04.07.2018 - 12:30 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Bewerben sollen sich eigentlich die Arbeitgeber

Auf dem Podium war man sich einig: Der Arbeitsmarkt in der Oberpfalz steht hervorragend da, an vielen Orten herrscht Vollbeschäftigung. Die Herausforderung liege vielmehr in der Fachkräftesicherung. Mehr Frauen müssten dafür erwerbstätig werden, so das Fazit.

Die Diskutanten (von links): Martin Hagen (FDP), Joachim Hanisch (Freie Wähler), Emilia Müller (CSU), Bertram Brossardt (VBW), Jürgen Mistol (Grüne), Annette Karl (SPD) und Christian Bockes (Arbeitsagentur).
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

(gib) Die erfreulichen Zahlen lieferte Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW), am Dienstagabend im "Businessclub" der Continental-Arena: Die Arbeitslosenquote in der Oberpfalz verringerte sich zwischen 2007 und 2017 von 5,7 auf 2,9 Prozent. Gerade die Arbeitslosigkeit von Frauen, Jugendlichen und Langzeitarbeitslosen sank im vergangenen Jahrzehnt. Die Unterschiede reichen von Regensburg (2017: 1,9 Prozent) bis Weiden (6,1 Prozent).

Als künftige Herausforderungen nannte Brossardt den Fachkräftemangel, die Digitalisierung, die Integration von Flüchtlingen und die Bekämpfung von Langzeitarbeitslosigkeit. Vor allem ersterer Punkt treibe die Betriebe um. "Wir müssen mittlerweile von einem generellen Arbeitskräftemangel sprechen", mahnte Brossardt. Christian Bockes von der Bundesagentur für Arbeit untermauerte das mit Zahlen: Bayernweit kämen derzeit auf eine Stelle 1,7 Bewerber. Wünschenswert wäre ein Verhältnis von 1:3 oder 1:4.

Dass durch die Digitalisierung massenweise Arbeitsplätze wegfallen, sieht Bockes aktuell nicht. Betroffen seien von einer solchen Entwicklung vor allem Fertigungsberufe - und selbst bei diesen Berufen habe es in der Oberpfalz zuletzt einen Beschäftigungszuwachs gegeben.

Um Arbeitskräfte zu finden und an sich zu binden, müssten sich die Betriebe mittlerweile ins Zeug legen. "Die Arbeitgeber müssen sich bei den Jugendlichen bewerben, und nicht umgekehrt", sagte Bockes. Die Akademisierung verschärfe den Fachkräftemangel, kritisierte ein Zuhörer - und stieß bei den Politikern auf offene Ohren. "Es ist ein Problem, dass viele Eltern das Gefühl haben, das Kind muss studieren", sagte die frühere bayerische Arbeitsministerin Emilia Müller (CSU). Mit einer dualen Ausbildung könne man ebenso Karriere machen und ein gutes Gehalt erzielen.

Dass die Erwerbsquote von Frauen weiter erhöht wird, forderten alle Diskutanten. Bei der Umsetzung setzen die Landtagsabgeordneten unterschiedliche Schwerpunkte. Annette Karl (SPD) warb für ein Arbeitsklima wie in Skandinavien, wo nach 17 Uhr keine Besprechungen mehr stattfinden, damit Eltern ihre Kinder aus der Betreuung abholen können - hier seien deutlich mehr Frauen in Vollzeit beschäftigt. Joachim Hanisch (Freie Wähler) möchte erreichen, dass der Kindergarten grundsätzlich kostenlos ist. Eine zeitlich flexible Kinderbetreuung für Eltern im Schichtdienst forderte Jürgen Mistol (Grüne).

Auch ein Umdenken der Männer, sich stärker in die Kinderbetreuung einzubinden, mahnte er an. Martin Hagen, Spitzenkandidat der FDP Bayern zur Landtagswahl, wies auf ein weiteres Problem hin: Dank des Kita-Ausbaus funktioniere die Betreuung kleiner Kinder, in der Schule sei das Ganztagsangebot hingegen nicht ausreichend. "Dann wird das Kind eingeschult, und plötzlich muss ein Elternteil wieder zu Hause bleiben oder Teilzeit arbeiten."

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