03.07.2020 - 19:32 Uhr
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Der Fall Maria Baumer vor Gericht: Spurensichtung und Kalk-Analysen

16 Monate war Maria Baumer vermisst, ehe Pilzesammler ihre Leiche fanden. Nun steht ihr Verlobter vor Gericht. Weil er schweigt, sollen Indizien sprechen. Am zweiten Verhandlungstag geht es vor allem um Kalk und DNA-Spuren.

Der Angeklagte (rechts) steht im Verhandlungssaal des Landgerichts neben einem Polizisten und seinem Verteidiger Michael Haizmann (links). Acht Jahre nach dem gewaltsamen Tod von Maria Baumer hat vor dem Landgericht Regensburg der Mordprozess gegen ihren Verlobten begonnen. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft hat der Mann sein Opfer mit Medikamenten getötet und die Leiche in einem Wald vergraben. Der Verlobte hatte Maria Baumer im Mai 2012 als vermisst gemeldet.
von Maria Oberleitner Kontakt Profil

Der zweite Verhandlungstag im Fall Maria Baumer beginnt im Sitzungssaal 104 des Regensburger Landgerichts: Wieder wird der Angeklagte in Handschellen vorgeführt, wieder tritt er in weinrotem Hemd, schwarzem Sakko und zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren vor die zweite Strafkammer unter Vorsitz von Richter Michael Hammer.

Der 35-jährige Christian F. scheint ruhig zu sein, er verfolgt den Prozess mit sachlicher Mine und ohne sichtbare Emotion. Während des ganzen Tages sieht man den Angeklagten regelmäßig über seine Notizen gebeugt, oft folgt er aufmerksam dem Geschehen auf der Richterbank. Direkter Blickkontakt zur Familie des Opfers? Maria Baumers früherer Verlobter scheint daran kein Interesse zu haben.

Fall Maria Baumer: Prozessbeginn

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Sieben Jahre Ungewissheit

Mutter, Vater und Schwester von Maria hingegen fällt es sichtlich schwer, die detaillierten Erläuterungen vom Finden der Leiche zu hören. Das Erinnern an jenen Septembertag muss schwerfallen. Ein Kriminalpolizist erzählt als Zeuge von Knochen, Knorpeln und dem Schädel, den Pilzesammlern am 8. September 2013 in einem Waldstück bei Bernhardswald im Kreis Regensburg gefunden hatten.

Die Frau, die an diesem Tag den Schädel zuerst entdeckt hatte, beschreibt vor Gericht diesen Moment der Skepsis, in dem sie vermutete, es handele sich um eine Art Grusel-Maske. Bei den Zeugenaussagen wird immer wieder klar, wie lange das Auffinden der Leiche schon her ist. Während der eine Kripobeamte sich nicht mehr erinnern kann, wie lange das Bergen der Leiche gedauert hat, kann sich der andere nicht an die Beschaffenheit des Bodens erinnern - es sind seitdem fast sieben Jahre ins Land gezogen. Sieben Jahre, in denen die Familie im Ungewissen ist, wer nun Schuld trägt am Tod der Tochter und Schwester.

Kalk an und um die Leiche

Einer der Kripobeamten schildert schließlich, wie die Polizisten in den Kalkstücken, die sie bei der Leiche gefunden hatten, schließlich kleine Härchen entdeckten. Ein Diplom-Mineraloge erklärt später als Sachverständiger, dass dieses Kalk-Gemisch nicht im Boden am Fundort vorkäme und es sich um eine Mischung aus Branntkalk und einer Art Gipsbinder handele, wie man sie zum Beispiel aus Betonestrich kenne. Auf die Frage von Ricarda Lang, Nebenklagevertreterin, erläutert der Gutachter auch, dass das Wissen über die Wirkung einer solchen Mischung zum Beispiel zur schnellen Verätzung eines Körpers auch in einem medizinischen oder pharmazeutischen Studium gelehrt werde. Wie zum Zeichen nickt Barbara Baumer ihren Eltern zu. Es ist, als wolle sie sagen: Er war's. Denn auch der Angeklagte hatte Medizin studiert.

Eine Molekularbiologin der Erlanger Rechtsmedizin erläutert später als Gutachterin, dass DNA-Spuren von Knochen vom Fundort der Leiche mit Spuren an einem Nassrasierer des Opfers übereinstimmt. Weitere DNA, die an Gegenständen in der Nähe des Fundorts gesichert wurde, sei dagegen einem Polizeibeamten zuzuordnen, viele Spuren allerdings gar nicht mehr auswertbar gewesen.

Als letzter Sachverständiger schildert ein Professor der Molekularbiologie die Analyse der mitochondrialen DNA. Diese habe zwar den Vorteil, dass sie auch ausgewertet werden könne, wenn keine Kern-DNA gefunden werden kann. Allerdings, so der Gutachter, führe die DNA-Spur in diesem Fall nicht zu einer einzigen Person, sondern zu einer Verwandtschaftlinie. Das Merkmal werde jeweils mütterlicherseits weitervererbt.

Dossier: Alles zum Fall Maria Baumer

Muster des Angeklagten

Schon 2015, bestätigt der Biologe aus Innsbruck, wurden 14 geeignete Haare - einige davon mit Kalk verunreinigt - an seinem Institut untersucht. Acht von ihnen hätten Übereinstimmungen mit dem Merkmalsmuster des Opfers gezeigt, vier - ebenfalls mit Kalk verschmutzt - dem Muster des Angeklagten entsprochen und weitere zwei dem von Spurensicherern oder Polizisten. Er erläutere weiter, wie diese Merkmale in einer Datenbank auf die Wahrscheinlichkeit hin überprüft werden könnten, zu der sie tatsächlich einem speziellen Menschen zugeordnet werden können: Im Falle von Maria Baumer sei es so 25 Mal wahrscheinlicher, dass dieses Merkmal tatsächlich auf sie (und nicht auf eine zufällige Person) zutreffe; im Falle des Angeklagten sei es 15 783 mal so wahrscheinlich - denn ein so seltenes Merkmal wie seines war weder 2015 noch aktuell in der Datenbank zu finden. Auf diverse kritische Nachfragen des Verteidigers hinsichtlich der Aussagekraft jener Datenbank schüttelt Barbara Baumer nur leicht ihren Kopf. Für sie scheint alles ganz klar zu sein.

Das Gericht tagt wieder am kommenden Dienstag. Dann soll die Frau, die Maria Baumers Wagen gekauft hatte, gehört werden - und es wird wieder um Kalkspuren gehen.

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