11.04.2021 - 16:57 Uhr
SchwandorfDeutschland & Welt

Pflegeeltern kämpfen gegen Rückführung eines Mädchens zur suchtkranken Mutter

Das Mädchen ist 18 Monate alt, als es zu Tanja und Harald Ederer kommt. Noch während die Mutter mit ihrer Suchtkrankheit ringt, leitet das Jugendamt eine Rückführung ein. Die Pflegeeltern können das im letzten Moment abwenden.

Die kleine Karin will unbedingt bei ihren Pflegeeltern Tanja und Harald Ederer bleiben.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Das Ehepaar aus Burglengenfeld ist mit den Nerven am Ende. Seit über vier Jahren ist die kleine Karin (Name geändert) auf ihre Pflegeeltern fixiert. Auf die wenigen Umgänge, zu denen die leibliche Mutter erscheint, reagiert das Mädchen verstört. Ein erstes Gutachten von 2017 spricht der jungen Mutter, die gegen eine Suchtkrankheit kämpft, die Erziehungsfähigkeit ab.

Auch ein neueres Gutachten belegt: Die Mutter ist nicht in der Lage, sich um ihre Tochter zu kümmern. Und dennoch: Hätten sich die Pflegeeltern nicht mit allen juristischen Mitteln gewehrt, die kleine Karin müsste heute bei ihrer Mutter leben. Am 24. Juli 2019 begannen für die Eders nervenzehrende Monate. Das Amtsgericht Schwandorf hatte sie einbestellt.

Geheimer Rückführungsplan

"Wir saßen völlig blauäugig da drin", erzählt Tanja Ederer. Nur einen Tag vor der Verhandlung hat eine Mitarbeiterin des Allgemeinen Sozialdienstes (ASD) einen Rückführungsplan vorgelegt, von dem die Ederers nichts wissen. Und das, obwohl der Pflegekinderdienst eine Rückführung bis zur Einschulung wiederholt ausgeschlossen hatte: "Die Mutter müsse über einen längeren Zeitraum zeigen, sich um das Kind kümmern zu können."

Im Gerichtssaal dann der Schock: Völlig unvermittelt nimmt der Richter eine Neubewertung vor: Bis zum Dezember sollen die Umgänge gesteigert werden, am 21. Januar 2020 sollte sich das Kind dann endgültig von den Pflegeeltern verabschieden. "Der Richter hat das Ergebnis vorweggenommen, ohne die Frage zu diskutieren, was eine Rückführung für Karin bedeutet", sagt Harald Ederer. Die Anwältin der Ederers habe in der Verhandlung nicht hinreichend widersprochen. Ihnen wird klar: "Wir brauchen einen Anwalt, der Experte auf diesem Gebiet ist."

Verein "Pfad für Kinder"

Befreundete Pflegeeltern empfehlen den Fürther Rechtsanwalt Andreas Woidich. Engelbert Mertel, Vorsitzender des Pflegeeltern-Vereins "Pfad für Kinder" in Sulzbach-Rosenberg, kennt die Ederers von sporadischen Treffen. "Woidich ist eine Koryphäe auf dem Gebiet und Beisitzer im Landesverband unseres Vereins", sagt Mertel und ergänzt: „Ein bestehendes Gutachten kann ich nicht von Amts wegen ins Gegenteil verkehren“, kritisiert er den Plan, das Mädchen ohne fachliche Prüfung zur kranken Mutter zurück zu bringen.

Kommentar: Reform des Pflegeelternrechts überfällig

Burglengenfeld

Mertel, selbst seit zwölf Jahren Pflegevater, versteht die Nöte der Familie: "Es gibt den schönen Satz, Kinder haben keinen Anspruch auf Eltern, die sie zu 150 Prozent gut erziehen, aber auf Pflegeeltern, die es zu 200 Prozent machen."

Auf der einen Seite suche das Jugendamt händeringend nach Menschen, die bereit sind, traumatisierte Kinder aufzunehmen. "Dann investieren diese viel Liebe, Geduld und Zeit - und zum Schluss zahlen sie die Rechnung für einen Rechtsstreit, um zu verhindern, dass es zur überforderten Mutter kommt."

Anwalt-Koryphäe interveniert

Anwalt Woidich wird sofort aktiv, beantragt Akteneinsicht, stellt Anträge: "Ohne neues Gutachten ist ein Rückführungsplan nicht zulässig." Am 17. September 2019 begleitet er die Pflegeeltern zur zweiten Verhandlung. "In einer 25-seitigen Beschreibung der Umgänge werden wir in ein schlechtes Licht gerückt", sagt Tanja Ederer.

"Unsere leibliche Tochter hätten wir als Babysitterin für Cousins eingespannt, die es gar nicht gibt." Eine Schilderung auf der Basis von Protokollen, die eine Betreuerin der Mutter angefertigt hatte: "Erstunken und erlogen", sagt sie empört.

Neues Gutachten

Der Richter beauftragt ein neues Gutachten, will im Beisein der Gutachterin mit dem Kind reden: „Bei der Befragung sagt Karin, dass sie unbedingt bei den Ederers bleiben will“, sagt Woidich. Der Richter lehnt den Antrag des Jugendamtes auf sofortige Rückführung ab. Der Rückführungsplan läuft aber weiter.

Bis Dezember 2019 werden die Umgänge schrittweise gesteigert. Zusammen mit einer Betreuerin der Sozialpädagogischen Familienhilfe (SPFH) holt die Mutter Karin vom Kindergarten ab: Eine Erzieherin äußert laut Gerichtsbeschluss gegenüber der Therapeutin, dass Karin „in höchstem Maße emotional belastet ist, wenn die Umgangskontakte bevorstehen“.

Bei wöchentlichen Psychotherapiestunden konstatiert die Therapeutin Karin einen zunehmend verstörten Eindruck. Jetzt findet auch der Richter, dass dem Kind der Kontakt zur Mutter schadet: „Am 20. Dezember 2019 bekamen wir einen Eilbeschluss zugestellt, dass aufgrund einer Meldung der Psychotherapeutin wegen Kindswohlgefährdung die Einstellung der Umgänge angeordnet wird.“

Im Beschluss beruft sich der Richter auf die Stellungnahme der Therapeutin. Diese schreibt, das Kind sei „hochgradig von der Angst geprägt, ihr Zuhause und ihre Familie zu verlieren“, wenn sie zu ihrer Mutter zurück müsse. So nässe Karin wieder ein, habe Schlafstörungen und Albträume, bleibe nachts im Erbrochenen liegen.

„Hohe seelische Belastungen“

„Auch im psychosomatischen Bereich wirken sich die hohen seelischen Belastungen des Kindes verstärkt aus. Auf fachärztliche Anweisung hin muss Karin deshalb ... täglich ein Asthma-Medikament einnehmen.“ Als problematisch bezeichnet sie, dass „das knapp 5-jährige Kind jetzt wieder begonnen hat, ständig wegzulaufen,“ heißt es weiter.

In der Verhandlung im Sommer 2020 entscheidet der Richter aufgrund des neuen Gutachtens: „Die Rückführung ist vom Tisch“, sagt Anwalt Woidich. „Dennoch wurde der Mutter die elterliche Sorge zugesprochen, weil sie sich angesichts des für sie negativen Prozessverlaufs mit dem Verbleib des Kindes in der Pflegefamilie einverstanden erklärte“, vermutet Wodich ein prozesstaktisches Zugeständnis.

Die Mutter darf die Tochter jeden ersten Samstag im Monat von 15 bis 18 Uhr mit Begleitung sehen: „Sie ist nicht einmal gekommen“, sagt Tanja Ederer. Schließlich ein Anruf vom Pflegekinderdienst: „Aufgrund persönlicher Gegebenheiten der Mutter finden bis auf weiteres keine Umgänge mehr statt.“

Teuerer Teilsieg

Die Ederers haben sich zum Wohl Karins durchgesetzt, doch der Erfolg war teuer: „Wir bleiben auf Prozesskosten von 13.250 Euro sitzen, weil wir uns dagegen wehrten, Karin einer überforderten Mutter zu übergeben.“ Und das ohne Sorgerecht und der Angst im Nacken, dass sich die Geschichte wiederholen kann. Im Familienrecht werden außergerichtliche Auslagen in der Regel auch dann nicht erstattet, wenn man ein Verfahren gewinnt.

Der Anwalt erreicht immerhin, dass die Sachverständigengebühren in etwa gleicher Höhe nicht an den Pflegeeltern hängen blieben. „Das ist eine unzumutbare Gesetzeslücke“, kritisiert Woidich. „Im Übrigen haben andere Jugendämter für so etwas einen Härtefall-Fonds.“

Landrat zeigt Verständnis

Schwandorfs Landrat Thomas Ebeling hat Verständnis für die Situation der Eltern: "Ich teile die Meinung, dass für die Pflegeeltern das Wohl von Karin an erster Stelle steht." Er gibt zu bedenken: "Die Beziehungen der Pflegeeltern zu den leiblichen Eltern sind nicht immer frei von Konflikten." Es sei Aufgabe des Jugendamtes, den Interessen beider Seiten gerecht zu werden: "Wobei auch hier das Wohl des Kindes im Vordergrund steht."

Könnte keine einvernehmliche Regelung zwischen Eltern und Pflegeeltern erzielt werden, sei es Aufgabe des Familiengerichts, verbindliche Entscheidungen zu treffen, wie hier geschehen. "Ich kann Ihnen versichern, dass die zuständigen Fachkräfte des Jugendamtes auch künftig auf ein vertrauensvolles Verhältnis mit den Pflegeeltern bedacht sind und ihr Handeln sich am Wohle des Kindes orientiert."

Wenn der geschützte Raum zum Alptraum wird

Info:

Reform des Pflegeelternrechts überfällig

  • Das Problem: Öffentliches und Zivilrecht stehen sich diametral entgegen. Im Familienrecht muss eine Rückführung immer möglich sein.
  • Reformbestrebungen gehen in die richtige Richtung: Wenn Kinderrechte ins Grundgesetz kommen, sollte es laut Rechtsanwalt Andreas Woidich aber explizit heißen, „das Wohl des Kindes ist vorrangig zu berücksichtigen“.
  • Es wie im Regierungsentwurf nur „angemessen zu berücksichtigen“, sei eine Farce. Das sieht die UN-Kinderrechtskonvention, die Deutschland ratifizierte, bereits vor.

 

 

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