genauer Koordinate bekommen", sagt Peter. "Als Pacht bekomme ich jedes Mal ein 0,2 Liter Fläschchen."

Kleiner makabrer Scherz: Besser der Whisky liegt im Sarg als der Trinker.

Wertsteigerung durch Verknappung

Die Bierbrauers sind inzwischen mit allen Wassern des Lebens gewaschene Käufer. Bei jedem Release einer Abfüllung führender schottischer Destillerien wie Ardberg, Bruichladdich, Glenfiddich, Highland Park, The Macallan oder Springbank fiebern die Poppenrichter dem Online-Verkauf entgegen: "Man muss schnell sein, sonst ist alles ausverkauft", erklärt Kamil. Schon am nächsten Tag kostet die Flasche auf E-Bay oft das Doppelte. Kaufen kann nur, wer vorher ein Zertifikat erworben hat. Ein klassisches Modell: traumhafte Wertsteigerung durch Verknappung.

Peter Bierbrauer mit seinem wertvollsten Stück: Ein 50 Jahre im Fass gereifter Mortlach von 1936, der auf E-Bay für knapp 10 000 Euro gehandelt wird.

Stolz zeigt Peter seine wertvollste Preziose: Ein 50 Jahre im Fass gereifter Mortlach von 1936, den er 2012 für ein paar Hunderter erwarb: "Heute bekommt man auf E-Bay rund 10.000 Euro." Haben die Bierbrauers keine Angst um ihre Schätze? "Wir haben drei Hunde", sagt Kamil mit Armen wie Baumstämmen grinsend. Auf den Teppichen im Whiskey-Stollen räumen sie Kuriositäten aus den Regalen: Die dreiteilige Schmuggler-Serie von Aranin drei ausgehöhlten Büchern versteckt; die Game-of-Thrones-Edition von Clynelish. Oder die unheilige Trinität der Harzer Destillerie Hammerschmiede.

Bildergalerie zum Keller voller Whiskyflaschen.

Rommels Gemisch

Nicht in den tiefer gelegten Keller – ein Tribut an das größere Kinderzimmer – geschafft hat es der recht gewöhnliche Schnaps von Wüstenfuchs Erwin Rommel mit entsprechendem Zertifikat: ein zusammengemischter Scotch aus den Kriegsjahren. Der legendäre Stoff des Befehlshabers des Deutschen Afrikakorps kommt ursprünglich aus Großbritannien. Während des Zweiten Weltkriegs werden zahlreiche Fässer nach Afrika verschifft, um die Truppen des britischen Generals Neil Methuen Ritchie zu versorgen. Dort fallen sie am 20. Juni 1942 bei der Eroberung von Tobruk in die Hände des deutschen Afrikakorps. Geschätzte Menge: 1,9 Millionen Liter.

Whisky-Experte Günter Graf im Altendorfer Sorgenfrei.

Rommel lässt die Fässer mit Versorgungsschiffen nach Italien bringen, wo sie in der Kleinstadt Nettuno bei Anzio lagern. Am 22. Juni 1944 schnappen sich die Amerikaner Rommels Kriegsbeute und füllen den Inhalt aus den Eichenfässern in italienische Weinflaschen zu je einem Liter um: 1,42 Millionen Flaschen wurden per Bahn nach Österreich transportiert und unter Obhut der US-Militärregierung ab August 1946 in einem 39 Meter tiefen Weinkeller in Linz gelagert. Die letzten 40.296 Flaschen wurden am 7. Mai 1979 in Frankfurt versteigert – und seitdem in Sammlerkreisen für 1500 Euro aufwärts gehandelt.

Der Altendorfer Whisky-Kenner:

Die Sammlung Sorgenfrei

Gastronom Günter Graf ist einer der profiliertesten Whisky-Kenner der Region. Der Inhaber des Altendorfer Gasthauses „Sorgenfrei“ verrät den Lesern von Oberpfalz-Medien einige Tipps:

  • Amateure: „Wenn‘s schmeckt, ist er gut.“ Graf hält nichts von versnobbten Werturteilen, nach denen Jim Beam oder Jack Daniels billiger Plempel seien: „Auch Große Konzerne stellen gute Ware her.“ Schottische Single-Malts aus Gerstenmaische, bei denen die Lagerung entscheidend ist, mit Bourbon aus Maismaische oder Blends (gemischten) zu vergleichen, sei müßig. „Wenn jemand keinen torfigen Geschmack mag, bringt es ihm nichts, ein Glas Bowmore 30 Jahre Hunter Laing Kinship für 849 Euro die Flasche zu trinken.“
  • Fälschungen: „In Italien, Griechenland und Russland wäre ich vorsichtig“, warnt Graf. „Es gibt einen Markt für leere Flaschen, eine Versiegelung gelingt auch mit Material aus dem Baumarkt.“
  • Lagerung: Besonders bei Single-Malt-Whiskys spielt die Lagerung in Eichen-Fässern eine entscheidende Rolle. „Eine offene Flasche muss nach einem halbem Jahr weg“, sagt Graf. Was Whisky nicht mag: Sonnenlicht, Temperaturschwankungen und Wärme. „Er mag es kühl, dunkel, stehend und feucht.“
  • Messen: „Limburgs Einkäufer-Messe The-Whiskey-Fair ist für mich die wichtigste Veranstaltung“, sagt Graf. Auch das Münchener Whiskey-Festival, die Interwhisky oder die Finest Spirits München besucht er ab und an.
  • Rohstoffe: „Das britische Gesetz von 1909 für Scotch Whisky ist das strengste Reinheitsgebot der Welt“, sagt Graf. „Beim Destillieren spielt die Frage, woher das Getreide stammt, eine untergeordnete Rolle“, findet er.
  • Sammler: Whisky-Clubs können einer erste Anlaufstelle sein. Um Abfüllungen von Destillerien kaufen zu können, muss man zuvor Zertifikate erwerben. „Bei den Launches bekommt man dann ab 200 Pfund eine Flasche.“
  • Serien: „Serien wie Game of Thrones des Diageo-Konzerns oder die japanische Hanyu Card Serie 1990 Ten of Diamonds (6995 Euro) sind ein Marketingschachzug“, erklärt Graf, „damit Sammler mehrere Flaschen erwerben.“
  • Whisky-Welt: „Was Frank Sinatra mundete, kann nicht verkehrt sein“, bricht Graf eine Lanze für den Bourbon. Seit der Prohibition bediene Kanada große Teile des US-Marktes. Der Alkohol-Bann war auch für den Niedergang des irischen Whiskys ursächlich, der eine Renaissance erlebt. „Dessen Rolle nahm nach 1920 Schottland ein“, erklärt der Experte. In Wales produziert die Penderyn Distillery preisgekrönte Single Malt Welsh. Einen exzellenten Ruf genießt der japanische Whisky, seit Masataka Taketsuru in den 1920ern seine Destille eröffnete. Mackmyra ist Schwedens wichtigste Brennerei. Slyrs ist Deutschlands größte Single-Malt-Destillerie in Schliersee. Jasmin Haiders Waldviertel-Destillerie stellt Österreichs bekanntesten Rye-Whiskey her.

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