26.03.2020 - 21:11 Uhr
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Coronakrise: Auch Bauern sind systemrelevant

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Die gute Nachricht zuerst: Noch funktioniert die Oberpfälzer Landwirtschaft. Nicht zuletzt, weil die bäuerlichen Familienbetriebe seit jeher nachhaltig wirtschaften. Dennoch bleiben Risiken. Landwirt Hubert Meiler fordert ein langfristiges Umdenken.

Wenn die Ernte von Helfern aus (Süd-) Osteuropa abhängig ist: Spargelhof Scharl in Schwandorf-Dachelhofen.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Die Telefonkonferenz dauert rund 45 Minuten. Die 24 Vorsitzenden der Erzeugergemeinschaften und der Einkaufsleiter der Naabtaler Milchwerke in Schwarzenfeld tauschen am Donnerstagmittag die neuesten Infos aus. "Unsere Molkerei arbeitet mit Lidl zusammen", erklärt der Störnsteiner Milchbauer Hubert Meiler vom örtlichen Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM). "Die brauchen derzeit sogar größere Mengen wegen der Hamsterkäufe."

Gehen die Joghurtbecher aus?

Mittlerweile flache die Kurve wieder etwas ab. Konkrete Auswirkungen auf seine Einnahmen hat die Vorratshaltung der verunsicherten Bürger nicht: "Die Verträge werden immer für ein halbes Jahr abgeschlossen, der Preis liegt gerade bei 33,50 Cent." Im Gegensatz zu Molkereien, die für den Export oder Großküchen produzieren, könnten die Naabtaler sogar Milch anderer Molkereien abnehmen: "Zum Beispiel von Goldsteig, die Mozzarella für Italien produzieren."

Zentrales Thema der Konferenz: "Für uns ist es wichtig, die Lieferkette aufrechtzuerhalten", sagt Meiler. Die Fahrer seien meist Einzelunternehmer im Auftrag der Molkerei. "Momentan sind nur zwei nicht im Einsatz, das ist überbrückbar." Das größte Problem sei die Logistik: "Jeden Tag bekommen die Naabtaler Milchwerke 2,5 Millionen Liter Milch, die am nächsten Tag verarbeitet abtransportiert werden müssen." Die Angst der Milcherzeuger: "Verpackungen wie Joghurtbecher sind für drei Tage vorrätig" Ausfälle wären schwer zu verkraften: "Alle Maschinen sind genau auf diese Becher eingestellt."

Die Milcherzeuger fürchten, dass die Joghurtbecher ausgehen könnten. Dieser Igel führt einen spazieren.

Bisher keine Infektionen

Auch der Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbandes in Schwandorfkann bislang Entwarnung geben: "Ich habe Gott sei Dank noch keine Rückmeldung, dass ein Landwirt infiziert wäre", sagt Josef Wittmann. "Es geht unseren Familienbetrieben nicht anders wie den meisten Leuten in diesen Tagen", erklärt er, "die Frau muss sich zusätzlich um die Kinder kümmern - Betrieb, Haushalt und Stall müssen laufen." Und sofern vorhanden würden auch die Altenteiler mithelfen: "Da man immer miteinander lebt, kann man die Alten jetzt schlecht isolieren."

Bei der jüngsten Telefonkonferenz habe man sich Gedanken gemacht, "was wäre wenn"? "Sollten Betroffene inklusive Familie unter Quarantäne gestellt werden, muss die Arbeit trotzdem weiterlaufen, aber man muss höllisch aufpassen, nicht mit dem Milchfahrer, dem Besamungstechniker oder Tierarzt in Kontakt zu kommen." Anweisungen auf Zettel schreiben, bei Besorgungen Hilfe von außen in Anspruch nehmen, lauten die Empfehlungen. "Wenn eine Arbeitskraft ausfällt, müsste ein Betriebshelfer einspringen." Bislang gebe es keinen Engpass bei ehrenamtlichen Dorf- und Betriebshelfern eines gemeinsamen Tochterunternehmens mit der Caritas oder bei hauptamtlichen Helfern des Maschinenrings.

Aktion gegen Düngeverordnung

"Solange der grenzüberschreitende Warenverkehr nicht betroffen ist, haben die Grenzschließungen keinen Einfluss auf die Landwirtschaft", sagt Ulrich Härtl, BBV-Geschäftsstellenleiter für Weiden und Tirschenreuth. Der Getreidehandel funktioniere, im Absatz stelle man lediglich bei Bier und Rindfleisch leichte Rückgänge fest - offenbar eine Folge der weitgehend geschlossenen Gastronomie. "Für die Bevölkerung ist wichtig, dass die Land- und Ernährungswirtschaft die Nahrungsmittelsicherheit gewährleistet", ergänzt Reinhold Witt, der Leiter des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Weiden.

Für den Bauernverband ist die Coronakrise Anlass, wie Härtl formuliert, die aus seiner Sicht ständig verschärften Regulierungen zu hinterfragen, die gerade kleine Familienbetriebe an den Rand der Existenz führten: "Wir fordern, dass der Entwurf der Düngeverordnung nicht einfach durchgepeitscht wird." Man wolle sich mit einer Mail-Aktion an die Abgeordneten richten. "Die augenblickliche Situation kann für Landwirte auch eine Chance sein", sagt Landwirtschaftsdirektor Witt. "Möglicherweise steigt die Wertschätzung wieder." Die Landwirtschaft müsse wieder als Schlüsselbranche wahrgenommen werden.

Hubert Meiler: "Wir brauchen reelle Preise"

Genau das hofft auch Milchbauer Hubert Meiler. "Mit dem jetzigen System ist doch keiner zufrieden", sagt der Störnsteiner. "Wenn wir jetzt nicht gegensteuern, halbieren sich die Familienbetriebe in den nächsten zehn Jahren noch einmal - das war's dann mit bäuerlicher Landwirtschaft." Deshalb hofft Meiler, dass der Schock diesmal tiefer sitzt: "Man sieht jetzt bei den Masken und Medikamenten, was es bedeutet, von Einfuhren abhängig zu sein." Bei Lebensmitteln sei das nicht minder problematisch: "Die Politik müsste uns jetzt auch als systemrelevant einstufen und dafür sorgen, dass wir reelle Preise für unsere Produkte bekommen."

Von den Konsumenten erhofft er sich mehr Nachdenklichkeit: "Nach jedem Lebensmittelskandal kamen die Leute zu uns in den Hofladen, kaum war's vergessen, mussten die Lebensmittel wieder billig sein." Noch ist er optimistisch, dass Menschen lern fähig sein können. Seine Befürchtung: "Wenn jetzt auch noch die große Wirtschaftskrise kommt, haben die Leute erst recht kein Geld für gesundes Essen."

Vor allem Obst- und Spargelbauern betroffen:

Engpass bei Saisonhelfern

Wegen der Einreisebeschränkung von Saisonarbeitskräften in der Landwirtschaft, hat das Bundeslandwirtschaftsministerium ein eigenes Portal auf die Beine gestellt: Die Suche auf www.daslandhilft.de wirft bei Amberg, Oberviechtach, Schwandorf, Tirschenreuth, Weiden und Umgebung nur einen Landwirt aus, der Helfer sucht – umgekehrt bieten eine Handvoll potenzieller Helfer ihre Dienste an. „Vor allem Obst- und Spargelbauern brauchen Helfer“, sagt der Schwandorfer BBV-Geschäftsführer Josef Wittmann. Im Landkreis Schwandorf ist der Scharl-Hof in Dachlhofen der größte Spargelbauer. „Wir haben einige Saisonbetriebe wie den Brunner mit Spargel oder den Schedl mit Erdbeeren“, ergänzt Ulrich Härtl, BBV-Geschäftsstellenleiter für Weiden und Tirschenreuth. „Zum Teil ist man noch im Gespräch, ob es Pendlerbescheinigungen geben könnte.“ Zumindest am Spargelhof Brunner in Weiden ist die Ernte gesichert: „Es haben sich schon zehn Deutsche gemeldet, die auf dem Feld aushelfen wollen“ (wir berichteten).

Deutsche Erntehelfer für Spargel

Weiden in der Oberpfalz

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