14.07.2020 - 17:37 Uhr
AmbergOberpfalz

Raus aus der Alkoholsucht: Denise findet einen Weg

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Schon als Grundschülerin liebte Denise Eierlikör. Als 15-Jährige betrank sie sich an jedem Wochenende. Mit 30 war sie Filialleiterin und stieg um - von Bier auf Wodka, von ab und zu auf täglich. Ihr Weg führte sie in die Alkoholsucht.

Raus aus dem Dunkel, hinein ins Leben: Denise hat einen Weg gefunden, ihre Alkoholsucht zu besiegen.
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

Die Sonnenbrille trägt Denise nicht etwa, weil der Abend zuvor deutliche Spuren hinterlassen hätte. Es ist tatsächlich das Wetter, das dieses modische Accessoire erforderlich macht. Die Frau aus dem Landkreis ist Mitte 30 und hat eine Geschichte zu erzählen. Es ist ihre Geschichte, die sie öffentlich machen möchte - um andere zu warnen und um ihnen zugleich Vorbild zu sein. Denn Denise, das ist ihr richtiger Vorname, war schon in jungen Jahren Alkoholikerin. Doch sie hat einen Weg zurück ins Leben gefunden - und den will sie teilen. Als eine Art Mutmacherin. Dass sie schon mit sechs oder sieben Jahren "Eierlikör genascht" hat, wie sie es formuliert, sei nicht der Auslöser für ihre späteren Probleme gewesen: "Da ist man noch jung, da probiert man halt mal aus." Ernst sei die Lage erst Jahre später als Teenager geworden. Denise, die damals in Thüringen lebte, traf sich mit Freunden, ging weg, machte Party und wollte Spaß haben. Alkohol gehörte dazu: "Da hat auch der Gruppenzwang eine Rolle gespielt."

Das Mädchen betrank sich jedes Wochenende und merkte schnell, dass es auf Alkohol, damals meist Sekt, Bier und Cocktails, anders reagiert als der Rest der Clique: "Ich wusste nicht, wann Schluss ist, wann ich wieder aufhören muss. Der Punkt war erst dann da, wenn nichts mehr reingepasst hat oder ich umgefallen bin."

"Gar nicht mehr schüchtern"

Alarmierend habe sie das nicht empfunden, jedoch: Im Nachhinein betrachtet hat damals die Alkoholsucht begonnen: "Man freut sich aufs Wochenende, weil man dann wieder trinken kann." Und das hat Denise gern. Sehr gern. Denn in einem Alter, in dem Jungs beginnen, eine Rolle zu spielen, habe das aus damaliger Sicht auch Vorteile gehabt: "Wenn ich was getrunken hatte, war ich gar nicht mehr schüchtern." Mit anderen Worten: Vollgas, jedes Wochenende. Ihre Eltern, die keine weiteren Kinder haben, ließen sie gewähren: "Ich hatte eine tolle Kindheit. Meine Eltern haben alles getan, dass es mir gut geht. Sie haben mir aber auch viele Freiheiten gelassen." Daran änderte sich auch in den Jahren danach nichts. Denise feierte sich durch ihr Leben, ließ sich nach der Schulzeit zur Einzelhandelskauffrau ausbilden und arbeitete bei einem Discounter, bei dem sie bereits in jungen Jahren Karriere machte: "Ich wurde direkt nach der Probezeit sofort Filialleiterin. Da war ich 30."

Zwei Jahre keinen Urlaub

Wenn sie allerdings gewusst hätte, was da an Arbeit, Verantwortung und Stress auf sie zukommt, hätte sie den Posten aus heutiger Sicht abgelehnt: Pro Woche sechs Arbeitstage, pro Tag bis zu 16 Stunden im Job, zwei Jahre lang keinen Urlaub. Nicht, weil ihr Arbeitgeber das so gefordert hätte, sie wollte es selbst so: "Ich bin eine Perfektionistin und wollte nichts falsch machen." Schnell war Denise am Ende ihrer Kräfte. Sie machte sich viele Gedanken, konnte nie entspannen und schon gleich gar nicht schlafen.

Also griff sie nicht mehr nur an Wochenenden zur Flasche: "Irgendwann reichte Bier als Einschlafhilfe nicht mehr." Stattdessen gab es dann einen Wodka, "oder zwei". In den schlimmsten Phasen trank Denise pro Tag mindestens eine halbe Flasche. Der Teufelskreis begann: Je mehr sie trank, desto anstrengender wurde die Arbeit. Ohne Alkohol ging es nicht. Aber: "Ich habe schon gemerkt, was das mit mir macht und dass das nicht gut ist. Aber ich habe gedacht, dass ich da schon wieder rauskomme, dass ich jederzeit aufhören kann." Ganz oft habe sie sich vorgenommen: "Heute trinke ich mal nichts." Doch bei der erstbesten Gelegenheit kam dieser Gedanke: "Was soll's? Scheiß drauf!" Spätestens nach Feierabend gab's die Belohnung für all den Stress - natürlich in flüssiger Form.

Denise, die sich damals auch aus Scham niemandem anvertraute, führte zu dieser Zeit eine Fernbeziehung. Ihr Freund, der aus der Amberger Region stammt, habe dennoch gemerkt, dass etwas nicht stimmt: "Dass ich aus Wasserflaschen trinke und dennoch immer lustiger werde." Der Inhalt war kein Wasser. Um Fragen aus dem Weg zu gehen und die Sucht zu verbergen, wurde Denise erfinderisch: "Ich habe den Wodka in der Wäsche im Bad versteckt und gesagt, dass ich aufs Klo muss. Und wenn man öfter ins Bad geht, sagt man halt, dass man eine Blasenentzündung hat."

Und ihr Freund? "Ich glaube, er hat's ignoriert." Selbst dann, als beide im Landkreis Amberg-Sulzbach zusammenlebten. Doch auch das änderte nichts an ihrem Verhalten. Im Gegenteil. Sprachen sie ihre Eltern auf den Alkoholkonsum an, kamen Antworten wie diese: "Vati, was willst du denn? Du trinkst doch auch gerade Bier." Lobten sie die Eltern, weil sie offenbar abstinent war, lief es eher so ab: "Ja, ich war dann völlig normal, aber in Wahrheit hatte ich schon einen oder zwei Flachmänner intus und dachte mir nur: Wenn ihr wüsstet!"

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Mit 2,6 Promille am Steuer

Denise machte drei Jahre "in diesem Tempo" weiter, bis ihr eines Tages der Führerschein abgenommen wurde: 2,6 Promille. Heute spricht die Landkreisbewohnerin von Glück: "Ich hätte sonst irgendwann mich oder andere totgefahren." Doch auch der Verlust der Fahrerlaubnis stoppte Denise nicht. Es war ihr Freund: "Er war dann irgendwann am Ende. Er konnte einfach nicht mehr. Er hat meine Eltern angerufen und gesagt, dass sie mich abholen sollen." An dem Tag hatte sie sechs Dosen Sekt und eine Flasche Wodka zu sich genommen. Das Ergebnis war unübersehbar. Die Konsequenz: "Meine Eltern haben mich ins Auto gepackt und wollten mich in eine Klinik bringen. Ich habe aber rebelliert und wollte bei voller Geschwindigkeit aus dem Auto springen." Ihr Vater wusste sich nicht anders zu helfen, als die Polizei zu rufen: "Die haben mich auf eine geschlossene Station gebracht. Das war mein Glück." Das war am 5. März 2018. Seit diesem Tag hat Denise keinen Tropfen Alkohol mehr zu sich genommen. Auf den stationären Aufenthalt folgten drei Wochen Entgiftung und die Einsicht: "Ich bin abhängig. Aber jetzt mache ich es richtig." Am Tag ihrer Entlassung sah Denise in einem Aushang einen Terminhinweis der anonymen Alkoholiker Sulzbach-Rosenberg, auf dem stand, dass exakt an diesem Tag ein Treffen stattfindet: "Ich bin da gleich hin." Nach der Gruppensitzung entschied sich die Landkreisbewohnerin für eine Langzeittherapie: 15 Wochen in Furth im Wald. Die Gruppe, die sich in Coronazeiten jeden Montag von 19 bis 20 Uhr im Gemeindesaal der evangelischen Christuskirche in Sulzbach-Rosenberg trifft, "hat mir gut getan", sagt Denise und empfiehlt allen, die eine vergleichbare Vorgeschichte haben, diesen Service zu nutzen: "Man merkt, dass man nicht alleine ist. Man merkt, da ist jemand, der mich versteht, mit dem kann man reden."

"Es läuft ganz gut"

Das tut sie immer noch. Obwohl sie ihr Leben im Griff hat: "Es läuft ganz gut. Ich genieße, was ich habe - einen neuen Job, Vollzeit, unbefristet und mit überschaubarer Verantwortung." Das Leben hat Denise also wieder zurück. Jetzt, wo es nach der Corona-Pause wieder erlaubt ist, geht sie weg und trifft sich mit Freunden. Sie trinkt "eine Cola oder eine Limo" und amüsiert sich über Besoffene, "die da rumfallen". Sie denkt dann: "Also, ich weiß morgen noch, was ich heute getan habe." Früher war das nicht so. Dann hatte auch die Frau das, was man einen Filmriss nennt. Doch diese Zeiten sind vorbei. Ihr Lebensweg führte Denise in die Alkoholsucht. Unweigerlich und unaufhaltsam. Doch nur scheinbar. Denn sie selbst hat es geschafft, die Sucht zu besiegen.

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