Eine Straße ist wie eine Welt im Kleinen. Sie erzählt vom Leben und Sterben, vom Lieben und Hassen, von Ängsten und Sehnsüchten, von Kummer und Glück. Eine solche Straße erfindet Robert Seethaler in seinem neuen Roman und macht sie zum Ausgangspunkt vieler berührender Lebensgeschichten.
Wie schon zuvor in seinem Buch „Das Feld“ ist „Die Straße“ ein vielstimmiger Roman, der auf eine stringente Erzählung verzichtet zugunsten einer lockeren Aneinanderreihung von Schilderungen, Dialogen, Einwürfen und Kommentaren von Anwohnern, aus denen sich das bunte Gesamtpanorama dieser Straße ergibt.
Am Rande einer Stadt irgendwo in Deutschland
Seethaler unterlässt eine nähere Verortung seiner Straße. Wir erfahren nur, dass sie Heidestraße heißt und am Rande einer Stadt irgendwo in Deutschland liegt. Die Heidestraße ist austauschbar. Sie ist nicht schön, sondern ein architektonisches, durch Nachkriegs-Bausünden gezeichnetes Sammelsurium. Sie besteht vor allem aus Mehrfamilienhäusern, in denen Kleinbürger wohnen.
Sie hat „ein paar Läden von vorgestern, ein Gasthaus, eine Kneipe, ein Altersheim und eine verhunzte Statue“. Die Heidestraße ist schlecht an die Innenstadt angebunden, es gibt weder Tram noch Bus. Doch das hindert nicht, das Investoren längst ein begieriges Auge auf sie geworfen haben. Sie wollen aus dieser randständigen Straße ein schickes Wohnquartier machen.
Den Bewohnern droht der Rauswurf. Dieses unterschwellige Bedrohungsszenario ist der rote Faden der Erzählung.
Das nach wie vor aktuelle Thema Gentrifizierung
Auch die zeitliche Einordnung ist schwierig. Es gibt nur spärliche Hinweise darauf, dass die Geschichte vor einem halben Jahrhundert spielt, als der Musikfilm „Grease“ in aller Munde war, die letzten Kohlenhandlungen gerade erst geschlossen hatten und die Alten sich noch gut an den Bombenkrieg erinnern konnten.
Selbstverständlich zahlte man damals auch noch mit der Deutschen Mark. Das Dekor mit den Gaststätten und Einzelhandelsgeschäften ist dann auch etwas altmodisch geraten, trotzdem hat „Die Straße“ einen aktuellen Bezug, schließlich ist das Thema Gentrifizierung heute ein Dauerbrenner.
So viele einsame Seelen
Die menschlichen Konflikte in dieser Geschichte sind in jedem Fall zeitlos. Da sind die Alten, die ins Heim abgeschoben werden, dort mit Verdauungsproblemen zu kämpfen haben und auf den Tod warten - oder ein letztes Mal noch in einer spektakulären Flucht die Freiheit suchen.
Da ist der von der Mutter verhätschelte Halbstarke, der auf einem Volksfest zuschlägt. Der Gemeindepriester kann seinen heimlichen Süchten nicht widerstehen. Ein blauäugiger Antiquar muss erkennen, dass seine Geschäftspläne auf Sand gebaut sind.
Und schließlich gibt es die Liebessüchtigen, die sich in selbstzerstörerischer Manier unerfüllten Begierden hingeben wie die Blumenfrau, die einem belanglosen, nichts ahnenden Reifenhändler verzehrende Liebesbriefe schreibt und sich am Ende dabei selbst verliert. Einsame Seelen gibt es viele in dieser Geschichte.
Starke Bilder, zu viele Handlungen
Seethaler gelingen wieder viele starke, oft poetische, manchmal unterschwellig bedrohliche Bilder, so wenn er über die Bewohner des Altersheims schreibt: „Da liegen sie in ihren Betten und treiben dahin wie in kleinen Booten, jeder für sich ganz allein auf dem tiefen, schwarzen Meer aus Benzodiazepinen.“
Doch die Konstruktion des Romans mit seinen heterogenen Stilen ist sehr komplex. Knochentrockene Amtsbriefe stehen unvermittelt neben schwülstiger Liebesschmachterei, innere Monologe wechseln mit banalen Thekengesprächen. Es ist nicht immer gleich ersichtlich, wer da gerade mit wem spricht, wer da betet oder doziert.
Es gibt zu viele Handlungen mit zu vielen Protagonisten, von denen einige namenlos bleiben. Am Ende fügt sich das bunte Mosaik nur schwer zu einem stimmigen Ganzen.
© dpa-infocom, dpa:260501-930-19767/1













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