25.06.2019 - 16:11 Uhr
Sulzbach-RosenbergDeutschland & Welt

Lebensreise durch die Geschichte

Jaroslav Rudiš macht mit seinem Roman „Winterbergs letzte Reise“ Station beim Sommerfest des Literaturhauses. Darin schickt er zwei Helden mit der Eisenbahn auf den Weg durch Mitteleuropa – als Reiseführer dient der Baedeker von 1913.

Der Schriftsteller Jaroslav Rudiš zieht Bahnfahrten den Busfahrten vor. Auch sein aktuelles Buch handelt vom Reisen.
von Anke SchäferProfil

Wenzel Winterberg ist 99 Jahre alt, als er dem Tod noch einmal von der Schippe springt. Zusammen mit seinem ebenfalls angeschlagenen Pfleger Jan Kraus begibt er sich auf eine historische Winterreise mit Eisenbahn und Baedeker. Am Samstag, 13. Juli um 20 Uhr erzählt Schriftsteller Jaroslav Rudiš beim Literatursommerfest des Literaturhauses Oberpfalz mehr von diesem melancholisch-komischen Roadtrip. Dass Winterberg auch vier Monate nach Erscheinen des Romans für den Schriftsteller immer noch sehr präsent ist, merkt man beim Gespräch:

ONETZ: Herr Rudiš, „Winterbergs letzte Reise“ ist der erste Roman, den Sie auf deutsch geschrieben haben. Wann hatten Sie das Gefühl, dass die Zeit dafür reif ist?

Jaroslav Rudiš: Ich habe schon länger darüber nachgedacht. Ich habe immer wieder etwas auf deutsch verfasst. Für diese Geschichte war es von Anfang an klar, denn es ist eine Reise mit dem Baedeker von 1913 durch die Geschichte der Doppelmonarchie Österreich/Ungarn, die von der deutschen Sprache verbunden wurde – wie ein Dach, das die Länder überdeckt. Zu unserer Geschichte gehören beide Sprachen, schade, dass das verloren gegangen ist.

ONETZ: Eine Nicht-Muttersprache fließend zu beherrschen ist eine Sache, darin 544 Seiten Bestseller-Literatur zu schaffen, eine ganz andere Hausnummer: Wie groß ist die Freude über diesen umso bemerkenswerteren Erfolg?

Jaroslav Rudiš: Es freut mich sehr, dass das Buch so gut ankommt. Die Zweisprachigkeit war für mich persönlich immer wichtig. Ich habe aber gedacht, wer interessiert sich schon für die Eisenbahn? Der Verlag war jedoch überzeugt und gab mir große Unterstützung. Bis heute denke ich darüber nach, es ist schon ein bisschen verrückt. Am Ende des Tages mache ich ein Bier auf und denke in Ruhe darüber nach, was in diesem Jahr alles passiert ist.

ONETZ: Sie waren nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2019 mit ihrer Heimat Tschechien als Gastland - sind Sie sehr traurig darüber, dass es mit diesem speziellen, doppelten Coup nicht geklappt hat?

Jaroslav Rudiš: Nee, ich bin nicht traurig, ich freue mich für Anke Stelling. Allein die Nominierung war schon wie ein Preis, ich habe es gar nicht geglaubt, als ich den Anruf bekam – und dann musste ich auch noch ein paar Tage schweigen! Es hat dem Buch sehr geholfen. Ich bin seither auf endloser Lesereise, die Termine gehen schon bis ins Frühjahr 2020.

ONETZ: Ihr besonderes Gefühl für Sprachrhythmus blüht im neuen Roman in den Staccato-artig wiederholten, mit einem imaginären Zug-Geratter korrelierenden Phrasen geradezu auf: Von langer Hand konstruiert oder einfach im Schreibprozess entstanden?

Jaroslav Rudiš: Das hat sich beim Schreiben so ergeben. Es ist ein Eisenbahn-Roman, ich bin ein leidenschaftlicher Bahnfahrer, komme aus einer Eisenbahn-Familie, es ist ein Hobby von mir. Und ich suche unbewusst eine Musikalität, einen Sound beim Schreiben.

ONETZ: Ihre beiden Protagonisten durchqueren das moderne Europa im Stile eines typischerweise mit jugendlichen Helden besetzten Roadtrips – wollten Sie dem Genre-Klischee bewusst mal einen Greis und seinen auch nicht mehr taufrischen Pfleger entgegensetzen?

Jaroslav Rudiš: Daran habe ich nicht gedacht. Ich mag „Tschick“ und habe Jack Kerouacs „On the road“ verschlungen. Ich dachte, Winterberg und Kraus wären ein lustiges Paar, zumal der Junge, der Alkoholiker ist und ständig an Selbstmord denkt, nur neidisch sein kann auf die Energie dieses Alten.

ONETZ: Mitten in der Geschichte tauschen die beiden ja sogar ihre Rollen...

Ja, es musste auch etwas passieren auf dieser Fahrt.

ONETZ: Die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts kann eine ziemlich trockene Materie sein. Waren Sie, wie der Pfleger Jan Kraus, mitunter selbst genervt von Königgrätz, Sarajevo und Co.?

Jaroslav Rudiš: Ich nicht, aber ich wollte, dass der Leser genervt ist, dass er physisch spürt, wie anstrengend dieser Winterberg ist – er spricht so laut, weil er schwerhörig ist, er hat „historische Anfälle“, wobei Historie auch nahe an Hysterie ist. Daraus entsteht große Komik. Der Grundton ist melancholisch. Es ist ein Reise-, Eisenbahn- und Versöhnungsroman, aber auch komisch.

ONETZ: In den sozialen Netzwerken finden sich viele Posts Ihrer Leser mit Buch, Bier und auf Reisen – was sagen Sie zu diesen persönlichen Fortsetzungen?

Jaroslav Rudiš: Es freut mich sehr, dass das Buch ein eigenes Leben hat, dass sich die Leser austauschen und Lust haben auf diese Reise mit dem Baedeker von 1913. Für mich ist es das Allerschönste, dass sie einsteigen und losfahren, ich finde das großartig! Die Leser haben auch schon gefragt, ob es nicht eine Fortsetzung gibt. Ich überlege, eine Erzählung mit den beiden zu schreiben.

ONETZ: Gutes Bier und Züge tauchen auch bei Ihnen nicht nur im Roman häufig auf. Mit beidem kann Sulzbach-Rosenberg ebenfalls aufwarten – ein zusätzliches Argument für den Abstecher zum Sommerfest des Literaturhauses Oberpfalz?

Jaroslav Rudiš: Ich war schon ein paar Mal da, das Literaturarchiv ist immer eine wichtige Station auf meinen Lesereisen. Ich habe hier auch einige Fans, mit denen ich beim Wiedersehen ein Bier trinken gehe im schönen Gasthaus Sperber. Bahn und Bier teilen wir alle in Europa – Unmengen von Bier und endlose Bahnreisen. Ich bin kein großer Fan der neuen Bus-Kultur, ich versuche auch große Strecken mit der Bahn zu fahren. Man erlebt so viel, trifft so viele Leute. Ich bringe immer von jeder Reise eine Geschichte mit.

Info:

Sommerfest

Das traditionelle Literatursommerfest im Literaturhaus Oberpfalz findet am Samstag 13. Juli im Literaturarchiv in Sulzbach-Rosenberg statt. Programm: 16 Uhr: „Bierland Pilsen“. Präsentation mit Elmar Tannert und Anders Möhl; 17 Uhr: Musik mit Fo Latta; 18 Uhr: Lesung Ulrike Anna Bleier „Bushaltestelle“, Moderation: Michael Peter Hehl; 19.30 Uhr: Musik mit Fo Latta; 20 Uhr: Lesung Jaroslav Rudis „Winterbergs letzte Reise“. Moderation: Patricia Preuß.

Infos und Anmeldung unter Telefon. 0 96 61 / 815 95 90.

Der Roman „Winterbergs letzte Reise“, Hardcover, 544 Seiten, ist bei Luchterhand erschienen und kostet 24 Euro.

www.literaturarchiv.de

http://rudis.cz/

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