27.01.2021 - 17:12 Uhr
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Schwandorfer Pianist Stefan Mickisch in Villa Wahnfried "unerwünscht"

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Während es in der Kulturwelt weitgehend still geworden ist, macht der Schwandorfer Pianist Stefan Mickisch von sich reden - und das nicht nur mit seinen musikalischen Projekten.

Stefan Mickisch.
von Anke SchäferProfil

In einem aktuellen Rundbrief an Freunde und Fans, der der Redaktion vorliegt, bilanziert der als Wagner-Experte international bekannte Stefan Mickisch ein mit diversen Auftritten und sechs neuen Doppel-CDs künstlerisch erfülltes Jahr 2020 und blickt voller Zuversicht auf kommende Engagements und Vorhaben.

Einladung nach Helsinki

Besonders freut den Künstler die im Dezember ausgesprochene Einladung an die Sibelius Akademie Helsinki, wo er als anerkannter Spezialist ab Ende April und zunächst per Skype mithelfen soll, Richard Wagner in Finnland zu etablieren: "Da ich auch ein großer Fan von Jean Sibelius bin, kann ich mir nichts Schöneres als diesen Traumjob vorstellen", bekundet Mickisch schriftlich auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien.

Zur gleichen Zeit gerät seine Person jedoch ausgerechnet in Zusammenhang mit Bayreuth in die Schlagzeilen. Grund waren seine in den sozialen Medien geposteten Äußerungen zur Corona-Politik, in denen sich Mickisch unter anderem ein Zitat des Widerstandskämpfers Hans Scholl zu eigen macht.

"Unerwünschte Person"

Aus Sicht des Direktors des Richard-Wagner-Museums Bayreuth in der Villa Wahnfried stellte der Pianist mit diesem Bezug die Bundesregierung auf eine Stufe mit dem Nazi-Regime: "Da gehen bei mir die Lichter aus", so Sven Friedrich im Telefoninterview mit Oberpfalz-Medien. Gerade als Repräsentant eines ideologisch nicht unbelasteten Hauses reagiere er auf so etwas besonders sensibel. Und so erklärte Sven Friedrich, ebenfalls per Post auf seinem privaten Facebook-Account, Stefan Mickisch zur "unerwünschten Person" in der Villa Wahnfried. Das sei allerdings kein Hausverbot, das einen hausrechtlich relevanten Vorfall innerhalb der Museumsmauern voraussetzen würde.

Enorme positive Resonanz

Mit der enormen, erstaunlich positiven Resonanz auf sein klares Zeichen hat Friedrich nach eigenen Angaben nicht gerechnet. Hass-Mails dagegen seien nur zwei dabei gewesen - "aus der einschlägigen politischen Ecke". Wie sich die Bayreuther Festspiele zu Mickisch und seinen Äußerungen verhalten, wisse er nicht. Sie müssten sich aber auch gar nicht dazu äußern, denn die nicht nur bei Wagnerianern beliebten Einführungsvorträge habe Mickisch anfänglich im Auftrag des Richard-Wagner-Verbands und später als Solo-Selbstständiger veranstaltet. Offizieller Beauftragter für die Einführungsveranstaltungen im Rahmen der Festspiele sei dagegen allein er, so Sven Friedrich.

Haus Wahnfried "zerstört"

Dass es Mickisch wohl ohnehin nicht mehr in die Nähe der Villa Wahnfried zieht, steht zu vermuten: "Zum Haus Wahnfried muss ich sagen, dass ich es für zerstört halte. Das Wagnersche einstmals so einmalige und schöne Domizil ist seit 2013 kaputt renoviert worden. Als Konservativer und Grüner tat mir schon der erste abgeschlagene Baum in Wagners Garten sehr weh, wer trifft solche Entscheidungen? Dann wurden die herrlichen Inszenierungsbilder im Unterstock/Keller verräumt, ein ganzer Trakt vernichtet, ein hässlicher Allerweltswürfel in den Park gestellt. Nein, nein. Wo Wagner nicht mehr ist, möchte ich auch nicht sein", schreibt Mickisch.

Im Übrigen habe sich sein CD-Verkauf seit der für ihn "nicht nachvollziehbaren Attacke aus dem Haus Wahnfried und der gleichzeitigen Berufung nach Helsinki erfreulicherweise verdoppelt".

"Sind in einer 3. Diktatur"

Befragt, ob er in Kenntnis der Reaktionen seiner Meinung lieber anders Ausdruck verleihen würde, bleibt Mickisch dabei und legt noch nach: "Ich bin der Auffassung, dass wir ... sowohl in Deutschland als auch in Österreich - mit anderer Geschichte - in eine 3. Diktatur hineingeschlittert sind, nach 1933 bis 45 und der DDR bis 1990. Man sehe sich die Beschneidungen aller Rechte seit Mitte März 2020 an. Blockwarte und Denunziantentum sind wieder da, dies gibt zu denken! Principiis obsta! Wir sollten nicht auf einen Stauffenberg warten".

2019 feierte Pianist Stefan Mickisch 50 Jahre Bühnenjubiläum

Schwandorf
Kommentar:

Feingefühl braucht man nicht nur in der Musik

Um ein guter Musiker zu sein, braucht es mehr als Technik und die Fähigkeit, Noten zu lesen. Entscheidend sind die intensive Auseinandersetzung mit allem, was hinter dem Notentext steckt, die Einordnung des Stückes in einen größeren Kontext und nicht zuletzt das feine Gespür für den richtigen Ton.

Wer wie Stefan Mickisch diese Herangehensweise über Jahrzehnte beruflich beherzigt, sollte dazu eigentlich auch abseits der Übungsräume und Konzertsäle in der Lage sein. Ein historisches Zitat aus dem zeitlichen Kontext zu reißen und schlichtweg falsche Parallelen zu konstruieren, aus welchen Gründen auch immer, das ist mehr als nur schlechter Stil.

Damit wird die bis heute beispielgebende, mutige Lebensleistung Hans Scholls diskreditiert und für ein Anliegen zweckentfremdet, das mit der ursprünglichen Intention nichts gemein hat.

Umso ermutigender aber, dass gerade ein Haus wie die Villa Wahnfried, das schwer am geschichtlichen Erbe trägt, jetzt mit feinem Gespür Haltung zeigt und in der Sache genau den richtigen Ton trifft.

Anke Schäfer

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Kommentare

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Peter K. Donhauser

D'accord zwar, aber die Mickisch-Meldung ist leider alles andere als aktuell. Sie ging schon am 19. Dezember 2020, also vor mehr als einem Monat durch die Presse.
https://www.br-klassik.de/aktuell/news-kritik/stefan-mickisch-corona-bayreuth-hausverbot-100.html.

28.01.2021
Florian Bindl

Hallo Herr Donhauser, 
Sie haben natürlich völlig recht. Unser Text geht allerdings über die bloße Meldung hinaus. Zudem haben wir das Thema kommentiert. 
Eine schöne Woche! 
Team-Onetz 

28.01.2021