08.11.2019 - 08:23 Uhr
AmbergOberpfalz

Wenn das Leben vorbeirattert: Eine Ambergerin erzählt von ihrer Spielsucht

Rund 33.000 Menschen in Bayern suchen regelmäßig über Jahre den Kick im Glücksspiel. Viele verzocken an den Automaten in Spielhallen ihr Hab und Gut. Eine 50-jährige Ambergerin war eine von ihnen. Sie kämpft heute noch gegen die Spielsucht.

In Amberg gab es im Jahr 2018 insgesamt 160 Spielhallen mit Glücksspielautomaten. Im Jahr 2000 waren es lediglich noch 64.
von Stephanie Wilcke Kontakt Profil

Beim Spielen vergaß sie alles. Die Sorgen nach der Scheidung von ihrem Mann, die Probleme in ihrer Beziehung, den schweren Alltag. In der Wohnung lebte sie zwischen Kartonkisten, Geld für Lebensmittel oder Möbel hatte sie keines. Der Kontakt zu den beiden Söhnen brach ab.

Heute sitzt eine 50-jährige Ambergerin, die einen selbstbewussten Eindruck macht, bei der Caritas-Beratung. Lebensfroh wirkt die Frau. Sie ist jemand, der gelernt hat, lieber nach vorne zu schauen als nach hinten. "Ich habe viel kaputt gemacht", sagt die Ambergerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, aber mutig über ihre Sucht spricht. Wir nennen sie Anna-Maria. "Wenn ich mit meiner Geschichte eine Seele retten kann, mache ich das gern." Es geht darum, dass Anna-Maria Geld an Automaten in Spielcasinos verzockt hat. Experten sprechen bei diesem Verhalten von pathologischem Glücksspielen.

Anerkannte Krankheit

Basierend auf den aktuellsten Bevölkerungsumfragen ergibt sich für Bayern eine geschätzte Zahl von 33 000 Personen mit pathologischem und geschätzt 35 000 Personen, bei denen ein problematisches Spielverhalten vorliegt. Das teilt die Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern mit. Laut der Weltgesundheitsorganisation ist pathologisches Glücksspielen eine anerkannte Krankheit - eine psychische Störung. Das größte Risiko für eine Glücksspielsucht liegt der Anlaufstelle zufolge, die dem Bayerischen Gesundheitsministerium zugeordnet ist, bei Glücksspielautomaten. Am wenigsten bei Lotterien oder Lotto. Warum ist das so?

Die 50-jährige Ambergerin hat verschiedene Erklärungen. "Musik und die bunten Lichteffekte sind den Bedürfnissen der Spieler total angepasst." Die Umgebung der Automaten sei abgedunkelt, "damit du auf das Gerät fixiert bist". Wenn Anna-Maria heute noch das typische Rauschen, Rattern und Klingeln höre, wenn Geld aus dem Automaten fiel, habe sie die Assoziationen gleich wieder im Kopf. "Das kann auch im Supermarkt passieren, wenn die Töne zu hören sind."

Überall Automaten verfügbar

Die Casino-Betreiber würden ihr Übriges tun, indem sie unter anderem Spieler oft auch auf ein Gratisgetränk einluden. "Wenn du richtig im Rausch bist und gewinnst, ist dir selbst ein Euro für ein Glas Wasser zu viel." Da sei sie lieber auf die Toilette gegangen, trank aus dem Wasserhahn. "Jeder Euro musste wieder in die Maschine." Erschwerend komme hinzu: "Diese Automaten gibt es quasi fast überall." In den vergangenen Jahren sind Spielotheken vielerorts aus dem Boden geschossen. Laut der Landesstelle waren es in Amberg im Jahr 2000 noch 64 Geldspielgeräte in Spielhallen, 2018 waren es 160.

Lohnender Markt und Hilfe:

Die Glücksspiel-Industrie ist ein lohnender Markt. Laut einer Erhebung der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen wurde im Jahr 2017 in Deutschland ein Umsatz von mehr als 46 Millionen Euro erzielt. Den größten Batzen machten dabei die Geldspielautomaten mit rund 31 Millionen Euro aus. Im Jahr 2002 waren es noch insgesamt etwa 27 Millionen Euro (Geldspielautomaten: rund 6 Millionen Euro). Glücksspiel ist lukrativ.

Aber natürlich nicht für diejenigen, die das mitfinanzieren und unter einer Sucht leiden: Im Jahr 2018 meldeten sich bei der Caritas-Suchtberatung in Amberg 23 Personen mit der Diagnose pathologisches Glücksspiel. Die Zahl der Betroffenen ist freilich größer, doch müssen sie sich erst eingestehen, dass sie Hilfe brauchen. „Einige wissen, dass sie etwas ändern müssen und kommen zu uns. Manche springen nach einigen Wochen oder Monaten wieder ab“, weiß Michaela Lang aus ihrer Erfahrung. „Oft fehlt noch die Bereitschaft, etwas zu ändern.“

Natürlich helfe es nicht weiter, wenn das Glücksspiel immer häufiger in TV-Spots beworben würde und „Fußballspieler für Sportwetten ihr Gesicht hergeben“, sagt Lang. So werde das Glücksspiel salonfähig gemacht.

Betroffenen müsse klar sein, dass die Abkehr vom Glücksspiel absolut zu vergleichen sei mit jedem anderen Entzug. „Unruhe, Nervosität, eventuell auch Magenschmerzen – der psychische Entzug vom Alkohol ist identisch.“ Lang ist daher froh, dass die Spielsucht als Krankheit seit einigen Jahren mehr ins Bewusstsein der Gesellschaft gerückt ist. Betroffene und deren Angehörige finden bei der Caritas-Suchtberatung, Dreifaltigkeitsstraße 3 in Amberg und unter Telefon 09621/ 475 540, Hilfe.

Anna-Marias tragische Geschichte beginnt etwa vor zehn Jahren. Mit 23 Jahren war sie nach Deutschland gekommen, fand einen netten Mann, den sie heiratete, doch nach sieben Jahren folgte die Trennung. Sie arbeitete als Servicekraft in einer Spielhalle. Es sei eine völlig andere Welt, die dort herrsche. "Ich habe bei meiner Arbeit sehr viele Schicksale beobachtet: vom Neuling zum Menschen, der am Boden ist." Sie probierte es mit dem Glücksspiel trotzdem aus. Erst war es nur das Trinkgeld, das sie sich verdient hatte und verspielte. "Man denkt, das ist schnell verdientes Geld." Und: Man habe immer alles unter Kontrolle.

Gearbeitet, um zu spielen

Anna-Maria verlor aber die Kontrolle. "Ich habe nur noch gearbeitet, um zu spielen." Sie hätte teilweise nicht einmal die Kraft besessen, Lebensmittel einzukaufen. "Ich ging lieber in die Spielhalle."

Sobald der Lohn auf dem Konto war, dauerte es nur zwei bis drei Tage. "Dann war nicht einmal mehr Geld für Zigaretten übrig." Einmal hat sie Kippen vom Boden aufgesammelt und zu Ende geraucht. "Im Nachhinein schäme ich mich." Nach eineinhalb Jahren verlor sie ihre Arbeitsstelle in der Spielhalle und fand eine neue bei einer anderen Firma. Dort wusste keiner von Anna-Marias Problemen. Dass jemand spielsüchtig ist, sieht man Personen selten an.

Das belegt auch eine Untersuchung der Landestelle für Glücksspiel. Dort heißt es: "Es existiert keine eindeutige Spielercharakteristik." Man habe unter anderem herausgefunden, dass junge Männer besonders häufig gefährdet sind. Personen mit einer geringen Impulskontrolle oder Menschen, die unter Depressionen leiden. Kürzlich hat Anna-Maria einen Mann rauchend vor einer Spielhalle beobachtet. "Er hatte gerade viel Geld verloren. Ich habe diesen starren Ausdruck in seinen Augen und die Verlorenheit im Gesicht wiedererkannt."

Anna-Maria wollte sich zunächst doch helfen lassen - und brach nach wenigen Wochen ab. "Ich war noch nicht bereit dazu." Vor gut einem Jahr änderte sich das. Anna-Maria hatte zu diesem Zeitpunkt kein gesundes Verhältnis mehr zu Geld. "Es war nur ein Mittel, um weiterzuspielen." Ob sie einen grünen oder braunen Schein in der Hand hielt: Es spielte keine Rolle. Selbst das Auto verzockte sie. Was noch schlimmer war: Die Ambergerin plagten Selbstmordgedanken, vom Zu-wenig-essen war ihr körperlicher Zustand erbärmlich. "Ich war sehr tief gesunken", sagt sie heute. "Ich habe gelogen und geliehen. Nur Klauen und Prostitution habe ich nicht gemacht." Sie dachte sich: "Ich muss etwas ändern, sonst sterbe ich." Anna-Maria ließ sich stationär psychisch helfen. "Nach drei Monaten musste ich immer noch ans Spielen denken", erinnert sie sich. "Aber ich hatte ja nichts da." Nicht einmal das Kartenspiel Solitaire am Computer wollte sie spielen. Die nervige TV-Werbung für Online-Spiele oder Wetten schalte sie sofort weg.

Wertvolle Zeit verloren

Nach ihrem Aufenthalt besucht die Ambergerin nun regelmäßig die Beratungsgespräche und Spielergruppe der Caritas-Suchtberatung. "Auf das Jahr, in dem ich nicht spielen gegangen bin, bin ich sehr stolz", bilanziert sie heute. Jetzt könne sie bei einem Spaziergang an einer Spielhalle vorbeilaufen, ohne dass sie Magenschmerzen bekomme. Andererseits habe ihr das Glücksspiel viel wertvolle Zeit genommen. "Das macht mich wehmütig." Sie denkt da vor allem an ihre beiden Söhne. Die zwei hätten genau beobachtet, wie ihre Mutter seit einem Jahr versucht, standhaft zu bleiben. "Ich habe meine Kinder in einer für sie sehr schwierigen Zeit vernachlässigt. Natürlich sind sie jetzt immer noch skeptisch." Dann erzählt Anna-Maria, dass sie erst kürzlich den einen Sohn in Frankreich besucht habe. Dabei strahlt sie.

Regelmäßige Caritas-Treffen

Bei den Caritas-Treffen, die zweimal im Monat Anna-Maria auf ihrem Weg aus der Sucht begleiten, spreche man viel über sie selbst. "Über meine Probleme. Nicht nur darüber, dass ich spielsüchtig bin." Das Basteln habe sie für sich entdeckt. Und wie schön grün die Blätter im Sommer an den Bäumen waren. "Jetzt genieße ich das Laufen durch die Stadt im Herbst." Das alles habe sie irgendwann nicht mehr wahrgenommen. "Dafür war ich einfach zu blockiert."

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