04.08.2021 - 17:57 Uhr
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Lebenslange Haft in Regensburg: „Tötung war eine Machtdemonstration“

Ein 56-jähriger Koch aus Regensburg ist am Mittwoch wegen Mordes an seiner Ehefrau zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Er hatte es nicht ertragen, dass er seine Machtstellung in der Familie verloren hatte, urteilte das Gericht.

Vor der Urteilsverkündung tauschte sich der Angeklagte kurz mit seinem Pflichtverteidiger Julian Wunderlich aus. Während des Prozesses hatte er die Auswechslung seines Anwalts gefordert, „weil diese Sache hier nicht so gut läuft“. Das Gericht lehnte den Antrag als nicht ausreichend begründet ab.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Der Angeklagte trug dasselbe türkise Hemd wie am ersten Verhandlungstag. Stoisch und mit gesenktem Blick folgte er der Urteilsbegründung vor dem Landgericht Regensburg. Unstrittig war, dass der 56-Jährige seine Frau am 8. Oktober 2020 mit 16 Messerstichen in der gemeinsamen Wohnung getötet hatte. Das hatte der Mann unmittelbar nach der Tat selbst bei der Polizei gestanden. Das Gericht musste entscheiden, ob es sich um Totschlag oder Mord handelte.

Die Kammer um den Vorsitzenden Richter Michael Hammer war nach vier Verhandlungstagen zu dem Schluss gekommen, dass der Mann seine Frau aus niedrigen Beweggründen getötet hatte, weshalb sie ihn wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilte. „Die Tötung war im Kern eine Machtdemonstration“, sagte Hammer. Der Mann, der aus dem Kosovo stammt, habe sich aus seinem kulturellen Hintergrund heraus als Familienoberhaupt gesehen, der über die anderen bestimmen darf. Dazu habe er die anderen Familienmitglieder in einer Art „Terrorregime“ unterdrückt und permanent Angst verbreitet.

Seine Frau habe er wie eine Sklavin gehalten, sie durfte weder in der Stadt einen Kaffee trinken noch allein auf dem Balkon sitzen. Auch körperliche Gewalt habe es in zeitlichen Abständen ihr gegenüber gegeben. Die Tochter sei stark eingeschränkt worden, habe nicht einmal eine Freundin, die im gleichen Haus wohnte, ohne weiteres besuchen können. Die beiden Söhne hätten zwar mehr Freiheiten gehabt, wurden aber ebenfalls schikaniert. „Und sie litten mit ihrer Mutter und ihrer Schwester mit, weil sie im Gegensatz zum Angeklagten zur Empathie fähig sind.“ Der Vater hingegen habe sich alle Freiheiten genommen und das Familieneinkommen nachts in einem albanischen Club verprasst.

Erheblich ins Schwanken geriet die Rollenverteilung in der Familie, als der Vater von 2019 bis 2020 für neun Monate in Österreich wegen einer Drogengeschichte in Haft musste. Die Familie war zwar weiterhin loyal zu ihn, nach seiner Rückkehr habe der Mann aber gemerkt, „dass seine Familie neun Monate gut ohne ihn klargekommen ist“, sagte Richter Hammer. Die Schwächung seiner Autorität sei wohl der Wegbegleiter dafür gewesen, dass er seine Tochter bald nach der Haftentlassung im Streit mit einem Messer bedrohte – was im Endeffekt zum völligen Machtverlust führte. Denn die Tochter holte sich erstmals Hilfe von außen. Die Polizei verwies den Vater der Wohnung, ein Kontaktverbot wurde verhängt. Der Mann kam bei Verwandten unter, „eine sehr kränkende Situation für ihn“.

Seine Ehefrau gab ihm nach Interventionen der Verwandtschaft noch eine Chance, er durfte wieder einziehen – musste aber bestimmte Regeln einhalten, sich im Umgang bessern. Kurz darauf kam es mit der Ehefrau zu einem Streit wegen Anrufen von einer unbekannten Nummer auf ihrem Handy. Der Mann vermutete einen Nebenbuhler. Die Auseinandersetzung eskalierte, der Mann stach mit einem Küchenmesser auf die Frau ein, sie verblutete. Später stellte sich heraus, dass die „verdächtigen“ Anrufe von dem Bruder der Frau gekommen waren.

Das Gericht urteilte, dass es sich nicht um eine Affekttat aus Eifersucht handelte. Vielmehr habe der 56-Jährige seine Frau getötet, „weil sie nicht mehr bereit war, ihm bedingungslos zu gehorchen“. So habe er ein letztes Mal die alte, aus seiner Sicht richtige Ordnung herstellen wollen. Die Beweggründe für die Tötung seien bei ihm bereits mehrere Tage oder Wochen präsent gewesen.

Keinerlei Zweifel hegte das Gericht an der Glaubwürdigkeit der drei Kinder, die als Zeugen ausgesagt hatten. Der Angeklagte hatte seine Tochter nach deren Aussage der Lüge bezichtigt. Die Kinder hätten keinerlei Belastungseifer an den Tag gelegt, betonte Richter Hammer. Sie seien trotz aller Widrigkeiten in ihrer Kindheit „sympathische, kluge und offene Menschen“, die sich nun gegenseitig stützen und nicht Bitterkeit, sondern Menschlichkeit ausstrahlen. Der Angeklagte hingegen habe den Kindern letztlich beide Elternteile genommen. Nach der Tötung ihrer Mutter werde er wohl kaum mehr eine Rolle im Leben der Kinder spielen.

Anrufe des Bruders führten zum Tod

Regensburg
Angespannt wartete der Angeklagte auf die Urteilsverkündung.
Hintergrund:
  • Im Prozess gegen den 56-jährigen Regensburger, der seine Ehefrau getötet hat, hatte die Staatsanwaltschaft eine lebenslängliche Haft wegen Mordes gefordert. Das Gericht folgte dieser Auffassung.
  • ,Julian Wunderlich, Pflichtverteidiger des Angeklagten, hatte für eine Strafe deutlich unter lebenslänglich plädiert. Sein Mandant sei kein Mörder, sondern allenfalls ein Totschläger.

 

 

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