28.04.2019 - 17:41 Uhr
SchwandorfDeutschland & Welt

Landwirtschaft 4.0: Horsch ackert an der Roboter-Revolution

Revolution aus der Oberpfalz: Der Landmaschinenhersteller Horsch tüftelt in Schwandorf an Robotern für den Acker, die ersten Prototypen fahren bereits. Der durchschnittliche Oberpfälzer Bauer kämpft dagegen noch mit der Digitalisierung.

von Julian Trager Kontakt Profil

Vor rund 40 Jahren war der kleine Ort zwischen Schwandorf und Haselbach nur ein Bauernhof. Noch heute erinnern ein paar alte Häuser an die frühere Zeit. Daneben stehen mächtige Hallen, moderne Bürogebäude. Eines davon wird derzeit erweitert, die Entwickler brauchen mehr Platz. Eine neue Halle, Spitzname Waldfabrik, ist in Arbeit. Der kleine Ort, Sitzenhof, ist gewachsen, zur Zentrale des Landmaschinenherstellers Horsch - wo an der nächsten Revolution der Landwirtschaft gearbeitet wird.

"Wir wollen in den fahrerlosen Fahrzeugbereich", sagt Geschäftsführer Michael Horsch. "Damit befassen wir uns ganz stark." Wie im Stall, wo die Melkroboter bereits gute Arbeit leisten, soll die Digitalisierung auch auf dem Acker einschlagen. "Die Roboter kommen", prophezeit Horsch. "Die haben wir schon gebaut, damit spielen wir schon." Im hauseigenen tschechischen Versuchsbetrieb fahren die Prototypen bereits übers Feld. Die Roboter bedienen sich dabei den "virtuellen Bahngleisen", wie der Schwandorfer sagt. Diese digitalen Routen lassen bereits heute die halbautonomen Schlepper per GPS auf zwei Zentimeter genau fahren.

"Technisch schon möglich"

"Bei Transport, Pflanzenschutz, Düngung und Säen ist der fahrerlose Betrieb heute schon möglich. Technisch können wir das schon", sagt Michael Horsch, der Anfang der 1980er begann, auf dem Betrieb in Sitzenhof an Maschinen zu tüfteln und so die Firma gründete. Heute hat das Unternehmen, das Bodenbearbeitungsmaschinen herstellt, weltweit 1800 Mitarbeiter. Der Umsatz lag 2017 bei 356 Millionen Euro, Zahlen für das vergangene Jahr möchte die Firma nicht nennen. Horsch sagt aber: "Wir hatten wieder ein Wachstumsjahr."

Angesprochen aufs Thema Digitalisierung reagiert Horsch allerdings gereizt. Der Schwandorfer winkt ab. "Ich kann es nimmer hören." Hinter dem Wort verbärgen sich so viele Versprechungen, Erwartungen der Politik und Landmaschinenindustrie - die bisher selten eingehalten wurden. Die Digitalisierung sei nicht das Allheilmittel der Landwirtschaft, vor allem auf dem Acker nicht. "Was wir da bisher geliefert haben, ist eher dürftig", sagt Horsch, der auch sein eigenes Unternehmen kritisiert. Das Ende der Bemühungen? Mitnichten. "Wir müssen unsere Anstrengungen, pragmatische Hilfsmittel im digitalen Bereich zu erzeugen, verstärken." Damit auch der durchschnittliche Bauer davon profitiert.

Landwirt, Verbraucher und Umwelt profitieren

Regensburg

Den nach Horsch größten Nutzen bringt die Digitalisierung bei der "absoluten Rückverfolgbarkeit". Davon profitierten am Ende Bauern und Verbraucher. Aktuell tue das niemand: Einerseits müssten sich die Landwirte an bestimmte Regeln halten, andererseits kaufe der Verbraucher die billigste Ware - die im Ausland nach anderen Regeln, oft mit Chemikalien, produziert worden sei. "Die absolute Rückverfolgbarkeit ist auch die absolute Ehrlichkeit", meint Horsch. Dann wisse der Verbraucher, wie die Ware produziert wurde, was drin steckt.

Draußen, auf dem Acker, bringt die Digitalisierung allerdings nur etwas, wenn gutes Netz vorhanden ist. Denkt Horsch dabei an Deutschland, schüttelt er den Kopf: "Letztens war ich in China, in der Wüste Gobi. Da konnte ich besser telefonieren als hier in Sitzenhof."

"Erleichtert Arbeit, ist aber teuer"

Der Betrieb von Familie Rösel in Pilgramshof, gehört zu Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg, hat seit kurzem einen Glasfaseranschluss. Leonhard Rösel freut's: "Internet ist so unabdingbar für Landwirte wie Wasser und Strom." Der 29-Jährige kann stundenlang über seine Arbeit und die Landwirtschaft reden, meistens ohne Punkt und Komma.

Rösel ist Agrar-Scout, einer von acht aus der Oberpfalz. Das sind junge Bauern, die für das "Forum Moderne Landwirtschaft" für Verständnis und Akzeptanz der Landwirtschaft werben. "Die Digitalisierung erleichtert die Arbeit ungemein", sagt Rösel. Mit einer Online-Ackerschlagdatei könne er viel präziser arbeiten. Und umweltschonender. "Jetzt weiß ich genau, wie viel Dünger ich brauche." Das ist ihm besonders wichtig. Auf dem Laptop zeigt er Bilder von Blühstreifen, die seit Jahren an seinen Feldern wachsen. Rösels Motto: Die Natur mitkommen lassen, mit digitaler Hilfe.

Sitzt Rösel in seinem Fendt-Traktor, ist er glücklich. "Das ist der Lieblingsplatz eines Landwirts", sagt der Neukirchener, auch wenn man als Bauer inzwischen viel öfter im Büro, vorm Laptop hockt. Auf den teilautonom fahrenden Hightech-Traktor ist er stolz. "Der erste Schlepper, der bei uns in der Gegend in dieser Variante gekauft worden ist."

Das Thema Digitalisierung ist in der Region noch im Entwicklungsstadium, meint Rösel. Aber: "Wenn die Jungen die Betriebe übernehmen, kommt das ins Rollen." Also nur eine Frage der Zeit. Wie viele Oberpfälzer Landwirte digitale Techniken tatsächlich nutzen, ist nicht bekannt. Der Bayerischen Bauernverband kann dazu keine Zahlen liefern.

Standpunkt des BBV Oberpfalz:

Der Bayerische Bauernverband (BBV) steht der Digitalisierung der Landwirtschaft „sehr positiv“ gegenüber, erklärt Josef Wutz, Oberpfälzer BBV-Bezirkspräsident am Rande einer Veranstaltung im Agrarzentrum Almesbach. „Die Digitalisierung bringt auch bei unseren kleineren Strukturen in der Oberpfalz etwas.“ Seitdem das RTK-Signal kostenlos zur Verfügung steht, werden deutlich mehr digitale Maschinen gekauft als zuvor. Zudem bringe die Digitalisierung in punkto Umweltschutz viele Vorteile. Für Betriebe sei sie interessant, weil sie einen „gewissen Arbeitseffekt und Kostenersparnis“ liefere. Aber: „Die Technik hat einen hohen Preis.“ Zudem habe der BBV Sorgen wegen der Datensicherheit: Wem gehören die Daten, wo sind sie gespeichert, wer hat Zugriff? „Viele offene Fragen“, sagt Wutz.

Rösel möchte sich demnächst eine Drohne anschaffen - wenn es die "Finanzministerin" des Betriebs erlaubt: seine Mutter. Die Umstellung auf einen digitalen Hof ist teuer. Für viele zu teuer. Vieles sei grenzwertig, auch im Betrieb seiner Familie: "Die Technik ist eigentlich zu teuer für die Fläche, die wir bewirtschaften." Kleine Betriebe müssten sich zusammentun, große Geräte gemeinsam kaufen. Rösel baut trotzdem auf digitale Lösungen. "Das ist halt Stand der Technik, das will ich nutzen."

Bauer bleibt auf dem Feld

Einen Schritt weiter ist man in Sitzenhof. Bis die fahrerlosen Maschinen auf den Markt kommen, kann es aber noch ein paar Jahre dauern, sagt Michael Horsch. Das liege unter anderem am Gesetzgeber. "Der erlaubt es noch nicht."

Die Roboter-Revolution wird die Arbeit der Bauern erleichtern, aber auch verändern, sagt Horsch. "Wir geben den Arbeitern andere Aufgaben, eher hochwertigere." Aber, das betont der Unternehmer mehrmals, die Roboter werden niemals alle Arbeitskräfte ersetzen. Denn: "Die Natur kannst du nur beherrschen, wenn du dich direkt mit ihr auseinandersetzt." Der Landwirt werde auch in Zukunft mit dem Spaten aufs Feld raus müssen, per Hand Pflanzen prüfen, in den Dreck fassen. Selbst dann, wenn eines Tages vor ihm ein Roboter über den Acker rollt.

Horsch kritisiert Bundesregierung:

Michael Horsch Geschäftsführer des Schwandorfer Landmaschinenherstellers Horsch, kritisiert die Netzpolitik der Bundesregierung und den Umgang mit dem Thema Digitalisierung in der Landwirtschaft. Wenn der Staat entscheidet, 5G nur auf städtische Ballungszentren zu beschränken, werde das ein Wettbewerbsnachteil für deutsche Bauern sein, sagt Horsch. In Russland und China, wo seine Firma jeweils einen Standort hat, gebe es auf jeden Quadratmeter 5G. Teile der Bundesregierung halten das für Deutschland übertrieben. „5G ist nicht an jeder Milchkanne notwendig“, sagte etwa Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU). Horsch fordert: „5G sollte in jeden Winkel.“ Sonst bringe die ganze Digitalisierung nichts – die bisher ohnehin eher wenig gebracht hätte.

Die Erwartungen der Industrie und Politik an die Landwirtschaft 4.0 seien viel zu hoch. „Die Landmaschinenindustrie, auch mein eigenes Unternehmen, geben durchaus des Gefühl, dass das Heil der Landwirtschaft in der vollkommenen Digitalisierung liegt. Bis dahin, dass der Landwirt komplett durch einen Roboter ersetzt wird.“ Selbst Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hat das getan, sagt Horsch. Die Digitalisierung sei aber nicht die einzige Lösung. „Es ist die Kombination aus guter fachlicher Praxis, Umgang und Verständnis zu Natur sowie digitaler Lösungen.“

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Stefan Kreuzeck

Was nützen die besten digitalen Entwicklungen wenn man sich in Deutschland im digitalen Entwicklungsland befindet und die Politik scheinbar mehr auf die Telekommunikationskonzerne hört, als das was wichtig für die Zukunft dieses Landes wäre, zumal uns alle anderen Länder hier davonziehen.
Aber bei uns kommen die Aluhutträger bei 5G heraus.

Schon heute ist Mobilfunk und Internet in Deutschland so schlecht und so teuer wir nirgends in Europa. Also die schlechteste Leistung zum höchsten Preis. Wieso macht da keiner was dagegen? Wie gut funktioniert hier Lobbyismus?
Wie kann es sein dass im tiefsten Albanien die Abdeckung besser ist und dass man überall sonst günstigere Mobilfunkverträge mit höheren Geschwindigkeiten bekommt?
Ist das denn unserer Politik so gar nicht peinlich?
Es fehlt Wettbewerb und dann fehlen Vorgaben für eine flächendeckende Versorgung. National Roaming wurde doch auf Druck von Lobbyisten auch wieder abgeblasen, so dass wir weiter miese Abdeckungen haben.
Dazu lassen sich Bürgermeister für neue Abdeckungen feiern, die sie jetzt haben, die in anderen Ländern schon wieder längst überholt, da zu langsam sind.
Da lachen doch alle nur noch drüber.

29.04.2019