19.07.2021 - 16:25 Uhr
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Studie: Jeder zehnte Gymnasiast hat psychische Probleme wegen Corona

Die Lockdowns und der Distanzunterricht hat sich auf die Psyche vieler Schüler gelegt. Laut einer Umfrage des Philologenverbandes sind bis zu zehn Prozent der Gymnasialkinder betroffen. Für sie brauche es mehr Hilfe.

Die Coronakrise hat in der Psyche der Schülerinnen und Schüler tiefe Spuren hinterlassen.
von Jürgen UmlauftProfil

Der bayerische Philologenverband (BPV) hat eine deutliche Ausweitung der schulpsychologischen Betreuung an den Gymnasien und den Beruflichen Oberschulen im Freistaat gefordert. Nach einer Umfragen des Verbandes unter den dortigen Lehrkräften hat der monatelange Distanzunterricht in den Corona-Lockdownphasen zu einer Häufung von psychosozialen Störungen bei den Schülern geführt. So gibt es in 85 Prozent der Gymnasialklassen mindestens einen Schüler mit besonderen Unterstützungsbedarf, in 29 Prozent der Klassen sind es drei bis vier, in 19 Prozent fünf und mehr Schüler. Hochgerechnet ist rund jedes zehnte Schulkind an den bayerischen Gymnasien in unterschiedlicher Ausprägung betroffen, erklärte der BPV-Vorsitzende Michael Schwägerl am Montag.

Die Coburger Schulpsychologin Regina Knape, die auch an der staatlichen Schulberatungsstelle Oberfranken tätig ist, sprach von einer Verzehnfachung der Anfragen und Hilferufe seit den Osterferien. "Die psychosoziale Krise ist voll an den Schulen angekommen", sagte Knape. In vielen Fällen sei als Folge von Lockdown und Distanzunterricht "fast schon notfallpsychologische Nachsorge" erforderlich. Die Probleme reichten von Überforderung über Essstörungen bis hin zu Jugenddepression. Das habe es zwar auch schon vor Corona gegeben, aber nicht in diesem Ausmaß, erklärte Knape.

Konzentration fällt schwer

Insgesamt hätten bei sehr vielen Schülerinnen und Schülern Konzentrationsfähigkeit und Motivation "extrem gelitten". In Einzelfällen könne man von "Schüler-Burnout" sprechen. Erschwerend komme hinzu, dass viele Schüler während der Lockdowns dem Suchtpotenzial von Smartphones und Computern erlegen seien. "Viele Kinder sind in der Internet-Abhängigkeit regelrecht verloren gegangen", sagte Knape. Auch habe sich Cyber-Mobbing verstärkt. Es seien erhebliche Anstrengungen in der Medienerziehung erforderlich. "Die Krisenbewältigung wird Jahre dauern", fasste Knape zusammen.

Auch nach Einschätzung des Beratungslehrers Michael Lilla vom Gymnasium im oberbayerischen Gauting hat die Pandemie die Lage verschärft. Die Häufung der psychosozialen Auffälligkeiten betreffe Kinder aus allen Bevölkerungsschichten. Die Symptome seien unterschiedlich, stellten aber eine Belastung für das allgemeine Lernklima dar, je mehr Schüler betroffen seien. Während sich manche in sich zurückzogen, äußerten sich die Probleme bei anderen in einer höheren Grundaggressivität, Versagensängsten oder gar selbstverletzendem Verhalten. Um das alles aufzuarbeiten, braucht es aus Lillas Sicht "viel Zeit und viel Personal".

Mehr Zeit für Schulpsychologen

Schwägerl begrüßte in diesem Zusammenhang die Ankündigung des Kultusministeriums, die Unterrichtsfreistellung von Schulpsychologen zur Bewältigung ihrer Aufgaben um eine Stunde pro Woche zu erhöhen. Dies werde aber nicht ausreichen. Nötig sei eine zusätzliche Planstelle pro Schule, betonte Schwägerl. Außerdem sprach er sich für zusätzliche mehrtägige Klassenfahrten sowie mehr Schulprojekte und Wahlkurse aus. Um die psychischen Defizite, aber auch die Lernrückstände auszugleichen, müsse nach den Sommerferien stabiler Präsenzunterricht gewährleistet sein. Mit einer Impfquote nahe 95 Prozent würden die Gymnasiallehrkräfte ihren Beitrag dazu leisten. Schwägerl appellierte eindringlich an die Kommunen, das Förderprogramm des Freistaats zur Anschaffung von Luftreinigern anzunehmen. Man brauche in jedem Klassenzimmer ein solches Gerät.

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