07.04.2021 - 15:38 Uhr
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Regensburger Mediziner warnen: Die Corona-Lage ist kritisch

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An den Regensburger Krankenhäusern werden aktuell so viele Covid-Patienten behandelt wie noch nie in der Pandemie. Regionale Experten mahnen im Umgang mit der britischen Mutante zur Vorsicht und sehen keine Möglichkeit für Lockerungen.

Die deutschen Intensivstationen füllen sich wieder - immer mehr Covid-19-Patienten müssen behandelt werden.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

„Corona Jahr II – wie geht es weiter?“ - unter dieser Überschrift stand eine Online-Veranstaltung, zu der der Regensburger Bundestagsabgeordnete Peter Aumer (CSU) am Dienstagabend eingeladen hatte. Regensburger Experten aus der Medizin sprachen über Inzidenzen, Impfungen und den Weg hin zu Öffnungen.

Die Situation an den Krankenhäusern

An den Regensburger Krankenhäusern werden aktuell so viele Covid-Patienten behandelt, wie noch nie in der Corona-Pandemie. „Wir sind just heute in Regensburg insgesamt bei über 200 stationären Covid-Patienten“, sagte Dr. Sylvia Pemmerl, Pandemiebeauftragte am Caritas-Krankenhaus St. Josef. „Das ist ein Peak, auf dem wir bislang noch nicht waren.“ Professor Bernhard Graf, Direktor für Anästhesiologie an der Uniklinik Regensburg, bestätigte, dass sich die Intensivstation des Uniklinikums weiter mit Covid-Patienten füllt. Allein am Ostersonntag habe man sechs Covid-Patientenanfragen aus anderen Krankenhäusern erhalten. Als Maximalversorger hat die Uniklinik die Aufgabe, schwerstkranke Patienten aus der Region zu übernehmen. Auch wenn noch Ressourcen vorhanden seien, nannte Graf die Lage „schon etwas kritisch“.

Dr. Sylvia Pemmerl, Pandemiebeauftragte am Caritas-Krankenhaus St. Josef in Regensburg.

Pflegepersonal als Engstelle

Während Schutzmaterial und Beatmungsgeräte ausreichend vorhanden seien, bezeichnete Graf die Situation beim Pflegepersonal als „Engstelle“. Normalstationen müssten heruntergefahren werden, damit ausreichend Pflegepersonal für zusätzliche Intensiv-Betten für Covid-Patienten bereitsteht. Schon vor der Pandemie habe es ein chronisches Pflege-Problem gegeben, sagte Pemmerl. Nun, in der dritten Welle der Pandemie, herrsche darüber hinaus eine gewisse Personal-Ermüdung. Die Arbeit, also eine komplette Schicht unter voller Schutzausrüstung und mit FFP2-Maske, sei auf die Dauer sehr anstrengend. Dazu komme die psychische Belastung, wenn Sterbende – darunter auch immer jüngere Menschen – begleitet werden müssen, ohne dass Angehörige dabei sein können.

Britische Virus-Mutante "ein anderes Feindbild"

Den Hauptgrund für die steigenden Infektionszahlen sehen die Experten in der Ausbreitung der britischen Virus-Mutante. „Wir haben ein anderes Feindbild in der dritten Welle“, sagte Pemmerl. „Bei gleich vorsichtigem Verhalten haben wir ansteigende Zahlen“, stellte Professor Bernd Salzberger, Leiter der Infektiologie an der Uniklinik Regensburg, fest. Das mutierte Virus sei ansteckender und verzeihe kleine Fehler bei den Kontaktregeln weniger. Zuvor habe sich oft nur eine Person in einer Familie angesteckt. „Jetzt ist häufig die ganze Familie infiziert.“ Salzbergers Fazit: „Wir müssen noch viel besser aufpassen und die Regeln noch genauer einhalten.“

Bernd Salzberger, Leiter der Infektiologie an der Uniklinik Regensburg.

Größerer Fokus auf Post-Covid-Patienten

Immer deutlicher wird, dass manche Covid-Patienten mit Langzeitfolgen kämpfen müssen. Etwa zehn Prozent der Erkrankten würden auch zwölf Wochen nach der Infektion und weit darüber hinaus noch unter Beschwerden leiden, sagte Professor Michael Pfeifer, medizinischer Direktor der Klinik Donaustauf. Oft gebe es psychosomatische Probleme, die Betroffenen seien teils nicht mehr arbeitsfähig. Nach einer stationären Reha fehle es oft an ambulanten Reha-Angeboten sowie an ausreichend Psychotherapeuten. An der Klinik Donaustauf ist vor kurzem Bayerns erste Post-Covid-Station eingerichtet worden.

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"Haben nichts Besseres als die Inzidenzwerte"

Immer wieder gibt es Diskussionen darüber, ob es richtig ist, dass Beschränkungen an den örtlichen Inzidenzwerten festgemacht werden. „Wir haben nichts Besseres als die Inzidenzwerte“, stellte Infektiologe Salzberger klar. Die Sieben-Tage-Inzidenz sei ein Frühwarnzeichen, das der Belastung auf den Intensivstationen vorauslaufe. „Diese Trends zu sehen, ist für uns wahnsinnig wichtig.“ Professor Graf erklärte, aus Sicht der Intensivstation seien vor allem die Inzidenzwerte bei Menschen über 40 Jahre interessant, da es bei Jüngeren viel seltener zu schweren Verläufen komme.

Professor Bernhard Graf, Direktor der Klinik für Anästhesiologie an der Uniklinik Regensburg.

Lockerungen frühestens in sechs bis acht Wochen

Die Möglichkeit von Öffnungen sieht Salzberger aktuell nicht. Dafür brauche es erst dauerhaft fallende Infektionszahlen und einen größeren Fortschritt beim Impfen. Er sagte aber auch: „Wir werden das Ende der dritten Welle sehen.“ In England habe man es mit einem relativ harten Lockdown und einer schnellen Impfkampagne geschafft, der britischen Mutante beizukommen. Dort werde nun schrittweise geöffnet. „Ich hoffe, dass wir in sechs bis acht Wochen an dieser Stelle sind.“

"Impfen muss unbürokratischer werden"

Die Hoffnung liegt im Impfen, darin waren sich alle Experten einig. „Das Impfen muss unbürokratischer werden“, forderte Pemmerl. „Wenn genug Impfstoff da ist, müssen wir 24 Stunden impfen.“ Salzberger betonte, dass es wichtig sei, in den europäischen Länden in etwa gleich schnell zu impfen. Das gelinge gut, derzeit liege man europaweit bei einer Impfquote von etwa zwölf Prozent. Wenn Deutschland sehr schnell impfen würde, die Nachbarländer aber nicht, wäre die Gefahr von sogenannten Flucht-Mutationen groß, sagte Salzberger. „Mit einem Impf-Nationalismus würde Deutschland nicht gut fahren.“ Die Pandemie könne man nur gemeinsam überstehen.

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Kommentare

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Ulla Britta Baumer

Zumindest die Uniklinik Regensburg sollte in manchen Dingen vor ihrer eigenen Tür kehren. Ich war kürzlich in der Uniklinik wegen einer Augenuntersuchung. Sieben Stunden lang wurde ich von Behandlungsraum zu Behandlungsraum weiter geschoben. Ein Patient klagte über acht Stunden, die er hier festsitzen musste. Die Wartebereiche waren völlig überfüllt. Abstände wurden keine eingehalten. Zwar trugen alle Masken, aber ich musste Rücken an Rücken mit anderen Patienten und engen Körperkontakt Platz nehmen. Einmal musste ich mit zwei weiteren Patienten in einen engen fensterlosen Raum, wo zwei Klinikmitarbeiter Untersuchungen durchführten. Wenn die Klinik die Coronabestmmungen eingehalten hätte, hätte sie diesen Patientenansturm auf mindestens drei Tage verteilen müssen. Hygienemassnahmen wurden in diesen sieben Stunden keine unternommen. Kein Raum wurde nach einer Untersuchung ausreichend gelüftet oder desinfiziert. Ich kann froh sein, dass ich ohne eine Ansteckung wieder raus gekommen bin. Eine Mitarbeiterin sagte mir, dass das hier eine Sauerei sei und nicht erlaubt. Wörtlich: "Aber bei uns gibt es ja kein Corona. Es werden hier schlichtweg einfach keine Regeln befolgt. Wenn wir Mitarbeiter darauf bestehen heißt es, das geht nicht. Es muss gespart werden." Eigentlich unglaublich.
Aber alles, was ich hier erzählt habe, ist leider wirklich wahr.

08.04.2021