14.01.2021 - 17:24 Uhr
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Malerpoet Jürgen Huber lässt den Künstler wieder "aus der Haft"

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Sechs Jahre lang, so hat Jürgen Huber als Dritter Bürgermeister 2014 in Regensburg gescherzt, werde er den Maler in sich „ins Atelier einsperren“. Die "Haft" ist zwischenzeitlich vorbei, der Künstler wieder frei. Und geht gleich neue Wege.

Der Künstler und Lyriker Jürgen Huber
von Thomas Dobler, M.A. Kontakt Profil

Nach dem Ende seiner Zeit als Berufspolitiker ist Jürgen Huber (66) von Regensburg weggezogen. Für sich und seine Bilder hat er in der kleinen Stadt Schönsee (Landkreis Schwandorf) ein geräumiges Haus im Zentrum gefunden. Huber hat mit dem Umzug sein politisches Denken nicht an der Garderobe abgegeben, wie ein Gespräch mit Oberpfalz-Medien zeigt. Aber noch wichtiger sind ihm nun wieder seine künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten geworden.

ONETZ: Im Gisela-Verlag ist kürzlich ein Buch erschienen, das Gedichte und Zeichnungen von Ihnen und dem 2004 verstorbenen Musiker und Maler Kevin Coyne vereint. Wie kam es dazu?

Jürgen Huber: Stefan Voit aus Weiden kam im vergangenen Jahr zu mir, da habe ich schon in Schönsee gewohnt, und ich habe ihm gesagt, ich möchte gerne einen Gedichtband machen – ich habe so gut hundert Gedichte geschrieben im Lauf der letzten Jahre. Ich habe ihm also ein paar Sachen gezeigt und er meinte wie aus der Pistole geschossen: Dass passt doch zusammen mit Kevin Coyne.

ONETZ: Aus diesem Treffen entstand schließlich der Band "Die Gedichte stehen zwischen den Zeilen". Im Vorwort arbeitet Voit Ähnlichkeiten zwischen Huber und Coyne heraus, die sich nie getroffen haben – zum Beispiel, dass beide aus der Arbeiterschicht stammen.

Jürgen Huber: Ich bin in Altenstadt an der Waldnaab als Arbeiterkind im Vorhof der Glasfabrik aufgewachsen, etwas ähnliches gilt für Kevin Coyne. Ich habe in der Auseinandersetzung ihm eine Wesensähnlichkeit bemerkt – ich fühle mich mit ihm sehr verwandt, ich verstehe jedes Wort. Ich war bei einer Ausstellung in Coburg mit Coynes Werken und ich habe Bauklötze gestaunt. Und ihn für mich entdeckt als bildenden Künstler, ich war total begeistert und habe gleich ein Bild gekauft mit dem Titel „Is god a chicken“; also ein sehr provokanter Spruch, aber freundlich und nicht böse, einfach frech, wie Kinder frech sind. Die Zeichnung dazu ist total liebevoll.

ONETZ: Sie waren sechs Jahre berufsmäßiger Bürgermeister in Regensburg und wenden sich jetzt wieder mehr der Kunst zu. Was ist von diesen letzten Jahren geblieben?

Jürgen Huber: Anfangs hat es ja geheißen, ein Künstler zieht ins Rathaus. Als Bürgermeister habe ich aber gesehen: Von meiner Künstler-Denke, von meinen künstlerischen Strategien, die ich mir erarbeitet habe, habe ich im Rathaus nichts brauchen können. Ich habe aber mein Organisationstalent brauchen können, ich habe meine Zugewandtheit zu Menschen brauchen können, ich habe alles das, was ich zehn Jahre im „Kartenhaus-Verlag“ gelernt habe, brauchen können.

Jürgen Huber tauscht Regensburg gegen Schönsee ein

ONETZ: Welche Rolle haben dann Künstler?

Jürgen Huber: Die Künstler sollte man als Beiträger für den gesellschaftlichen Diskurs nutzen. Ich glaube, dass Künstler einen Beitrag leisten können im öffentlichen Gespräch. Wir könnten im Vorfeld, bevor diese Meinungsbildungen da sind, bevor die PR-Berater den Politkern sagen, was sie sagen sollen, zum Beispiel hergehen und ein Gedicht lesen. Ich glaube an die Kunst, Konzert, Theater – nicht nur als Inhalt, sondern auch als Form. Auch das, dass sich jemand schminkt und verkleidet, ist was, wo ich sagen kann, der macht mir jetzt mal den August, ich kanns mir anschauen und hinterher mit meinen Nachbarn, die mit mir ins Theater gegangen sind, reden. Das muss man wieder nach vorne bringen und das ist, was ich meine, das Künstler beitragen können.

ONETZ: Sie haben jetzt Ihre Gedichte veröffentlicht. Warum haben Sie sich überhaupt mit Lyrik befasst?

Jürgen Huber: Dieses Eindampfen der Sprache und das Kondensieren bei Gedichten und dass jedes Wort sprechend wird, das ist wunderbar. Man erobert sich nochmals die Sprache richtig, wenn man Gedichte schreibt. Und das gilt nicht nur für die Veröffentlichung. Mein Vater ist ein einfacher Arbeiter, der hat früher auf Wirtshaus-Rechnungsblöcken immer wieder mal ein Gedicht geschrieben, lustige, gereimte Faschingsgedichte, und hat sie an den Neuen Tag geschickt, und drei oder vier sind veröffentlicht worden.

ONETZ: Jenseits der Tagespolitik: Was liegt Ihnen am Herzen?

Jürgen Huber: Mein Thema ist, wir müssen vertrauensvoll miteinander umgehen, jeder mit jedem. Wenn wir das nicht schaffen, wenn wir bloß im Wettkampf miteinander sind, wenn wir bloß sagen, wer ist Erster, und nicht mehr Interesse aneinander haben, wenn wir nicht mehr die Räume zur Verfügung stellen, wo das öffentliche Gespräch auch mit Fremden geht – wenn wir das nicht mehr schaffen, dann wird das Anthropozän davon geprägt sein, dass wir technische Lösungen für Probleme suchen und ansonsten zu Hause sitzen. Angekabelt an irgendwas, und das soll dann Kommunikation sein.

ONETZ: Politisch versuchen Sie, undogmatisch zu sein. Wo sehen Sie positive Ansätze dazu?

Jürgen Huber: Ich freue mich, dass es Grünen-Vorsitzender Robert Habeck gewagt hat, den alten Links-Rechts-Widerspruch bei den Grünen einfach zu den Akten zu legen. Dieser Anachronismus bringt uns heute nicht mehr weiter. Ein Fabrikarbeiter bei BMW verdient soviel Geld, dass er nicht mehr der Prolet ist, wie ihn Friedrich Engels beschrieben hat. Das gibt es so nicht mehr. Nur noch global gesehen, da die globale Arbeitsteilung noch proletarische Lebensumstände produziert – aber in der westlichen Welt, wo die Diskussionen laufen, wo die Intellektuellen sitzen und die Zukunft versuchen aufzubauen und Alternativen zu entwickeln, ist der Klassengegensatz einfach überholt. Das ist auch der Grund, warum bei uns die Linke als Partei so große Probleme hat, überhaupt ihre Klientel zu erreichen. Man muss über Kultur reden und über Lebensentwürfe: Was ist gut, was schlecht, wie kann man gut leben, was ist schön, was kann ich brauchen für ein gutes Leben, ohne anderen zu schaden?

ONETZ: Sprechen wir noch einmal über Ihre Gedichte in dem neuen Buch.

Jürgen Huber: Ein guter Freund von mir, ein Pädagogik-Professor, hat mir als Feedback gesagt, er versteht die Gedichte nicht. Dabei habe ich eine Gebrauchsanweisung im Buch: „Gedichte, die ich verstand“. Dort steht alles drin, wie man die Gedichte lesen kann. Da ist ein ganz anderer Modus drin als dieser Klassenkampf. Die wesentliche Zeile ist: „Der Esel trägt als ‚V‘ die Ohren, und für ihn sei, sagt man, so er stehen bleibt, noch nichts verloren.“ Das ist eine ganz andere Auffassung als der Kampf. Das „V“ ist schon als Victory gemeint, nicht als Peace. Am Ende des Gedichts steht: Manchmal muss man Dinge auch einfach stehen lassen, damit sie weiterwirken können. Aber ich will meine Gedichte nicht den Lesern wegnehmen, indem ich sie interpretiere. Das habe ich bei den Bildern auch nicht gemacht. Ich hätte Sorge, dass das, was aus dem Autorenmund kommt, dann die Gebrauchsabweisung ist. Denn das Kunstwerk entsteht im Auge des Betrachters.

Der neue Lyrikband "Die Gedichte stehen zwischen Zeilen"
Hintergrund:

Zwei Künstler: Jürgen Huber/Kevin Coyne

  • Jürgen Huber: Geboren 1954, aufgewachsen in Altenstadt an der Waldnaab, Schule in Weiden
  • Ab 1979 Druckerei „Kartenhaus-Kollektiv“
  • 1986 halbjähriger Aufenthalt in London, Entschluss, „nur Künstler“ sein zu wollen.
  • Ab 2008 zwölf Jahre als Kommunalpolitiker in Regensburg, davon sechs als Berufspolitiker (Umwelt-Bürgermeister)
  • 2015 erscheint sein Roman „Hiobertus“, seit 2020 lebt und malt er in Schönsee
  • Kevin Coyne: Geboren 1944 in Derby in England, gestorben 2004 in Nürnberg, wo er 20 Jahre gelebt hat.
  • Coyne war ein britischer Musiker, Maler und Dichter. Seine Konzerte führten ihn durch ganz Europa und in die USA, auch seine Bilder waren auf Ausstellungen im In- und Ausland zu sehen.
  • Die im neuen Buch gedruckten Texte und Zeichnungen stammen aus dem Nachlass und wurden erstmalig veröffentlicht.
  • Seit 2012 ist Stefan Voit (Weiden) Kurator und künstlerischer Nachlassverwalter von Kevin Coyne.
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