05.08.2021 - 10:33 Uhr
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Regensburger Kinderpsychiater: „Schulen bitte offenlassen“

Bleiben die Schulen ab Herbst dauerhaft geöffnet? Diese Frage treibt den Regensburger Kinderpsychiater Dr. Christian Rexroth um. Er betont, wie stark Kinder und Jugendliche in der Pandemie belastet sind und warnt vor möglichen Folgen.

Die Kinder müssen in den Präsenzunterricht, fordert der Regensburger Kinderpsychiater Dr. Christian Rexroth.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Die Kernbotschaft von Rexroth, der Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft der Leitenden Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bayern ist, lautet: „Wir bitten alle, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, zeitnah kluge Konzepte zu erstellen, damit die Bildungs- und Freizeiteinrichtungen offenbleiben können.“ Damit meint er neben den Schulen und Kitas auch andere Kultur- oder Fördereinrichtungen für junge Menschen.

Kinder und Jugendliche hätten sich in der Pandemie über viele Monate hinweg solidarisch mit den Menschen gezeigt, die durch das Coronavirus besonders gefährdet sind, wie Senioren und chronisch Kranke. Aus den Erfahrungen der vergangenen Zeit wisse man, wie stark junge Menschen in der Pandemie belastet sind. „Wenn wir das weiter zulassen, ist das Risiko sehr hoch, dass sich aus den Belastungen Störungen entwickeln, und wir bekommen eine Generation von mehr psychisch Kranken.“

Mehr Depressionen und Ängste bei Kindern

Rexroth steht als Chefarzt dem Zentrum Amberg-Cham-Weiden der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Bezirksklinikum Regensburg vor. Er berichtet von einer merklich höheren Inanspruchnahme von Therapieangeboten. Bei Kindern und Jugendlichen träten mehr Depressionen, Erschöpfungszustände, Ängste, Ess-, Schlaf- und Aufmerksamkeitsstörungen sowie lebensmüde Gedanken auf. In vielen Familien seien Großeltern gestorben, sagt Rexroth. Das belaste die Eltern und dieser Stress gehe auch auf die Kinder über. Dadurch, dass zeitweise alle Bildungsstätten geschlossen waren, hätten die jungen Menschen den Kontakt zu Gleichaltrigen verloren. Das führe heute dazu, dass manche Jugendlichen sagen: „Mama, ich lasse mich impfen, egal, was ihr sagt – ich will mich wieder mit Gleichaltrigen treffen.“

Pandemie als Verstärker

Besonders stark seien in der Pandemie Kinder und Jugendliche belastet, die ohnehin in einer Risikokonstellation leben. Das könne etwa in Familien mit psychisch kranken Eltern, mit nur einem Elternteil, mit finanziellen Schwierigkeiten oder mit Migrationshintergrund der Fall sein. Die Pandemie wirke hier wie ein Verstärker. Während Grundschüler die Corona-Regeln oft sehr gut mitmachten und das Einhalten sogar von den Erwachsenen einforderten, seien Jugendliche in einer Phase, in der sie sich eigentlich von den Eltern ablösen. Das passiere gewöhnlich in Parks, Kneipen oder Diskos. Doch in der Pandemie seien sie mit ihren Eltern und Geschwistern zeitweise geradezu „eingesperrt“ gewesen. Um den Jugendlichen mehr Freiheiten zurückzugeben, plädiert Rexroth dafür, ihnen auch ungewöhnliche Angebote zu machen wie Partys im gut durchlüfteten Parkhaus oder auf einem Feld.

Alternativen im Schulalltag

Wichtig ist es Rexroth, dass bereits jetzt Alternativen gefunden werden, falls doch wieder Wechselunterricht und digitales Lernen nötig sein sollten. Zum einen müsse eine ausreichende IT-Struktur vorgehalten werden. Zum anderen müsse es ein einheitliches, sinnvolles Konzept für den Online-Unterricht geben. In den vergangenen Monaten sei das an den Schulen sehr unterschiedlich abgelaufen, hat Rexroth beobachtet. Viele Lehrer hätten sich sehr engagiert, um die Kinder beim Lernen zu begleiten. Andere Schüler hätten nicht viel mehr als einen Packen Arbeitsblätter nach Hause bekommen, die abzuarbeiten waren. „Es muss sichergestellt werden, dass in jeder Schule grundsätzlich ein ordentliches Angebot für Online-Unterricht besteht, und zwar in ausreichendem Umfang“, fordert der Kinderpsychiater.

Rexroth spricht sich dafür aus, eine Normenkontrolle einzuführen: „Wir sollten uns immer auch fragen, was die angedachten Maßnahmen für Kinder und Jugendliche bedeuten.“ Junge Menschen sollten bei diesem Prozess beteiligt werden. „Sie müssen in Krisen mitgenommen werden.“

Lehrer und Homeschoolng

Amberg
Der Regensburger Kinderpsychiater Dr. Christian Rexroth ist Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft der Leitenden Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bayern.
Hintergrund:

Zur Person

  • Chefarzt Dr. Christian Rexroth leitet das Zentrum Amberg-Cham-Weiden der
    Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Bezirksklinikum Regensburg
  • Er ist Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft der Leitenden Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

 

 

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