16.07.2019 - 15:24 Uhr
Sulzbach-RosenbergDeutschland & Welt

Gute Nachbarschaft

Tschechien Schwerpunkt beim Sommerfest im Literaturhaus Oberpfalz

Die Literatur-Sommerfest-Gäste Ulrike Anna Bleier und Jaroslav Rudiš .
von Anke SchäferProfil

Tschechien ist kultureller Hotspot des Jahres 2019. Auch das Literaturhaus Oberpfalz stellte den östlichen Nachbarn in den Mittelpunkt seines Sommerfestes und begrüßte mit Schriftsteller Jaroslav Rudiš dessen momentan angesagtesten literarischen Repräsentanten.

Als weiterer Gast war Schriftstellerin Ulrike Anna Bleier aus Köln angereist. Ihr zweiter Roman „Bushaltestelle“ passte ebenfalls perfekt ins Programm, leuchtet er doch die komplexen deutsch-tschechischen Beziehungen auf familiärer Ebene aus. Untrennbar mit der tschechischen Kultur verbunden sind natürlich auch die hopfigen Genüsse, deren Spuren die Autoren Elmar Tannert und Anders Möhl in ihrem Führer „Bierland Pilsen“ nachgehen.

Einige Fässer original Pilsener Degustationsmaterials und die frech-flotten Musikeinlagen der Band „Fo Latta“, die im Oberpfälzer „Ou“ eine lautmalerische Verwandschaft mit dem Tschechischen ausmachen, rundeten den abwechslungsreichen Nachmittag und Abend in den altehrwürdigen Räumen des ehemaligen Amtsgerichts ab.

Mit Rücksicht auf den immer noch in der Warteschleife kreisenden Brandschutz musste diesmal aber niemand den zweiten Stock erklimmen - das Erdgeschoss erwies sich als ebenso akzeptabler Lesungs-Rahmen. Dort teilten sich denn auch Schriftstellerin Ulrike Anna Bleier und Moderator Michael Peter Hehl die Bühne, um den Nachfolger des Hotlist-Erfolgs „Schwimmerbecken“ vorzustellen.

Anders als von Hehl vermutet, stand am Anfang von „Bushaltestelle“ nicht das Mutter-Tochter-Geflecht. Vielmehr stieß die zufällig aufgeschnappte Lebensgeschichte einer deutsch-tschechischen Grenzgängerin das Projekt an und inspirierte die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin dazu, solch wechselnationale Kriegs- und Nachkriegsschicksale genauer zu recherchieren.

Das Ergebnis ist ein Roman, der in unprätentiösen, nüchternen Episoden zwischen Gegenwart und Vergangenheit springt und gerade dadurch nicht nur beim dicht gedrängten Lesungs-Publikum einen tiefen Eindruck hinterlässt. Menschen erinnern sich eben nicht chronologisch, sondern thematisch, so Bleiers Erläuterung zum Konzept. Die in der Literatur extrem rare, aus ihrer Sicht aber viel interessantere „Du“-Perspektive komplettiert das ungewöhnliche Leseerlebnis.

Mit den tschechischen Wortsprengseln und dem mutig auf tschechisch vorgetragenen Kinderlied aus dem Roman brachte Ulrike Anna Bleier auch gleich den noch im Publikum verweilenden tschechisch-deutschen Schriftsteller Jaroslav Rudiš ins Spiel. Kaum auf die Bühne gewechselt, zündete dieser mit dem ihm eigenen Charme und Temperament ein wahres Wort-Feuerwerk .

Hintersinniger Humor und blitzschnelle Ausritte zu seinen ganz anderen Geschichten trieben den Unterhaltungsgrad der Vorstellung seines Romans „Winterbergs letzte Reise“ in die Höhe. Da brauchte Moderatorin Patricia Preuß mitunter mehrere Anläufe, um den überbordenden Erzählschwung zu lenken. Dass sein im Kern tragisches Eisenbahn- und Geschichtswerk trotz allem nicht in Trübsinn und Melancholie erstickt, bewies Jaroslav Rudiš an diesem Abend so mühelos wie mitreißend.

Und nicht nur bei den Kostproben verschwammen die Grenzen zwischen den Hauptpersonen Winterberg und Kraus und ihrem geistigen Schöpfer, wie auch die rhythmisch redundanten Wort- und Satzschleifen immer wieder ihren Weg aus der Fiktion ins reale Gespräch fanden. Am Ende blieb definitv zu wenig Luft, um all den geschickt komponierten Facetten des Romans gerecht zu werden. Dafür konnte das Publikum eines mit Gewissheit bestätigen: „Es ist auch ein lustiges Buch“.

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