28.09.2018 - 18:53 Uhr

Der Spagat beim Besuch von Erdogan

Zwischen Macht und Moral: Die Bundesregierung tut sich schwer mit dem Erdogan-Besuch, kommentiert Frank Werner.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Recep Tayyip Erdogan, Präsident der Türkei, bei der gemeinsamen Pressekonferenz. Bild: Michael Kappeler/dpa
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Recep Tayyip Erdogan, Präsident der Türkei, bei der gemeinsamen Pressekonferenz.

Da sitzen sie beim Staatsbankett im Schloss Bellevue, bei feinsten Speisen und edlen Getränken. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan mit seiner Gefolgschaft, Seite an Seite mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, empfangen mit militärischen Ehren. Erdogan hat im Luxus-Hotel Adlon mehr als 100 Zimmer geblockt, tausende Polizisten versetzen Berlin in den Ausnahmezustand.

Das ist alles ein paar Nummern zu dick aufgetragen, doch der Besuch ist trotz aller Kritik grundsätzlich richtig. Es ist ein Spagat zwischen moralischen Bedenken und pragmatischer Notwendigkeit, auf dem die Bundesregierung wandelt. Völlig klar, dass Angela Merkel Erdogan nicht ins Gesicht brüllt, dass er ein autoritärer Machthaber ist, der in seinem Land die Menschenrechte mit Füßen tritt. Aber die Kanzlerin hat dem Staatspräsidenten die Differenzen klar ins Gesicht gesagt.

Merkel sitzt ohnehin am längeren Hebel. Die türkische Wirtschaft liegt am Boden, die EU kürzt ihre Gelder bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent - um fast 760 Millionen Euro. Davon unberührt bleiben die Milliarden für die Unterstützung in der Flüchtlingskrise. Diese Trumpfkarte zieht Erdogan derzeit nicht. Er braucht die Kanzlerin, für ihn sind gute Beziehungen in den Westen existenziell.

Merkel kann die Daumenschrauben Richtung Bosporus also ruhig ein wenig stärker anziehen. Bei allem Gegenwind, den die 64-Jährige in der Bundespolitik spürt: Auf internationalem Parkett ist die Kanzlerin immer noch am sichersten.

 
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