15.01.2021 - 14:07 Uhr
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Der Radiergummi-Sammler

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Radiergummis sind Cent-Artikel. Für Thomas Thalhammer haben sie einen unschätzbaren Wert: Sie sind für ihn Poesie. Der Schwandorfer Kunstlehrer sammelt die Ratzifummels seiner Schüler.

Thomas Thalhammer, Kunstlehrer am Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium in Schwandorf, sammelt seit 20 Jahren die Radiergummis seiner Schüler.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

"Jeder scheitert im Leben irgendwann", sagt Thomas Thalhammer. Ist der Fehler mit Stift auf Papier festgehalten, macht es ein Radiergummi wieder wett. Mit der Zeit reibt er sich ab, dann sieht jeder anders aus. Thalhammer unterrichtet seit 1989 am Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium in Schwandorf Kunst. An der Schule sammelt er die geformten Radiergummis seiner Schüler.

Ein Strich zu lang oder zu krumm? Verrechnet oder verschrieben? Der Radiergummi lässt den Fehler verschwinden. Er reibt sich ab, seine Ecken werden runder, der Radiergummi wird immer kleiner. "Am Ende bleibt ein Wuzerl übrig." Für den Kunsterzieher und Künstler, der in Regensburg lebt, ist der Radiergummi ein Stück Poesie der einfachen Dinge. Schüler und Schülerinnen malen die Radiergummis an, stechen mit der Kappe eines Stifts Löcher hindurch, kritzeln Botschaften an den Schwarm drauf, nutzen ihn als Spickzettel. Und lassen die Radiergummis hin und wieder am Ende der Kunststunde im Zeichensaal achtlos liegen.

Die vergessenen Teile hat Thalhammer aufbewahrt. Abgeholt hat sie keiner. Vor 20 Jahren habe er damit angefangen, mit der Zeit etliche Schachteln und Kästchen mit Radiergummis aller Formen, Farben und Bearbeitungsarten gefüllt. "In den Schüler steckt unglaubliche Kreativität", weiß der Kunsterzieher, der in jedem Ratzefummel ein Kunstwerk sieht.

Der Deal des Kunstlehrers

Wie viele Radiergummis es inzwischen sind? "Ich habe sie nie gezählt." Ein paar Tausend werden es vermutlich sein. Nach einiger Zeit hat sich die Sammelleidenschaft unter den Schülern herumgesprochen. "Die Schüler meinten, ich will ins Guinness-Buch der Rekorde, aber das muss nicht sein." Kinder und Jugendliche haben absichtlich Radiergummis vergessen. Auch, weil Thalhammer einen lukrativen Deal angeboten hat: alt gegen neu. Wer seinen benutzten Ratzifummel abgab, hat ein ungebrauchtes Profi-Teil erhalten: Mit einem Knetradiergummi muss der Benutzer nicht übers Papier rubbeln, sondern drückt ihn nur auf den Fehler und hebt die Striche ab.

Irgendwann hat er die Stücke systematisch gesucht. Kürzlich hat er ein hübsches Exemplar am Tisch einer Schülerin gesehen. "Der gefällt mir." - "Mir gfällt er a", hat das Mädchen geantwortet. Nichts war's mit einem Tausch, erzählt Thalhammer lachend.

Im Video erläutert Thomas Thalhammer, wie er zur Poesie der einfachen Dinge kam

Sortiert nach Formen und Farben

Der Deal hat allerdings einen Haken: "Etz wenn ich denen Knetradiergummis gebe, kommen koane andern zurück zu mir." Daher hat der 62-jährige Lehrer angefangen, herkömmliche, rot-blaue Modelle an die Schüler auszugeben, damit interessante Formen für den Sammler übrig bleiben.

Der gebürtige Oberbayer legt die Radiergummis in Holzkästchen und ausgediente Pralinenschachteln, sortiert sie nach Farben und Größe. "Der Klassiker, das sind die Weißen und die Rot-Blauen. Jeder hat eine Spur der Verarbeitung." Dann hat er angefangen, sie aneinander zu legen und mit Ratzifummel-Reihen Objektkästen zu gestalten. In seinem ersten Kasten hat Thalhammer die Radiergummis der Größe nach an eine Leiste genagelt, sie laufen wie auf einen Fluchtpunkt zu. So heißt auch das Kunstwerk. Im zweiten sehen die Reihen wie ein Crescendo in der Musik aus, die Radiergummis steigen wie Töne auf und ab. Drei Objektkästen bewahrt der 62-Jährige in seinem Atelier in der Von-der-Tann-Straße in Regensburg auf, etliche weitere hängen bei ihm zu Hause, viele habe er verschenkt.

„Es ist eine Sucht“

Durch Kunst werden Sachverhalte sichtbar, die man sonst nicht sieht, findet der Lehrer. „Hinter jedem Radiergummi steckt ein junger Mensch“, sagt er und deutet auf einen Wuzibuzi aus erdigem Rot und kühlem Blau, die beiden Hälften trennt ein weißer Strich. „Oder der da, der ist ja symmetrisch.“

„Es ist schon eine Sucht. Ich kann nicht an einem vorbeigehen, ohne an meine Sammlung zu denken und ans nächste Objekt.“ Ein Radiergummi kostet 89 Cent. „Das ist nichts wert. Aber ein Radiergummi ist kein Pfenning-Artikel, das ist ein Freund“, findet Thalhammer und erklärt, wie er dazu kam, in dem Gebrauchsgegenstand Poesie zu sehen. Angefangen hat seine Leidenschaft mit Daniel Spoerri. Der bekannte Künstler wurde Dozent an der Akademie der Bildenden Künste in München wurde, als Thalhammer dort studierte. Spoerri hat mit Kollegen, die allesamt der Gruppe „Nouveaux Réalistes“ damit begonnen, auf Flohmärkten alte Dinge zu kaufen und sie in Kunstwerken zu verarbeiten.

Die Poesie in Gebrauchsartikeln

Bei einer Vorlesung von Spoerri ist der Funke auf den Studenten übergesprungen: „Wir haben gemerkt, dass einfache Dinge wie solche Radiergummis nicht nur eine Geschichte haben, sondern auch eine Poesie.“ Poesie sei vielschichtig: Der Betrachter könne die Objekte ästhetisch genießen, aber auch ihre Geschichte ergründen, erläutert der Regensburger. „Jeder Radiergummi wurden von Händen bewegt, abgenutzt, manchmal über lange Zeit, wenn man sich die ganz kleinen anschaut, die ja jahrelang in Gebrauch sind und letztlich sehr viel erlebt haben. Das alles steckt auch in diesem Gegenstand, auch wenn’s ein toter ist. Und das nenne ich in Angedenken an meine Studienzeit bei Daniel Spoerri: die Poesie des Radiergummis.“

Eine Sammlerin hat 3000 Nagellackfläschchen bei sich zu Hause

Schwandorf
Info:

Zur Person: Thomas Thalhammer

  • Herkunft: Thomas Thalhammer ist 1959 in Oberbayern geboren.
  • Studium: Nach dem Abitur absolvierte er eine Ausbildung als Steinmetz und studierte an der Akademie der Bildenden Künste in München. Unter anderem beschäftigte er sich mit der Radiertechnik.
  • Arbeit: Seit 1989 ist Thalhammer Kunstlehrer am Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium in Schwandorf. Er lebt in Regensburg und in Hart an der Alz (Kreis Altötting), hat eine Werkstatt im Atelierhaus in Regensburg. Eines seiner größeren Projekte ist derzeit der Bau eines U-Boots, mit dem er in der Donau schwimmen will – „ein Jugendtraum“.

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