Schnell droht der Vorwurf der Meinungsmache

Viele Leser wünschen sich eine konsequente Trennung von Information und Kommentar. Deshalb sollte deutlich erkennbar sein, was Nachricht ist und was Meinung.

August 2019: Beamte sichern nach dem Mord an einem georgischen Staatsangehörigen in einem Falt-Pavillon Spuren am Tatort, dem kleinen Tiergarten in Berlin. Paul Zinken/dpa
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

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Weiden in der Oberpfalz

Dieser Tage erreichten uns kritische Worte zum Artikel "Grötsch gegen Russland: Anschlag war Auftragsmord", erschienen in der ersten Wochenend-Ausgabe des neuen Jahres. Darin hatte der Bundestagsabgeordnete und Generalsekretär der Bayern-SPD, Uli Grötsch, Position zum Umgang der Bundesregierung mit Russland in Bezug auf das Berliner Tiergarten-Attentat bezogen.

  • Das sagt der Leser

Dr. André Fischer aus Grafenwöhr zeigte sich "recht verwundert" über die Art der Berichterstattung auf der ersten Seite unserer Zeitung. In seiner Mail schrieb er: "Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das Kürzel ,doa' ein Schreib- oder Druckfehler für ,dpa' sein soll, oder ob ,doa' ein Redakteur des NT ist. Dass der Verfasser offensichtlich ein großer Fan des MdB Grötsch ist, wird schnell klar. Ungewöhnlich, dass sogar dessen Beruf eigens genannt wird. Der Verfasser hält ihn deshalb wohl für besonders kompetent in der Sache, was ich allerdings wenig überzeugend finde. Ich fände es allerdings interessant, wenn der NT bei zukünftigen Artikeln über Abgeordnete immer den Beruf dazu schreibt. Solche Sachinformationen kommen doch oftmals etwas kurz.

Aber der Artikel von ,doa' hat mich nicht nur verwundert, sondern auch irritiert. Der NT hat ja vor Kurzem sein Layout und seine Anordnung geändert (gefällt mir übrigens gut). Ich bin mir nicht sicher, ob im Zuge dessen nun auch Kommentare auf Seite 1 abgedruckt werden. Auf Seite 2 werden sie zumindest kenntlich gemacht. Ich ging bisher davon aus, auf Seite 1 kommen nur Berichte.

Der Artikel von doa beginnt mit dem Satz: ,Mit einer Klartext-Ansage beendet jetzt der Weidener SPD-Abgeordnete Uli Grötsch den wochenlangen Eiertanz der Bundesregierung um den Mord im Berliner Tiergarten.' Vielleicht habe ich etwas antiquierte Vorstellungen davon, was einen sachlichen Bericht ausmacht, aber ,Klartext-Ansage' und ,Eiertanz' oder auch ,schnörkellose Analyse' würde ich doch eher in einem Kommentar vermuten. Entweder wurde hier ein schlechter dpa-Artikel eingekauft oder aber der Kollege ,doa' sollte sich noch einmal vergegenwärtigen, welche Sprache einem Bericht zu eigen ist. Dass der NT solche Meinungsmache als Bericht auf Seite 1 wiedergibt, finde ich nicht schön. Aber mit dieser Vermischung ist der NT in der deutschen Medienlandschaft ja leider nicht allein heutzutage."

  • Das sagt die Redakteurin

Bei "doa", so erläuterte die Verfasserin des Artikels, Redakteurin Anna Dobler, zu Beginn ihrer Antwort, handelt es sich um keinen Tipp-Fehler, sondern um ihr Autoren-Kürzel (= Dobler Anna), das noch aus Zeiten stammt, als sie freie Mitarbeiterin beim NT war. "In den vielen Jahren dazwischen war ich in Österreich Redakteurin, weswegen ich überhaupt jetzt erst das erste Mal Kontakt mit dem Herrn Grötsch hatte. Vorher kannte ich ihn ehrlich gesagt gar nicht, weswegen ich nicht sagen würde, dass ich sein ,Fan' bin.

Ich bin allerdings ein ,Fan' von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit und wie viele unserer Leser entsetzt darüber, dass eine fremde Macht in Deutschland eine Person kaltblütig tötet und offenbar keine Konsequenzen fürchtet.

Ich denke, dass es Herrn Grötsch in dieser Frage ähnlich geht - besonders vor dem Hintergrund, dass er Polizist im Brotberuf ist -, wenn er jetzt aus dem Groko-Kurs ausschert und sein Gewissen über die Parteiräson stellt. Das ist zweifellos sehr mutig. Was Sie hier als ,Kommentar' klassifizieren, ist daher als ,Einordnung' zu verstehen (wie es übrigens auch die Agenturen machen), um auch Lesern, die sich bislang weniger mit der Thematik befasst hatten, die Tragweite der Äußerungen des Groko-Sicherheitsexperten zu verdeutlichen."

  • Das sagt der Leseranwalt

Der Leser sollte immer erkennen können, was Nachricht ist und was Meinungsäußerung. Am besten ist eine saubere Trennung, insbesondere bei politischen Beiträgen. Mit anderen Worten: Meinung wird gekennzeichnet und von der Nachricht auch optisch abgesetzt.

Kollegin Anna Dobler erklärt, sie habe in ihrem Bericht nicht kommentiert, sondern lediglich eine "Einordnung" vorgenommen, was Agenturen übrigens auch häufig so täten. Texte, in denen Korrespondenten aktuelle Situationen analysieren, erreichen die Zentralredaktion täglich. Es sind oft Meinungsbeiträge, die aber wie Berichte daherkommen. Ich persönlich fände es gut, wenn man den Leser darauf aufmerksam machen würde, dass hier Sichtweisen und Beurteilungen des Verfassers eingeflossen sind.

Die "Klartext-Ansage", von der meine Kollegin geschrieben hat, geht, so meine ich, als Einordnung durch. "Eiertanz" und "schnörkellose Analyse" sind aber überflüssige Wertungen. Somit erhält der ansonsten sachliche Bericht eine Tendenz. Ob die Bundesregierung einen Eiertanz hingelegt hat oder Uli Grötsch eine schnörkellose Analyse abgeliefert hat - diese Beurteilung kann man den Lesern überlassen.

Hintergrund:

Ombudsmann fordert Transparenz ein

Anton Sahlender ist Vorsitzender der Vereinigung der Medien-Ombudsleute (VDMO), der unser Verlag angehört. Er vertritt die Auffassung, dass Journalisten immer deutlich machen sollten, wenn in einen Text Sichtweisen und Beurteilungen des Verfassers eingeflossen sind.

In einer seiner Kolumnen betont er, er halte es nicht nur für besser, "sondern auch für korrekt, wenn in der Überschrift Klarheit hergestellt wird. Etwa so: ,Unser Berliner Korrespondent analysiert, was die SPD will.' Damit wäre der häufig gemachte Vorwurf entkräftet, der da lautet, Nachricht und Meinung seien nicht getrennt oder Lesern solle Meinung als Nachricht untergejubelt werden. Transparenz kann, da es den Medien um Glaubwürdigkeit geht, derzeit nicht groß genug geschrieben werden."

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