13.12.2019 - 08:41 Uhr
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Todesfall Maria Baumer: Möglicher Durchbruch bewegt

Saal 77 im Justizpalast füllt sich zur Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft bis auf den letzten Platz. Die „Süddeutsche“ muss stehen. Der Bayerische Rundfunk ist mit sieben Mann vor Ort. Mehrere Medien senden live. Der Fall Baumer bewegt.

Clemens Prokop (Mitte), leitender Oberstaatsanwalt, spricht während der Pressekonferenz zu den aktuellen Entwicklungen im Todesfall Maria Baumer. Links Staatsanwalt Thomas Rauscher, rechts der Regensburger Kripochef Harald Wiesenberger.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Auch die Ermittler. Am Podium sitzen Dr. Clemens Prokop, Leiter der Staatsanwaltschaft Regensburg, Kripochef Harald Wiesenberger und Staatsanwalt Thomas Rauscher, der die Ermittlungen leitet. Eine halbe Stunde lang geben sie preis, was alles gegen den Beschuldigten Christian F. spricht. Rauscher redet sich warm, fast wie in einem Plädoyer, und schließt versehentlich mit den Worten: „Mein hohes Gericht“. Er korrigiert in „Sehr verehrte Vertreter der Presse“.

Die „sehr verehrten Vertreter“ haben verstanden: Dieses Mal soll der Beschuldigte Christian F. nicht noch einmal von der Angel fallen. Seit sechs Jahren steht der inzwischen 35-Jährige im Visier der Mordermittler. Jetzt kommt zu den vielen Indizien ein weiteres hinzu: „Lorazepam“, bekannt unter dem Handelsnamen „Tavor“. Schon einmal hat der Krankenpfleger des Bezirkskankenhauses seinen Zugang zu dem Medikament ausgenutzt. 2016 war er in anderer Sache verurteilt worden, weil er es 2014 einer Patientin in den Tee gemischt hatte.

Jetzt also wieder „Tavor“. Nachgewiesen an einem Haarbüschel und einem Kleidungsstück der toten Maria Baumer. 2013 war ihr skelettierter Leichnam im Kreuther Forst bei Bernhardswald gefunden worden. Es war Brandkalk aufgestreut, der den Körper zersetzte. Trotzdem sei es jetzt gelungen, mit einer neuen chemisch-toxikologischen Untersuchung Hinweise zu finden. Laut Rauscher wurde ein bewährtes privates Labor beauftragt, das die Möglichkeiten der Massenspektometrie (das Messen von Atomen und Molekülen) nutzt. Damit ließen sich Wirkstoffe in zehn bis 50 Mal kleinerer Konzentration auffinden als noch vor fünf Jahren.

Der Krankenpfleger (35) stehe unter dringendem Tatverdacht, Maria Baumer das Medikament verabreicht zu haben. In den Tagen vor der Tat googelte der Verlobte im Internet nach den Begriffen "Lorazepam", "letale Dosis" und "der perfekte Mord".

Natürlich sei auch geprüft worden, ob Maria Baumer das Medikament vielleicht aus freien Stücken und vom Arzt verschrieben einnahm. Fazit von Rauscher: "Darauf gibt es absolut keinerlei Hinweise." Den Ermittlern sei es damit gelungen, das Tatmittel zu entlarven. "Wir wissen nicht, ob es direkt durch eine Überdosis zum Tod kam oder ob die Geschädigte anderweitig getötet wurde", so Rauscher. Das werde sich möglicherweise nie aufklären lassen.

Der Staatsanwalt nannte noch weitere, schon länger bekannte Indizien, die gegen Christian F. sprächen. So habe der Tatverdächtige eine Facebook-Nachricht der Vermissten mit großer Wahrscheinlichkeit selbst geschrieben. Christian F. hatte auch immer behauptet, Maria Baumer habe ihn am Nachmittag ihres Verschwindens noch zwei Mal angerufen und um eine "Auszeit" gebeten. Diese Anrufe habe es laut Verbindungsauskunft des Providers nie gegeben. Am Fundort der Leiche war ein Spaten gefunden worden. Einen baugleichen Spaten hatte Christian F. drei Tage vor dem 25. Mai 2012 in einem Regensburger Baumarkt gekauft.

Die Familie wollte die neue Entwicklung am Donnerstag nicht kommentieren. Sie hat schon viele Tiefen erlebt. Auch 2016, als Christian F. am Landgericht Regensburg wegen sexuellen Missbrauchs von zwei Schülern des Domspatzen-Gymnasiums zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden war. Die Ermittlungsgruppe "Maria" hatte auf einer Festplatte kinderpornographische Fotos und Videos entdeckt, entstanden zwischen 2005 und 2011. Die Verurteilung betraf auch eine Körperverletzung: Der Krankenpfleger gestand, 2014 eine Patientin des Bezirkskrankenhauses mit „Tavor“ betäubt zu haben, angeblich um sie sexuell gefügig zu machen. Letzteres bestritt er.

Nach dem Verschwinden seiner Verlobten hatte sich Christian F. öffentlichkeitswirksam an der Vermisstensuche beteiligt, unter anderem mit einem Auftritt bei „Aktenzeichen XY ungelöst Spezial - mein Kind wird vermisst“ vom 28. November 2012. Er trat Seite an Seite mit der Familie auf, präsentierte den Verlobungsring, den Maria Baumer zurückgelassen habe. Das Paar lebte in Regensburg zusammen und wollte im September 2012 heiraten.

Verteidiger Michael Haizmann gab am Donnerstag Interviews am laufenden Band. Er sei gelassen und glaube nicht, dass die Indizien für eine Verurteilung reichen würden. „Vielleicht ist es sinnvoll, diesen Prozess nun zu führen, damit endlich eine Entscheidung herbeigeführt wird."

Christian F. beim Prozess 2016 mit seinem Verteidiger Michael Haizmann. Damals stand er wegen Missbrauch und Körperverletzung vor Gericht.
Das Grab von Maria Baumer in ihrem Heimatort.
Regensburg

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