18.02.2021 - 16:02 Uhr
Sulzbach-RosenbergDeutschland & Welt

Depressionen und Zukunftsängste: Corona-Lockdown setzt Teenagern seelisch zu

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Jugendliche sind vom Lockdown besonders betroffen. Monatelanger Distanzunterricht und fehlende Kontakte haben Folgen: Viele zeigen psychosomatische Reaktionen. Ein Jugendpsychiater erklärt die Hintergründe – und gibt Tipps bei Einsamkeit.

Schlafstörungen, Zukunftsängste, Übelkeit: Jugendliche treffen die psychischen Folgen des Corona-Lockdowns teils mehr als Erwachsene.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Monatelange Isolation, keine Kontakte zu Freunden und Mitschülern, dazu geschlossene Sportstätten, Homeschooling und Notendruck: Der Lockdown wird zur Gefahr für die seelische Gesundheit von Jugendlichen – auch in der Oberpfalz. Uwe Könemann-Nunold ist promovierter Kinder- und Jugendpsychiater in Sulzbach-Rosenberg. In seiner Praxis behandelt der 63-Jährige zunehmend Teenager, denen die Krise psychisch zusetzt. Ein Interview über Corona-Depressionen und Tipps gegen Einsamkeit.

ONETZ: Herr Könemann-Nunold, was bedeutet der Lockdown für die Psyche von Jugendlichen?

Dr. Uwe Könemann-Nunold: Meiner Einschätzung nach sind Kinder und Jugendliche stärker von den Folgen der Pandemie betroffen als Erwachsene. Der Verlust von sozialen Kontakten hat Rückwirkungen, mit denen ich täglich in meiner Praxis konfrontiert bin. Es fällt nicht nur die Schule weg, sondern auch das komplette Vereinsleben, Sport und die Beziehung zu Freunden. Hinzu kommt die enorme Zeitdauer: Wir leben inzwischen seit einem Jahr unter Corona-Bedingungen.

ONETZ: Kommen wegen Corona mehr Jugendliche in ihre Praxis, weil sie Hilfe brauchen?

Uwe Könemann-Nunold: Ja. Bei der Anmeldung zu Erstgesprächen war bei mir zuletzt ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen. Ich glaube auch, dass es künftig noch mehr werden, weil viele Folgen des Lockdown zeitversetzt durchschlagen. Wenn die Einschränkungen vorbei sind, wird es zwar ein Aufatmen geben. Aber die Zukunftsängste werden bei vielen bleiben.

ONETZ: Welche Sorgen plagen Jugendliche besonders?

Uwe Könemann-Nunold: In meinen Gesprächen mit Jugendlichen höre ich immer mehr, dass sie den Austausch mit Gleichaltrigen vermissen. Besondere Probleme haben auch Schüler in Abschlussklassen. Die machen sich enorme Gedanken und haben Sorgen, ob sie den Abschluss schaffen und ob sie eine vernünftige Zukunftsperspektive haben. Der Distanzunterricht und der Notendruck belasten.

ONETZ: Welche psychischen Auswirkungen hat dies?

Uwe Könemann-Nunold: Ich habe vermehrt Jugendliche mit depressiver Stimmung. Die meisten zeigen psychosomatische Reaktionen. Das sind Schmerzen, die nicht auf körperliche Verletzungen zurückzuführen sind wie die bekannten Bauchschmerzen, aber auch Kopfweh und ein allgemeines Unwohlsein.
Zuletzt hatte ich bei mir auch vermehrt Kinder und Jugendliche mit Panikattacken. Das kommt nicht davon, weil sie eine Maske tragen müssen, der Auslöser sind Ängste. Es geht vor allem um Befürchtungen, die eigenen Zukunft betreffend. Das führt häufig zu Schlafstörungen.

ONETZ: Wie wichtig ist eine stabile Beziehung und Partnerschaft für Jugendliche?

Uwe Könemann-Nunold: Ich habe nicht den Eindruck, dass dies an vorderster Stelle steht. Die Angst vor Schulversagen und dem Abschluss, der Notendruck und Zukunftsangst stehen in meiner Praxis im Fokus. Allerdings sind glückliche Beziehungen natürlich auch wichtig. Corona ist hier vor allem dann ein Problem, wenn die Beziehung gerade erst frisch begonnen hat und nun wegen der Beschränkungen kaum gepflegt werden kann.

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Weiden in der Oberpfalz

ONETZ: Wie gut kann digitale Kommunikation ein persönliches Treffen ersetzen?

Uwe Könemann-Nunold: Meiner Einschätzung nach ist das nur ein geringer Ersatz. Die Jugendlichen brauchen den persönlichen Kontakt, das vis-á-vis. Je jünger, umso mehr. Es ist bewiesen, dass das Bindungshormon Oxytocin nur durch direkte körperliche Berührung freigesetzt wird. Es wird auch dann ausgeschüttet, wenn die Mutter das Kind zum Stillen anlegt. Selbst wenn es dort die tollsten visuellen Darbietungen gibt – wenn Sie jemanden nur durch ein Video sehen, wird Oxytocin nicht freigesetzt. Dazu braucht es den taktilen Reiz, und das kann kein Video.

ONETZ: Wie können Eltern den Unterschied zwischen schlechter Laune und einer beginnenden Depression erkennen?

Uwe Könemann-Nunold: Bei Menschen mit Depressionen ist es auffällig, dass sie sich zurückziehen. Typisch ist das Nicht-Mitteilen, die Kommunikation geht fast auf Null. Eltern wissen nicht mehr, was ihre Tochter oder der Sohn macht. Depressive weigern sich morgens oft, aufzustehen und in den Tag zu starten. Sie entziehen sich geregelten Mahlzeiten und werden meistens erst abends oder nachts aktiv.
Depressivität wird zunehmend dann deutlich, wenn jemand von starken Selbstwertzweifeln geplagt wird. Daran kann dann, gerade bei Jugendlichen, schnell Selbstverletzung werden. Spätestens hier ist es dringend geraten, psychologische oder psychiatrische Hilfe zu holen.

ONETZ: Was empfehlen sie Jugendlichen, die sich im Lockdown einsam und verlassen fühlen?

Uwe Könemann-Nunold: Unter Nicht-Corona-Bedingungen würde ich den Eltern raten, gemeinsam mit dem Kind zu überlegen, welchen Sport es machen könnte und welche Interessen es gibt. Aktuell ist das schwieriger, aber es ist dennoch wichtig, den Kontakt zu Freunden nicht ganz abbrechen zu lassen. Ich würde empfehlen, viel Zeit in der freien Natur zu verbringen. Außerdem haben wir in der Oberpfalz viel ländlichen Bereich. Ich weiß, dass es genügend Pferdeställe gibt, die Leute suchen, die mal ein Pferd versorgen oder ausreiten. Dies lässt sich auch auf das Tierheim übertragen oder den Hund des Nachbarn, den man Gassi führen kann. Gerade Depressive habe oft einen guten Zugang zu Tieren und ziehen daraus eine wichtige Selbstwertstärkung.

Eine 16-Jährige aus Weiden berichtet offen über ihre (Fern)-Beziehung unter Corona-Bedingungen

Oberpfalz

„Ich habe vermehrt Jugendliche mit depressiver Stimmung. Die meisten zeigen psychosomatische Reaktionen. Manche haben Panikattacken.“

Dr. Uwe Könemann-Nunold, Kinder- und Jugendpsychiater

Dr. Uwe Könemann-Nunold, Kinder- und Jugendpsychiater

Seine Therapie-Couch ist gut frequentiert: In seiner Praxis in Sulzbach-Rosenberg behandelt Jugendpsychiater Uwe Könemann-Nunold immer mehr Minderjährige, die unter den psychischen Folgen der Corona-Pandemie leiden.

 

 

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