22.09.2020 - 18:35 Uhr
Deutschland & Welt

Suche nach Täter beginnt von neuem

Ein Mordprozess wird vor dem Landgericht Regensburg erneut verhandelt - der Angeklagte schweigt jedoch. Hat er einen polnischen Landsmann mit einem Messer erstochen?

In Regensburg wird ein Mordfall neu verhandelt.
von Autor AHSProfil

Im Februar vergangenen Jahres war ein heute 51-jähriger polnischer Produktionshelfer von der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Regensburg wegen Mordes verurteilt worden. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass der Angeklagte auf einer Feier im Mai 2018 einen Landsmann mit einem Messer tötete. Da er zur Tatzeit erheblich alkoholisiert war, ging das Gericht von einer erheblich verminderten Schuldfähigkeit aus und verurteilte ihn anstelle der sonst üblichen lebenslangen Freiheitsstrafe zu einer Haftstrafe von elf Jahren. Nach einem Vorwegvollzug von drei Jahren und sechs Monaten sollte er in eine Entziehungsanstalt überstellt werden.

Tat bis zuletzt bestritten

Der Angeklagte hatte die Tat bis zuletzt bestritten. Auf die Revision der Verteidiger hin hob der Bundesgerichtshof das Urteil im vollen Umfang auf. Die Karlsruher Richter kamen zu dem Ergebnis, dass die Regensburger Entscheidung einer "sachlich-rechtlichen Nachprüfung nicht standhält". Die Täterschaft des Angeklagten sei "nicht tragfähig belegt". Dabei sei die Widersprüchlichkeit einer Zeugin nicht ausreichend gewürdigt worden. Es sei nicht ausschließbar, dass sie als Täterin in Betracht kommt.

Seit Dienstag muss deshalb der Prozess vor der 1. Strafkammer des Landgerichts Regensburg als Schwurgericht unter Vorsitz von Richterin Elke Escher vollständig neu aufgerollt werden. Hierzu werden im Laufe der angesetzten zwölf Verhandlungstage mehr als ein Dutzend Zeugen und vier Sachverständige gehört.

Rückblick: In der Tatnacht waren fünf Frauen und Männer zu Gast beim Angeklagten in dessen Wohnung in Neustadt an der Donau. Es wurde etwas gegessen, eine erhebliche Menge Alkohol konsumiert und getanzt. Dem Anklagesatz zu Folge soll der Angeklagte einen Gast zur Seite genommen haben. Im Schlafzimmer habe er sich sehr erregt über herablassende Worte zum Tod eines Kumpels gezeigt. Auch soll er davon erzählt haben, dass er den Auftrag habe, zwei der anwesenden Frauen zu töten. Als die beiden ins Wohnzimmer zurück kehrten saß das spätere Opfer auf einem Hocker, dem Stammplatz des Angeklagten, mit Blickrichtung zur Wand. Der Angeklagte soll ein Küchenmesser mit einer Schaftlänge von zwölf Zentimetern genommen und hinter dem Rücken des ahnungslosen Geschädigten auf diesen zugegangen sein. Hinterrücks soll er ihm einen einzigen Schnitt in den Hals gesetzt haben.

Der Geschädigte erlitt einen elf Zentimeter tiefen Einstich am Übergang der Halsseite zum Nacken, wobei ein Eintritt der Klinge in den Rückenmarkskanal wischen den Wirbelbögen des fünften und sechsten Halswirbel erfolgte. Dabei wurden die harten und weichen Rückenmarkshäute, sowie das Rückenmark durchsetzt. Der Geschädigte verstarb binnen weniger Minuten an einem zentralen Regulierungsversagen in Verbindung mit einer Luftembolie. Eine beim Angeklagten etwa vier Stunden später durchgeführte Atemalkoholkontrolle zeigte einen Wert von rund 1,6 Promille. Zwei Tage nach der Tat wurde der Angeklagte in Untersuchungshaft genommen, wo er bis heute einsitzt. Der Angeklagte ließ über seine Verteidiger Maximilian Keser und Olaf Groborz erklären, dass er keine Angaben zur Sache machen wird. Auf Anregung von Verteidiger Keser wird der Hauptbelastungszeugin zu ihrer Vernehmung ein Zeugenbeistand zur Seite gestellt.

Polizei von Zeugin alarmiert

Ein Polizeibeamter berichtete als Zeuge, dass die Polizei von der Hauptbelastungszeugin alarmiert worden sei. Bei seinem Eintreffen sei sie nur mit einem Nachthemd bekleidet im Innenhof gestanden und habe gestammelt "Hilfe Unfall". Bei der Nachschau in der Wohnung sei der Geschädigte bereits tot gewesen. Unter seinem Nacken habe das Tatwerkzeug gelegen.

Die Befragung der Zeugin sei sehr schwierig gewesen, da sie nur wenig deutsch spricht und völlig durch den Wind war. Sie habe etwas davon erzählt, dass sie Chicken geschnitten hätte. Der Geschädigte habe vor ihr getanzt und sei dann in das Messer gefallen. Nachfragen seien so gut wie unmöglich gewesen. Ein bei ihr durchgeführter Alkotest ergab über zwei Promille. Der Prozess wird fortgesetzt.

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