01.07.2020 - 19:54 Uhr
RegensburgOberpfalz

"Der perfekte Mord": Angeklagter im Fall Maria Baumer schweigt

Riesiges Medieninteresse, ein äußerlich veränderter Angeklagter und eine Familie, die wissen will, wie ihre Tochter und Schwester ums Leben gekommen ist: Am Mittwoch hat der Mordprozess um Maria Baumer am Landgericht Regensburg begonnen.

Acht Jahre nach dem mutmaßlichen Mord an Maria Baumer steht der ehemalige Verlobte des Opfers vor dem Regensburger Landgericht.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Auf dem Gang klicken die Kameras in einem Blitzlichtgewitter, kurz darauf wird ein unscheinbarer Mann in Handschellen in den Sitzungssaal 104 geführt. Es ist der 35-jährige Christian F., der frühere Verlobte von Maria Baumer. Er soll die junge Frau im Mai 2012 heimtückisch mit einem Medikamentenmix getötet haben, sagt die Staatsanwaltschaft. Der 35-Jährige ist kaum wiederzuerkennen. 2016 hatte es einen Prozess gegen ihn wegen anderer Delikte gegeben. Seitdem hat sich der blasse Mann, der seit Dezember in U-Haft sitzt, stark verändert: Er hat abgenommen, trägt die dunklen Haare jetzt lang und zu einem Pferdeschwanz gebunden. Das schwarze Sakko über dem weinroten kurzen Hemd schlackert etwas.

Gefaltete Hände, Blick nach vorne

Der Angeklagte wirkt aufgeräumt, er bespricht sich kurz mit seinen Verteidigern Michael Haizmann und Johannes Büttner – sie sitzen coronabedingt nicht neben, sondern vor ihm. Dann faltet er die Hände und blickt nach vorne. Auf ihm ruhen nicht nur die Blicke der über 40 Journalisten und Zuhörer, sondern auch die der Familie Baumer, die als Nebenkläger komplett anwesend ist: Die Eltern, die Zwillingsschwester sowie die drei älteren Brüder.

Der Fall Maria Baumer - eine Chronologie:

Regensburg

Die Familienmitglieder fixieren den früheren Schwiegersohn in spe, er blickt nicht zurück. Nachdem Maria Baumer, die aus Muschenried (Kreis Schwandorf) stammt und in Regensburg lebte, 2012 verschwunden war, hatten sich die Baumers und der Angeklagte noch gemeinsam auf die Suche gemacht. Der Ex-Verlobte war mit Maria Baumers Zwillingsschwester in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ aufgetreten. Er ließ sich damals trauernd in einer Kirche filmen: Die Hochzeit von ihm und Maria Baumer war kurz bevorgestanden, als sie plötzlich weg war.

Die Staatsanwaltschaft Regensburg zeichnet in ihrer Anklageschrift ein ganz anderes Bild: Gerade wegen der anstehenden Hochzeit mit über 250 geladenen Gästen habe Christian F. Maria Baumer ermordet, glauben die Ermittler. Er habe sich in eine andere Frau verliebt, eine Patientin am Bezirksklinikum Regensburg, wo der Krankenpfleger arbeitete. Eben diese Patientin spielte im ersten Prozess gegen den Verlobten eine Rolle: Der Angeklagte räumte damals ein, der jungen Frau bei einem Treffen in ihrer Wohnung ein beruhigendes Mittel in den Tee geträufelt zu haben. Allerdings bestritt er, sich danach an ihr vergangen zu haben. Das erste Verfahren, bei dem es auch um sexuellen Missbrauch von zwei Domspatzen-Schülern ging, endete mit einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren. Er entschuldigte sich bei den drei Opfern.

Angeklagter spricht nur kurz

Am Mittwoch hört man seine Stimme nur, als er seine Personalien angibt, sonst äußert er sich nicht. Der 35-Jährige klingt etwas nervös, aber fest im Ton. Als Staatsanwalt Thomas Rauscher die Anklage verliest, nimmt er sie ohne Regung auf.

Der Rummel vor dem Landgericht dauert am Mittwoch wesentlich länger an als die Verhandlung selbst. Zwei Stunden vor Prozessauftakt versammeln sich 20 Journalisten vor dem Gebäude. Bis zum Beginn um 13 Uhr werden es stetig mehr. Eine Wand von Kameraleuten baut sich im Gerichtssaal auf. Nach Eintreten der zweiten Strafkammer unter Vorsitz von Richter Michael Hammer geht es dann schnell, nach der Verlesung der Anklageschrift und der Erledigung einiger Formalitäten ist die Sitzung nach 15 Minuten wieder geschlossen. Doch auf den Gängen und vor dem Gerichtssaal geht der Kampf um die Deutungshoheit weiter.

Mögliches Mordmotiv im Fall Baumer: Verlobter war in Patientin verliebt:

Regensburg

Ganz wichtig für die Familie

Verteidiger Michael Haizmann sagt in die Kameras, dass er einen Freispruch fordert. Einige Meter weiter landet Anwältin Ricarda Lang, die Maria Baumers Familie als Nebenkläger vertritt, einen Seitenhieb gegen die Ermittler. Sie erklärt, es sei nicht der Staatsanwaltschaft, sondern der Beschwerde der Angehörigen bei der Generalstaatsanwaltschaft Nürnberg und der Kripo zu verdanken, dass das Verfahren wieder aufgenommen wurde.

Die Eltern und Geschwister von Maria Baumer versuchen am Mittwoch, sich möglichst weit abseits des Medienrummel zu halten. Für sie sei es aber ein ganz wichtiger Tag, sagt Anwältin Lang. Acht Jahre nach dem mysteriösen Verschwinden ihrer Tochter und Schwester kommt der Fall doch noch vor Gericht. Die Familie erwartet Antworten. Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.

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