20.11.2019 - 14:36 Uhr
SpeinshartDeutschland & Welt

Ciros Kunst des Weggeworfenen

Unbekannt scheinen die Werke von Roberto Cipollone. Auch Ciro genannt, liebt er das scheinbar Wertlose in einer Zeit, in der die Dinge nach ihrer Verwendbaarkeit bewerten werden. Die Ausstellung in Speinshart beweist das Gegenteil

"Ich will Materialien, die andere Menschen wegwerfen, ihre Schönheit zurückgeben", sagt Roberto Cipollone beim Ausstellungsrundgang.
von Robert DotzauerProfil

Die Werke Cipollones haben die Eigenschaft, die Fantasie in Bewegung zu bringen, sagt Laudator Peter Seifert. Der Herausgeber des großen Kunstbildbandes des umbrischen Künstlers stellt den zahlreichen Gästen zur Eröffnung der Ausstellung, unter ihnen Gabriele Hartl, Mitorganisatorin der Ausstellung, einen Künstler von internationalem Format vor. Roberto Cipollone war in Speinshart noch unbekannt. Bis jetzt.

Der Andrang von Gästen aus ganz Nordbayern beweist: Der Künstler hat eine riesige Fangemeinde. Das Besondere seines Schaffens: Er gibt vielen Materialien in artfremder Verwendung einer neue Werthaftigkeit, wie es Thomas Englberger, Leiter der Internationalen Begegnungsstätte, formuliert. Durch das Pseudonym Ciro verknüpft Roberto Cipollone seine Art, Kunst zu machen, mit dem weisen und gegenüber Menschen und Material respektvollen Perserkönig Kyros.

Blick auf die Armut bewahrt

In anmutiger Schönheit, gepaart mit einer starken spirituellen Dimension, präsentiert der Künstler seine Werke.

Der umbrische Künstler, in Pescara geboren, liebt das scheinbar Wertlose, das, was andere Menschen nicht beachten, das vermeintlich Verbrauchte, das Weggeworfene. Das ist kein Zufall. Denn die sogenannte "Arte povera", die "arme Kunst", entstand in den sechziger und siebziger Jahren in Italien. Diese Strömung ist nicht nur eine Antwort auf die damals aktuelle Armut im Land, sondern auch als Gegenentwurf zur gerade dort sehr präsenten Kunst aus Marmor, Bronze und edlen Materialien zu lesen.

Ciro hat sich diesen Blick auf die Armut bewahrt. Wer seine Werke betrachtet, kommt zur Erkenntnis, dass die Attribute "kindlich" und "ärmlich" nicht ausreichen. Sein Blick auf die Realität ist nicht unaufgeklärt naiv. Er rührt vielmehr an Dingen, die jedem schon einmal bewusst wurden: Schmerz, Leid, Zerstörung, Vergänglichkeit. Und dennoch entsteht beim Blick auf seine Werke kein negativer Eindruck. Die "Fundstücke" wirken bisweilen geradezu befreiend, manchmal heiter und ironisch. So staunen die Betrachter über ausgediente Hacken, Spaten und Hufeisen, verrostete Beschläge und verwittertes Holz, das andere einheizen. Aus diesen Dingen baut Ciro zum Beispiel Krippen, die internationale Beachtung finden.

Auch ältere Besucher, die in ihrer Kindheit und Jugend auf dem Feld arbeiten mussten, werden es sofort erkennen: die anbetenden Hirten sind aus Teilen von Ackerwerkzeugen gefertigt. Eine knorrige Wurzel wird zur Schutzhütte, ein Esel aus Schrott trägt Mutter und Kind sicher nach Ägypten. Ciros Einfälle treiben seltsame Blüten. Und doch spricht daraus die harte Arbeit und ein entbehrungsreiches Leben fernab von Wirtschaftswunderzeiten.

Dem Wurzelwerk und Holzabfällen haucht Ciro neues Leben ein. Auch die Weihnachtskrippen zeugen von der Phantasie, dem scheinbar Wertlosen zu neuem Leben zu verhelfen

Zweimal, dreimal hinsehen

Wer sich einen zweiten und dritten Blick auf die Kunstwerke genehmigt, dem offenbart sich bei näherem Hinsehen der künstlerische Plan wie bei einem orientalischen Teppich. Auch aus Sand, Metall, Wurzelwerk, Rost und Schrott ist Praktisches erkennbar. Gediegen, einfach und doch ausdrucksstark ist das Ergebnis fernab süßlicher Romantik zu erkennen.

Ciros Kunst ist das Entdecken und Hinsehen. Daraus wird eine schöpferische Begegnung. Was dann folgt, also die Arbeit, ist nichts anderes als der für den Künstler immer unvollendete Versuch, das im ersten Augenblick Gesehene und Erkannte sichtbar zu machen, dem Betrachter die Augen zu öffnen.

Ein neues Leben

Die Augen öffnet Roberto Cipollone den Besuchern der Vernissage im oberen Konventgang des Klosters Speinshart. Das ausgediente Werkzeug oder ein altes Stück, verbraucht und verzehrt von der Zeit, von Wasser und Wind, wird zum Kunstwerk, das von einem neuen Leben erzählt. Die Vernissage wurde von Wolfgang und Monika Zeitler aus Weiden musikalisch umrahmt.

Riesig war das Interesse an der Kunst von Ciro. Bei der Vernissage in Speinshart führte im Musiksaal des Klosters Laudator Peter Seifert in das künstlerische Schaffen von Roberto Cipollone ein
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