15.01.2021 - 15:56 Uhr
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Interview: Die Pandemie als Risiko für Suchtkranke

Die Pandemie verlangt den Menschen viel ab. So mancher will die Sorgen mit Alkohol vertreiben. Marion Santl, Leiterin der Caritas-Suchthilfe Ostbayern, erklärt, wie viel Wein pro Tag okay ist – und was vor einer Abhängigkeit schützt.

Marion Santl im Gespräch mit einer Klientin. Aktuell finden die Suchthilfe-Beratungen vor allem am Telefon, draußen bei einem Spaziergang oder in den Ambulanzen mit Maske und Abstand statt.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

ONETZ: Frau Santl, laut einer Umfrage trinkt ein Drittel der Erwachsenen in der Pandemie mehr Alkohol. Spüren Sie in den Fachambulanzen der Caritas-Suchthilfe Ostbayern einen größeren Beratungsbedarf?

Marion Santl, Leiterin der Caritas-Suchthilfe Ostbayern: Aktuell spüren wir noch keinen erhöhten Beratungsbedarf. Das ist aber auch nicht verwunderlich, denn bis es jemandem auffällt, dass sein Alkoholkonsum problematisch ist, vergehen oft Monate oder Jahre. Inhaltlich spielt Corona aber eine große Rolle. Die Einschränkungen durch die Pandemie verstören viele Menschen in ihrer Alltagsroutine. Finanzielle Probleme durch Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit, familiäre Konflikte oder auch Home-Schooling führen zu Stress – den manche mit süchtig machenden Substanzen abbauen wollen.

ONETZ: Führt das gleich in die Abhängigkeit?

Marion Santl: Wenn jemand mehr Alkohol trinkt, bedeutet das nicht gleich eine Abhängigkeit. Doch ein erhöhter Alkoholkonsum steigert das Risiko, dass jemand in eine Abhängigkeit gerät. Wir beobachten auch, dass ehemalige Alkoholkranke derzeit eher einen Rückfall erleiden. Die Corona-Situation ist ein besonderes Risiko für Suchtkranke.

ONETZ: Welche Tipps gibt es, um übermäßigen Alkoholkonsum zu vermeiden?

Marion Santl: Das Wichtigste ist es, Alkohol risikoarm zu konsumieren. Das bedeutet von der Alkoholmenge her pro Tag für eine Frau nicht mehr als ein Glas Wein und für einen Mann nicht mehr als zwei Gläser Wein. An mindestens zwei Tagen der Woche sollte gar kein Alkohol getrunken werden. Wenn man sich selbst fragt, ob der eigene Alkoholkonsum noch in Ordnung ist, ist das oft ein Zeichen, dass man sich seine Trinkgewohnheiten genauer anschauen sollte.

Die Einschränkungen durch die Pandemie verstören viele Menschen in ihrer Alltagsroutine.

Marion Santl, Leiterin der Caritas-Suchthilfe Ostbayern.

Marion Santl, Leiterin der Caritas-Suchthilfe Ostbayern.

ONETZ: Steigt auch der Konsum illegaler Drogen in der Pandemie? Oder ist der Kauf solcher Drogen aktuell erschwert?

Marion Santl: Zu Beginn der Pandemie gab es Hinweise, dass Drogen, die typischerweise in Gesellschaft oder bei Partys genommen werden, weniger konsumiert wurden. Dämpfende Substanzen wie Cannabis nahmen eher zu. Der Straßenhandel war im ersten Lockdown eingeschränkt, was zu einer Verknappung und einem Preisanstieg führte. Das hat sich aber wieder ausgeglichen. Mittlerweile hat sich der Verkauf in den privaten Bereich und ins Darknet verlagert. In Ostbayern werden weiterhin vor allem Cannabis, Methamphetamine wie Crystal und Opiate wie Heroin konsumiert.

ONETZ: Spielhallen sind in der Pandemie geschlossen. Ist das eine Chance für Glücksspielsüchtige?

Marion Santl : Das wäre schön, ist aber leider nicht so. Glücksspieler weichen in Online-Portale aus. Deren Werbung hat stark zugenommen. Auch finanzielle Probleme treiben manche Menschen zu den Glücksspielen. Sie glauben an die Illusion, dass sie ihre Schulden begleichen könnten, wenn sie nur das nächste Spiel gewinnen.

ONETZ: Kein Fußballtraining, keine Tanzgruppe: Das Freizeitangebot für Kinder und Jugendliche ist gerade überschaubar. Erhöht das die Gefahr, dass Kinder und Jugendliche übermäßig zu Handy, Tablet und PC greifen?

Marion Santl: Eine Studie der Uniklinik Hamburg-Eppendorf hat ergeben, dass Kinder und Jugendliche während des ersten Lockdowns 75 Prozent mehr Zeit mit digitalen Spielen verbracht haben. Das ist natürlich schon sehr massiv. Dazu kommt ja auch noch die vermehrte Nutzung von sozialen Medien oder Messenger-Diensten, weil die Kinder und Jugendlichen ihre Freunde nicht wie gewohnt sehen können. Auch hier gilt, dass eine erhöhte Nutzung das Risiko erhöht, eine Abhängigkeit zu entwickeln. Spätestens wenn der Konsum zu einem Konfliktthema in der Familie wird, lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

ONETZ: Welche Möglichkeiten der Beratung und Hilfestellung bietet die Suchthilfe der Caritas in Ostbayern in Corona-Zeiten?

Marion Santl: Wir sind in unseren zwölf Fachambulanzen weiterhin jeden Werktag telefonisch erreichbar. Einzelgespräche führen wir derzeit am Telefon oder auch persönlich, dann bevorzugt draußen bei Spaziergängen. Das funktioniert erstaunlich gut, manchen fällt es sogar leichter, in der Bewegung zu sprechen. Zusätzlich sind unsere Berater über eine Onlineplattform zu erreichen. Das ist oft ein guter Einstieg mit einer geringeren Hürde, weil man auch anonym mit einem Nickname mailen kann.

ONETZ: Sie haben die Leitung der Caritas-Suchthilfe Ostbayern im vergangenen Herbst, mitten in der Pandemie, übernommen. Zuvor waren Sie Beraterin an der Fachambulanz in Schwandorf. Wie hat Corona Ihren Arbeitsstart beeinflusst?

Marion Santl: Einige Projekte kann ich leider nicht so in Angriff nehmen, wie ich mir das vorgestellt habe. Andererseits hatte ich durch das Wegfallen vieler Präsenztermine gut Zeit, mich in das neue Team in Regensburg einzugewöhnen, das mich sehr herzlich aufgenommen hat. Die Pandemie ist und bleibt natürlich ein ständiges Zusatzthema.

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Hilfe bei Abhängigkeit: Zwölf Fachambulanzen in Ostbayern

  • Im Bereich der Caritas-Suchthilfe Ostbayern gibt es zwölf Fachambulanzen, in Amberg, Cham, Deggendorf, Dingolfing, Kelheim, Landshut, Parsberg, Regensburg Schwandorf, Straubing, Tirschenreuth und Weiden.
  • Die Fachstellen befassen sich mit allen Problemen, die durch Abhängigkeit von Alkohol, Medikamenten oder illegalen Drogen entstehen und helfen auch bei Verhaltenssüchten wie Essstörungen, krankhaftem Glücksspiel oder extremem Umgang mit digitalen Medien.
  • Alle Kontakte finden sich unter www.suchthilfe-ostbayern.de. Dort steht auch eine Online-Beratung zur Verfügung.
Persönliche Beratungsgespräche finden bei der Caritas-Suchthilfe derzeit bevorzugt bei einem Spaziergang im Freien statt.
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