29.09.2020 - 17:39 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Oberpfälzer Kulturveranstalter hoffen auf Impfstoff oder Wunder

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Der renommierten internationalen Künstleragentur Columbia Artists hat die Coronakrise schon den Garaus gemacht. Dieser Donnerschlag hat die gesamte Branche aufgeschreckt. Auch die Veranstalter in der Region sind in Sorge.

Nix los in der Kultur: Ein leeres Stadttheater in Amberg.
von Anke SchäferProfil

Über Monate keine Konzerte, Shows, Events und infolgedessen keine Einnahmen: Das steht kein Veranstalter auf Dauer durch. „AlarmstufeRot“ nennt sich daher nicht nur eine Initiative zur Rettung der Veranstaltungswirtschaft, es ist auch das Fazit zur aktuellen Situation. Im Interview berichten Carolin Kern von Power Concerts GmbH (Burglengenfeld), Reinhard Söll von Odeon Concerte Regensburg und Petra Schober vom Konzertbüro Oberpfalz (Parkstein) von ihren Nöten und Hoffnungen.

ONETZ: Absagenflut, Veranstaltungsverbote, ungewisse Aussichten – die Corona-Pandemie hat auch Ihrer Branche schwer zugesetzt. Wie sind Sie durch die letzten Wochen und Monate gekommen?

CAROLIN KERN: Wir sind hier bei Power Concerts GmbH alle in Kurzarbeit, wir gehen aber dennoch jede Woche mindestens einmal ins Büro und erledigen hier die angefallenen Arbeiten, wie zum Beispiel Verlegungen der Shows nach 2021. Diese müssen in allen Vorverkaufssystemen verlegt werden und Kundenanfragen bezüglich Rückgaben müssen beantwortet werden. Wir haben die gesetzlich verabschiedete Gutscheinlösung in Anspruch genommen. Ansonsten haben wir einen Pop-Up-Biergarten im Live-Shows am VAZ Burglengenfeld ins Leben gerufen, damit die Kultur nicht ganz ausstirbt in dieser schwierigen Zeit. Dieser wurde seitdem sehr gut angenommen.
REINHARD SÖLL: Seit März haben wir eine Art Berufsverbot. Wir haben keinerlei Einnahmen mehr. Das hat uns sehr schwer getroffen und die Aussichten sind auch sehr ungewiss.
PETRA SCHOBER: Mit Humor und einer gehörigen Portion Fatalismus. Wir - also mein Mann Hubert, der ja seit über 30 Jahren in der Branche arbeitet, und ich -mussten manchmal schmunzeln, wenn von Einbrüchen bei diversen Branchen von über 20 oder gar 50 Prozent die Rede war. Das ist sicherlich schon ein schwerer Schlag, niemand redet aber darüber, dass z um Beispiel Club- und Disco-Betreiber auf 100 Prozent, die Veranstaltungswirtschaft aber mindestens auf 90 Prozent Einbußen zurück- und leider auch vorausblicken dürfen.

ONETZ: Haben Sie schon eine Übersicht über die wirtschaftlichen Konsequenzen?

CAROLIN KERN: Es sind ja seit März bei uns, wie auch bei anderen Veranstaltern, sehr viele Einnahmen weggefallen, vor allem was Ticketverkäufe betrifft, aber auch der Gastronomieumsatz hat gelitten.
REINHARD SÖLL: Da schaue ich lieber gar nicht hin. Für die Schlossfestspiele Regensburg haben wir zum Glück relativ früh eine Versicherung abgeschlossen. Aber ich muss meine Mitarbeiter und Mieten bezahlen, das ist eine wirklich schlimme Situation.
PETRA SCHOBER: Naja, wenn man von 100 Prozent auf Null Einnahmen zurechtgestutzt wird, fällt der Überblick leicht.

ONETZ: Wie sah und sieht es mit staatlicher Unterstützung aus?

CAROLIN KERN: Wir haben die Corona-Soforthilfe bekommen. Aber ansonsten lässt die staatliche Unterstützung leider zu wünschen übrig. Leider hat es unsere Branche am härtesten getroffen, aber konkrete Hilfen vom Staat sind hier leider nur sehr gering. Da wir leider nicht wissen, wann wir wieder komplett loslegen dürfen, ist dies natürlich nicht gut.
REINHARD SÖLL: Bei uns gab es nichts außer dem Überbrückungsgeld. Jetzt kämpfen wir darum, ins Programm „Neustart Kultur“ (Rettungs- und Zukunftsprogramm der Bundesregierung, Anmerk.d. Red.) zu kommen. Aber das ist so bürokratisch und so komplex. Das wird sich alles erst ändern,wenn es eine Impfung gibt. Die Leute kaufen keine Karten. Wir veranstalten hauptsächlich Klassik, da ist das Publikum älter und zählt zur Risikogruppe. Das macht die gesamte Branche kaputt.
PETRA SCHOBER: Diese gibt es nur für laufende Kosten – aber keinesfalls für den Lebensunterhalt.

ONETZ: Erschreckt Sie die Meldung, dass mit Columbia Artists jetzt einer der Branchen-Riesen schon in die Knie gegangen ist?

CAROLIN KERN: Ich befürchte, dies wird nicht nicht der letzte Veranstalter sein, wenn nicht bald einige Lockerungen kommen. Es gibt einige Veranstalter, die von großen Shows und Festivals leben. Da aber bis jetzt nicht absehbar ist, wann die ganz großen Shows wieder erlaubt werden, beziehungsweise in welchem Umfang, wird es vermutlich hier schwierig, dies alles aufrecht zu erhalten über einen ungewissen Zeitraum.
REINHARD SÖLL: Das ist schon „shocking“. Eine so große, weltweit agierende, seit über 80 Jahren bestehende Agentur. Das liegt natürlich auch an deren Schwerpunkt in den von Corona besonders hart getroffenen USA. Die Agentur lebt von der Provision - keine Veranstaltungen, keine Gage, keine Provision. Insofern wundert es mich eigentlich nicht, aber man denkt schon: Wenn es die trifft, dann sind alle gefährdet.
PETRA SCHOBER: Nicht wirklich. Der Cirque Du Soleil hat ja auch Konkurs angemeldet und viele weitere werden folgen. Wir als Zwei-Mann-Frau-Unternehmen tun uns da leichter als die meisten Großen im Geschäft mit über 100 Festangestellten und großen Büros. Klar können diese Kollegen auf die Kurzarbeit bauen, Mieten und Fixkosten laufen aber ja weiter.

Die Kulturschaffenden in der Oberpfalz gehen in der Krise neue Wege

Schwandorf

ONETZ: So langsam füllen sich die Kultur-Veranstaltungskalender wieder – auch für Sie ein Hoffnungsschimmer?

CAROLIN KERN: Ja, wir haben tatsächlich ab 11. September wieder in der Eventhall Airport und im VAZ Burglengenfeld mit bestuhlten Veranstaltungen, die natürlich auf die Corona-Regeln angepasst sind (Abstand, Hygiene etc), gestartet. In der Eventhall Airport haben wir buntes Programm, von Rock, Metal über Kabarett ist für jeden was dabei.
REINHARD SÖLL: Na ja, in Bayern haben wir immer noch die Situation, dass maximal 200 Personen erlaubt sind. Uns helfen aber nicht 200 und auch nicht 500 Leute, uns helfen nur Veranstaltungen mit über 1000 Leuten. Dahin ist es noch ein weiter Weg.
PETRA SCHOBER: Nicht mal im Ansatz! Das sind Nebelkerzen, die über die wahre Malaise hinwegtäuschen. Was findet denn schon groß statt?! Kleinstkunstveranstaltungen, staatlich oder städtische geförderte Veranstaltungen, die schon immer geförderte „Hochkultur“. Den Nürnberger Symphonikern kann es Wurst sein, ob Sie vor 100 oder 1000 Leuten spielen, denn das sind Staatsbedienstete. Wir als BRD können uns ja Gott sei Dank so einen Luxus leisten, aber die private Veranstaltungswirtschaft, die den Löwenanteil des Entertainments abdeckt, wird hier komplett vergessen und ausgegrenzt. Wir werden erst wieder sinnvoll und profitabel wirtschaften können, wenn jedwede Restriktion wegfällt - und es einen Impfstoff gibt. Wollen Sie mit 1,5 Meter Abstand und mit Mundschutz ein Konzert genießen?

ONETZ: Was müsste in den nächsten Monaten im Großen wie im Kleinen passieren, damit Sie wieder voller Optimismus in die Zukunft blicken können?

CAROLIN KERN: Es müsste definitiv mehr gelockert werden, was die Besucheranzahl betrifft. Vor allem jetzt im kommenden Herbst, Winter, in denen keine Veranstaltungen draußen mehr möglich sind. Man kann entgegen der Aussage der Regierung sehr gut nachvollziehbar machen, wer wann und wo auf den Konzerten ist, schon allein die Möglichkeit der personalisierten Tickets ist hier ein großes Plus für unsere Branche. Es können vor allem aber auch gute Hygienekonzepte entwickelt werden, die eine Durchführung von Konzerten und Shows möglich machen. Leider ist es für keinen Veranstalter rentabel in stark platzreduzierten Hallen eine Veranstaltung durchzuführen.
REINHARD SÖLL: Eine Impfung! Die Leute sind extrem unsicher, hören nur Corona, Corona. Nach innen gehen die Leute gar nicht mehr. Wir haben 100 Prozent Umsatzrückgang. Entweder die Leute gewöhnen sich an Corona oder es gibt eine Impfung.
PETRA SCHOBER: Nicht viel, ein Wunder würde genügen. Alternativ müsste die Politik uns nichtstaatliche und geförderte Veranstalter entdecken, ernst nehmen und zumindest soweit finanziell unterstützen, damit wir uns nach der Krise weiterarbeiten können. Wäre schön, wenn auch die Kultur gefördert wird, indem zum Beispiel jeder einen Kulturgutschein bekommt und ein Konzert besuchen kann. Deutschland verarmt kulturell und das Schlimmste ist, die Bevölkerung gewöhnt sich am Ende noch daran, weil der Kampf ums Überleben natürlich Vorrang vor der „leichten Muse“ haben wird. Erst später werden wir alle entdecken, was uns verloren gegangen ist - nämlich ein Stück Intellekt.

Weitere Informationen zu Power Concerts

Weitere Infos zu Odeon Concerte

Infos zum Stahlwerk-Festival

Petra Schober (Konzertbüro Oberpfalz, Parkstein) fordert von der Politik mehr Unterstützung für die private Veranstaltungswirtschaft.
Reinhard Söll (Odeon Concerte, Regensburg).
Carolin Kern (Power Concerts GmbH, Burgelngenfeld).

Für Sie empfohlen

 

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.