Schwerer Stand für die SPD in der Ära rasender Ungeduld

Die schlechte Nachricht vorweg: Die SPD würde in der derzeitigen Gemengelage wohl auch mit einer Troika aus Papst Franziskus, Klimamärtyrerin Greta Thunberg und TV-Philosoph Richard David Precht nicht aus der Krise finden. Zu gegensätzlich sind Faktenlage und Erwartungshaltung der Genossen selbst und der Wähler ohnehin.

Weniger wäre manchmal mehr: weniger Vorstände, weniger Rituale, weniger Lieder, dafür mehr Natürlichkeit. (von links) MdB Leni Breymaier, Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans, die beiden Bundesvorsitzenden der SPD, sowie Dietmar Nietan, SPD-Schatzmeister, und MdB Wiebke Esdar beim gemeinsamen Schlusslied am SPD-Bundesparteitag.
von Jürgen Herda Kontakt Profil
Kommentar

Sinnerklärer Peter Sloterdijk charakterisiert die Gegenwart als Ära rasender Ungeduld - Ernst Blochs "Prinzip Hoffnung" wurde durch das "Prinzip Sofort" abgelöst. Selbst wenn die neue Parteiführung wissen würde, was sie tun sollte: Die Ergebnisse kämen zu spät. Klare Kante beim Klima? Bis die SPD auch nur ein Gramm CO2 zusätzlich aus der Luft verhandelt, hätte sich bereits eine Abordnung von Extinction Rebellion vor Norbert Walter-Borjans Dienstwagen geworfen.

Abschaffung von Hartz-IV? Ehe die Union auch nur ein Jota nachgibt, hätten die Jusos Saskia Esken bereits Hochverrat vorgeworfen. Besteuerung der US-Internetmultis? Ehe man auf europäischer Ebene auch nur drei Staaten auf seiner Seite hat, hätte Finanzminister Olaf Scholz bereits die Reißleine gezogen - die Angst vor Trumps Vergeltungsmaßnahmen gegen die deutsche Autoindustrie verfängt auch bei SPD-Linken.

Auch selber Schuld, Genossen!

Ist die SPD an ihrer Talfahrt also gar nicht selbst schuld? Nicht nur, aber auch. Zum verheerenden Bild, das die Partei, die einst Hitlers Ermächtigungsgesetz als einzige mutig widersprach, abgibt, trägt Gerd Schröder bei. Er degenerierte vom Genossen der Bosse zum Hofnarren Putins. Sozialdemokratische Länderregierungen waren und sind Teil des korrupten Autolobby-Systems. Und durch die Bank sprechen Spitzen-Sozis wie ein Scholzomat, die Karikatur des Parteisprechs.

Von der Popularität des unprätentiösen Robert Habeck oder des entideologisierten Markus Söder kann man ablesen: Mobilisieren nach innen und Gehör finden außerhalb der Partei funktioniert auch, ohne sich in jedem zweiten Satz als Heilsbringer für Arme zu loben. Was die SPD jetzt braucht? Eine uneitle, dialogfähige Führung und geduldige Genossen.

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