18.03.2021 - 18:46 Uhr
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Warum Corona die Psyche belastet aber die Suizide nicht steigen

Die Coronakrise belastet die Menschen auch psychisch. Aktuelle Zahlen zeigen nun, dass es aber nicht mehr Suizide gibt. Was der Grund dafür sein könnte und wie man Betroffenen helfen kann, erklärt eine Expertin aus Regensburg.

Trotz Coronakrise sind die Suizide in Bayern zahlenmäßig im Vergleich zum Vorjahr stabil geblieben. Im Fünf-Jahres-Schnitt liegt die Zahl der Versuche leicht darüber, die der Suizide sogar leicht darunter.
von Kathrin Moch Kontakt Profil
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Berichterstattung über Suizid

Dieser Artikel behandelt das Thema Suizid. Haben Sie suizidale Gedanken, oder kennen Sie eine Person, der es so geht? Hilfe bietet die Telefonseelsorge anonym und rund um die Uhr unter den kostenlosen Nummern 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222. Auch eine Beratung über das Internet ist möglich unter www.telefonseelsorge.de.

Die Corona-Pandemie ist an vielen Stellen eine Belastung: Isolation, finanzielle Engpässe, Angst vor dem Virus und der Zukunft sorgen nicht selten für vorübergehende seelische Ausnahmezustände. Besonders von Lockdown- und Maßnahmen-Gegnern wurden Stimmen laut, es könne deshalb zu mehr Suiziden kommen. Aktuelle Zahlen aus dem Landeskriminalamt (LKA) Bayern bestätigen diese Entwicklung bislang nicht.

Kriminalstatistik 2020

Im Rahmen der Kriminalstatistik 2020 veröffentlichte das LKA auch die Zahlen der Suizide und Suizidversuche in Bayern im vergangenen Jahr. Das Ergebnis ist nicht so verheerend, wie aufgrund der Belastungen durch die Coronakrise befürchtet wurde: Die Zahl der Versuche liegt leicht über, die der Suizide sogar leicht unter dem Fünf-Jahres-Schnitt.

Suizide und Suizidversuche von 2016 bis 2020

Was ist so belastend an der Corona-Pandemie?

Warum die Corona-Pandemie trotzdem eine Belastung für die menschliche Seele sein kann, erklärt Professorin Monika Sommer aus Regensburg, die im Vorstand der Bayerischen Landeskammer der Psychologischen Psychotherapeuten und der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten sitzt: "Auf der einen Seite fehlt den Menschen durch die Isolation natürlich das soziale Miteinander, auf der anderen Seite spielt auch der fehlende Ausgleich eine Rolle. Unbeschwerte Erlebnisse, wie einfach einmal in der Stadt shoppen, fallen weg, sodass viele Menschen schwer aus der Grübelei herauskommen." Menschen als soziale Wesen seien auf einen Austausch angewiesen, dieser sei nun sehr eingeschränkt. "Die Nähe, die Zuwendung, die wir so brauchen, müssen wir aktuell kontrollieren." Auch die Dauer der Krise spiele eine Rolle: "Je länger es dauert, desto belastender wird es."

Weniger "gegenseitiges Aufpassen"

Für Menschen mit psychischen Problemen sei es außerdem schwieriger geworden an Hilfe zu kommen. Zwar seien die großen Angebote wie psychiatrische Kliniken oder Ambulanzen nach wie vor offen, betont Monika Sommer, viele niedrigschwellige Angebote seien aber weggefallen. "In Regensburg gibt es beispielsweise ein Café für psychisch-kranke Menschen, das gibt es in seiner üblichen Form natürlich nicht momentan. Das gegenseitige Aufpassen ist durch Corona schwieriger geworden." Auch Selbsthilfegruppen finden nur eingeschränkt statt.

Warum steigt die Zahl der Suizide trotzdem nicht?

Die Krise könnte also durchaus Folgen haben, wie Sommer erklärt: "Natürlich kann es jetzt sein, dass wir Menschen übersehen, die Hilfe benötigen würden." Die Menschen müssten sich auf jeden Fall aktiver Hilfe holen als noch vor der Pandemie.

Doch warum steigen die Suizidzahlen dann nicht? "Es muss erst abgewartet werden, welche wirtschaftlichen und sozialen Schäden die Situation wirklich hinterlässt. Es ist oft erstaunlich, welche Kräfte und Fähigkeiten Menschen in der Krise mobilisieren und wie stark sie sind. Häufig treten Auswirkungen erst beim Abflachen zu Tage." Umso wichtiger sei es deshalb, das Hilfesystem aufrecht zu erhalten und auch mit mehr Menschen, die möglicherweise suizidgefährdet sind in der Zukunft zu rechnen.

Wie erkennt man, dass jemand sich das Leben nehmen will?

Monika Sommer erklärt, dass es zwei wesentliche Kriterien gibt, die Menschen häufig in den Suizid treiben würden: Extreme Hoffnungslosigkeit und fehlende Zugehörigkeit. "Ein wichtiges Signal ist immer, wenn sich jemand zurückzieht, still und in sich gekehrt wird. Auch das Gegenteil kann vorkommen, viele Menschen werden aggressiv, dünnhäutig. Bei Sätzen wie 'Es ist doch alles hoffnungslos' oder 'Ich falle allen zur Last' sollte man hellhörig werden."

Was kann man als Angehöriger suizidgefährdeter Personen tun?

Hat man den Verdacht eine Person aus seinem Umfeld könnte suizidgefährdet sei, sollte man laut Monika Sommer vor allem eins tun: Den Verdacht ansprechen. "Nicht den Kopf in den Sand stecken und denken, dass es schon wieder wird. Deutlich ansprechen und klare Hilfe anbieten." Helfen könnten Sätze wie: 'Ich mache mir Sorgen um dich', 'Du bist mir wichtig' oder 'Ich hör dir zu und bin für dich da'. Wichtig sei es außerdem, keine Versprechen zu geben, die man nicht halten kann: "Wenn man sagt, man ist für jemanden da, dann sollte man auch da sein. In jedem Fall ist es wichtig, die Lage ernst zu nehmen und es nicht mit einem 'Stell dich nicht so an' ab zu tun."

Krisendienst Oberpfalz

Eines von vielen Angeboten, bei dem suizidgefährdete Personen Hilfe bekommen können, ist der Krisendienst Oberpfalz (https://www.krisendienste.bayern/oberpfalz). Der Krisendienst ist telefonisch unter der Telefonnummer 0800/6 55 30 00 werktags von 9 bis 21 Uhr und am Wochenende von 9 bis 18 Uhr erreichbar. Er leistet telefonische Erstberatung. Expertinnen und Experten koordinieren hier die möglichen Angebote. In besonders dringlichen Fällen besteht auch die Möglichkeit der Hilfeleistung vor Ort.

Natürlich kann es sein, dass wir während der Corona-Pandemie Menschen übersehen, die Hilfe benötigen würden.

Professorin Monika Sommer aus Regensburg, Vorstandsmitglied bei der Bayerischen Landeskammer der Psychologischen Psychotherapeuten und der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten

Professorin Monika Sommer aus Regensburg, Vorstandsmitglied bei der Bayerischen Landeskammer der Psychologischen Psychotherapeuten und der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten

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Info :

Hilfe bei Suizidgedanken

Haben Sie suizidale Gedanken, oder kennen Sie eine Person, der es so geht? Hilfe bietet die Telefonseelsorge anonym und rund um die Uhr unter den kostenlosen Nummern 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222. Auch eine Beratung über das Internet ist möglich unter www.telefonseelsorge.de Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen finden Sie bei der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: www.suizidprophylaxe.de/hilfsangebote/adressen/

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