09.09.2020 - 18:52 Uhr
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Fiktiver Amoklauf: Polizei übt in Regensburg den Ernstfall

Schwerbewaffnete Spezialeinheiten der Polizei kommen etwa bei Amokläufen zum Einsatz. Doch was, wenn die Zeit nicht ausreicht, um auf die Spezialkräfte zu warten? Regensburger Streifenbeamte haben am Mittwoch den Ernstfall geprobt.

Die Einsatzkräfte bringen eine schwerverletze "Person" aus der Gefahrenzone – eine 75 Kilogramm schwere Puppe.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Mittwochvormittag im Regensburger Westen, das Viertel liegt ruhig da. Plötzlich fallen Schüsse in einem Verwaltungsgebäude der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH), Hilferufe dringen aus dem dreistöckigen Haus. Bei der Polizei geht ein Notruf ein: Es liegt vermutlich eine Amok-Fall vor. Alle Streifenwagen im Stadtgebiet sollen den Tatort anfahren.

Es handelt sich um eine „lebensbedrohliche Einsatzlage“, erklärt vor dem Gebäude Polizeioberrat Bernhard Huber den Journalisten. Ein extremistischer Täter schieße mit einem Maschinengewehr und weiteren Pistolen um sich. Der stellvertretende Dienststellenleiter der Polizeiinspektion Regensburg Süd kann das ganz in Ruhe sagen – denn das gesamte Szenario wirkt zwar sehr echt, ist aber eine gespielte Übung.

Einer Extremsituation stellen

13 Beamte der Inspektion Süd müssen sich der Extremsituation stellen. Mit Schutzausstattung ausgerüstet, nähern sie sich in Grüppchen dem Gebäude, mit der Waffe im Anschlag laufen sie ins Haus. Derweil rennen erste „Opfer“ aus dem Haus. Gespielt werde sie von Praktikanten der Polizei – die Schreckensschreie liefern sie sehr realistisch ab. Was im Gebäude passiert, dürfen die Journalisten „aus taktischen Gründen“ nicht sehen. „Wie wir vorgehen, sollen mögliche Täter natürlich nicht wissen“, erklärt Polizeihauptmeister Markus Reitmeier.

Mittlerweile sind erste Anwohner auf das ungewöhnliche Geschehen in ihrem Viertel aufmerksam geworden. Eine Familie mit kleinen Kindern kommt aus einer Pizzeria, eine Frau aus einem gegenüberliegenden Wohnhaus. Polizist Reitmeier erklärt ihnen, dass es sich hier nur um eine Übung handelt. Vorab habe es keine Information an die Anwohner gegeben, sagt er auf Nachfrage. Auch für die Übungskräfte selbst sollten Ort und Tat schließlich völlig geheim bleiben.

Bei der Übung können wir nur gewinnen. Alle festgestellten Mängel geben uns die Möglichkeit, an den richtigen Stellschrauben zu drehen.

Polizeioberrat Bernhard Huber

Polizeioberrat Bernhard Huber

Puppen so schwer wie Menschen

Kräfte des operativen Ergänzungsdienstes der Regensburger Polizei treffen ein und umstellen das Gebäude. Zehn Minuten später erfolgt per Funkspruch die Erlösung: Der Täter ist überwältigt, es geht keine Gefahr mehr von ihm aus. Für die Polizisten ist der Einsatz noch nicht vorüber. Sie tragen schwer verletzte Menschen aus dem Gebäude – es handelt sich um 75 Kilogramm schwere Puppen. Die Polizisten kommen beim Tragen ins Schwitzen. Rettungswagen kommen angefahren – je nach Schwere der Verletzung werden die „Opfer“ versorgt oder ins Krankenhaus gefahren. Ein Polizist, der sich dem Einsatz-Drehbuch zufolge verletzt hat, humpelt, von zwei Kollegen gestützt, aus dem Tatort-Gebäude.

Weil noch Semesterferien sind, kann die Polizei die Übung in dem OTH-Gebäude abhalten. Das Haus ist am Mittwoch bis auf die Übungsteilnehmer komplett leer. Der typische Verwaltungsbau mit seinen vielen Zimmern und Fluren sei für die Einsatzkräfte sicher eine Herausforderung, sagt Polizeioberrat Huber. Doch der Ernstfall könne in einem ähnlich verwinkelten Haus eintreten.

Wie sich ein Einsatz anfühlt

„Bei der Übung können wir nur gewinnen“, sagt Huber. „Alle festgestellten Mängel geben uns die Möglichkeit, an den richtigen Stellschrauben zu drehen.“ Das könne etwa die Ausrüstung der Beamten betreffen oder die Kommunikation mit den Rettungsbehörden. Außerdem bekämen die Einsatzkräfte ein Verständnis dafür, wie sich ein solcher Einsatz anfühlt. Aus eigener Erfahrung sagt er: „Die Kollegen sind im Stress. Wenn die Übung anfängt, lebt man tatsächlich in dieser Lage.“

Die Beamten nähern sich der Tür des OTH-Gebäudes. Derweil flüchtet ein „Opfer“, gespielt von einem Praktikanten, aus dem Haus.

Medizinstudenten üben in einem Trainingszentrum

Regensburg
Hintergrund:

"Lebensbedrohliche Einsatzlage"

Eine „lebensbedrohliche Einsatzlage“ besteht aus polizeilicher Sicht, wenn ein oder mehrere Täter mit Waffen oder massiver Gewalt Personen in akute Lebensgefahr versetzen. Solche Lagen können sich aus verschiedensten Motivationen heraus ergeben. Es kann sich um einen terroristischen Anschlag handeln, aber auch um eine häusliche Streitigkeit, die eskaliert. Vier Mal im Jahr finden bei der Polizeiinspektion Regensburg Süd dazu polizeiliche Übungen statt, erklärt Polizeioberrat Bernhard Huber. Eine große Übung mit Sturm eines Gebäudes und Zusammenarbeit mit Rettungskräften wie am Mittwoch gebe es seltener. Ziel der Übungen sei es, die Führungs- und Handlungskompetenz der Kräfte bei derartigen Einsatzlagen zu stärken und den sicheren Umgang mit den zur Verfügung stehenden Einsatzmitteln möglichst praxisnah zu erproben.

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