03.08.2018 - 19:13 Uhr
TirschenreuthDeutschland & Welt

Wie 22 Flüchtlinge den FSV Tirschenreuth beleben

Der FSV Tirschenreuth war für viele schon "tot". Bis der neue Abteilungsleiter Jürgen Rieger übernahm und 22 neue Spieler mitbrachte. 22 Asylbewerber. Das hilft dem Verein und den Flüchtlingen - gefällt aber nicht jedem.

von Julian Trager Kontakt Profil

Diesmal ist es nur ein Mann in Trainingspulli und Schalke-04-Hose, vor dem Nasir Omer davonläuft. Gerade hat er seinem Trainer den Ball durch die Beine geschoben. Fußballer nennen das einen "Tunnel", für manche die Höchststrafe in diesem Sport. Der Trainer quittiert es mit einem Lächeln. Der Spieler schmunzelt, spurtet los - und ist auf und davon. Das letzte Mal, als Omer vor jemandem davonlief, hatte er nichts zu lachen.

Omer ist Flüchtling. Vor eineinhalb Jahren floh er aus seiner Heimat Eritrea nach Deutschland. Nach dem Grund gefragt, antwortet er mit nur einem Wort: "Diktator." Seit Jahrzehnten wird das Land im Nordosten Afrikas von Isaias Afewerki beherrscht, der Oppositionelle, Journalisten und Angehörige verbotener Religionen verfolgt, wegsperrt und foltert. Dort lebte Omer, wie er selbst sagt, vom Fußball, war Profi in der ersten Liga. Jetzt möchte er Schreiner werden. Seit gut acht Monaten lebt der 28-Jährige in der Nordoberpfalz. Omer ist einer von rund 450 Asylbewerbern, die im Kreis und in der Stadt Tirschenreuth wohnen. Und einer von 22 Asylbewerbern, die seit Kurzem beim FSV Tirschenreuth Fußball spielen. Ganz offiziell, mit Spielerpass und so.

Rieger: "Jeder schimpft, keiner tut was"

Jürgen Rieger kümmert sich mit seiner Frau seit sechs Jahren um Flüchtlinge in Tirschenreuth. Der 53-Jährige sagt: "Jeder motzt, jeder schimpft, aber keiner tut was." Er schon. Ihm und seiner Familie gehe es gut, also packt er an und hilft. "Mein Ziel ist, dass jeder eine Arbeit und eine Wohnung bekommt." Die Asylbewerber sollen sich wohlfühlen. "Wenn man aus seiner Heimat flieht, weißt du was los ist." Der Tirschenreuther nennt keine Details, sagt nur: "Da sind wirkliche Tragödien dabei. Schlimme Sachen, vor allem, was die Frauen erzählen." Seit kurzem verbindet Rieger die Flüchtlingshilfe mit seiner zweiten großen Leidenschaft: Fußball.

Rieger war viele Jahre lang Trainer in Regensburg, Schwandorf und im Weidener Raum. Vor ein paar Wochen ging er ins Asylheim, stellte die Frage: "Wer will spielen?" Mit neun Mann fing er an zu trainieren, hobbymäßig. Kurze Zeit später waren es 22 Spieler. Rieger sprach mit dem FSV Tirschenreuth, es ging nur um einen Platz zum Kicken. Der Verein hatte eine andere Idee, seit gut fünf Wochen ist Rieger der neue Fußballabteilungsleiter des FSV. Und in jedem Training auf dem Platz, als eine Art Co-Trainer - und als Bezugsperson für die Asylbewerber, die überwiegend aus Eritrea, Äthiopien und Irak kommen. Die begrüßen ihn alle per Handschlag und mit einem "Servus". Rieger legt Wert darauf, dass Deutsch gesprochen wird. Ist das mal nicht der Fall, kann der 53-Jährige laut werden: "Hey! Wir sprechen Deutsch!"

Da sind wirkliche Tragödien dabei. Schlimme Sachen, vor allem, was die Frauen erzählen.

Jürgen Rieger, Fußballabteilungsleiter des FSV Tirschenreuth

Für den FSV Tirschenreuth ist es ein kompletter Neuanfang. In der vergangenen Saison spielte der Verein in einer Spielgemeinschaft, die zerbrach nach nur einer Spielzeit. In der A-Klasse geht der FSV nun wieder alleine an den Start - aber nicht ohne Probleme. "Vom Team der letzten Saison sind nur sieben Spieler übrig geblieben", sagt Rieger. Die Alte-Herren-Mannschaft hätte die Lücken füllen müssen. Training war nur einmal in der Woche geplant. Jetzt ist alles anders. Der FSV hat zwei Herrenmannschaften, trainiert wird zweimal die Woche. Die "Erste" ist gemischt, sieben bis acht Asylbewerber kicken mit den Deutschen im Team. Die "Zweite" ist rein mit Asylbewerbern besetzt, macht nur Testspiele. Dafür sucht Rieger ständig Gegner. Alte Herren oder Jugendteams.

Der Verein wird wiederbelebt

Trainer Tobias Stilp, bis auf ein Jahr in der B-Jugend immer beim FSV, ist froh über seine Neuzugänge: "Jetzt brauche ich die deutschen Spieler nicht mehr aufstellen, die eh keine Lust haben zu spielen, und die ich anbetteln musste, dass ich elf Mann zusammenbringe." Er sagt auch: "So tot, wie Nachbarvereine den FSV gemeldet haben, ist er nicht."

Die Mannschaft sieht das genauso. Patrick Burkot, seit vier Jahren beim FSV, erzählt von früher, als oft nur drei Spieler ins Training kamen. An diesem Tag sind es 25. "Das ist super, eine Belebung." Das hört man auch im Sportheim neben dem Fußballplatz. Die Leute essen, trinken und reden. Ab und zu schaut einer raus. Ein Mann, seit mehr als 30 Jahren Mitglied beim FSV, sagt: "Endlich rührt sich wieder was. Es ist schön, dass der Verein nicht untergeht."

Kritik und Anfeindungen

Diese Entwicklung gefällt aber nicht allen. Ein anderer Mann betritt das Sportgelände, lehnt sich über die Bande und blickt auf den Rasen. Schüttelt den Kopf, lacht. Was meint er? Der Tirschenreuther sagt: "Ich würde nicht mehr spielen." Warum? "Muss ich nicht haben." Mehr lässt er nicht raus, dann geht er ins Sportheim. Freilich wurden sie auch schon beschimpft, sagt FSV-Trainer Stilp. Unter anderem als "Flüchtlingssportverein", weil: FSV. Wie der Verein damit umgeht? Stilp zuckt mit den Schultern. "Was willst du dazu groß sagen? Wir nehmen die Menschen auf, wir sind froh über sie."

Jürgen Rieger sieht den Sport als große Chance: "Der Einstieg zur Integration ist oft der Fußball." Daran ändere auch der Streit um Mesut Özil nichts. Für den Tirschenreuther Bürgermeister Franz Stahl sind solche Engagements wie das des FSV die Grundlage für das "problemlose Zusammenleben" mit den Flüchtlingen in der Stadt. Der Fußball biete auch immer eine Abwechslung, findet Rieger. "Damit die Burschen nicht nur stur in der Schule und im Asylheim hocken." Auf dem Fußballplatz wirken die Flüchtlinge, egal ob 18 oder 28, wie Kinder auf dem Bolzplatz, die nach dem Nachmittagsunterricht endlich raus dürfen zum Kicken. Nasir Omer, der ehemalige Fußballprofi in Eritrea, lächelt eigentlich immer. Sobald er einen Ball am Fuß hat, strahlt er noch ein bisschen mehr. Er sagt: "Mir geht es gut hier, es macht Spaß. Ich bin glücklich, wieder Fußball zu spielen." Die ersten Saisonspiele gewann der FSV 4:1 und 8:0. Neun der zwölf Tore schossen Flüchtlinge.

Info:

4500 Flüchtlinge spielen in bayerischen Vereinen

Nicht alltäglich, aber auch keine Seltenheit - so sieht der Bayerische Fußballverband (BFV) das Engagement des FSV Tirschenreuth. Bis Ende des vergangenen Jahres ist laut BFV-Pressestelle seit 2013 für etwa 4500 Asylbewerber ein Spielerpass bei einem bayerischen Fußballverein ausgestellt worden. Der BFV unterstützt Vereine, die sich für Flüchtlinge einsetzen, auch finanziell. Auch der FSV Tirschenreuth bekam 500 Euro - allerdings im Jahr 2015, als der FSV und der FC Tirschenreuth für ihr Engagement belohnt wurden. Aktuell kam vom BFV nichts, sagt Jürgen Rieger, obwohl es diesmal 22 Spieler sind, damals nur 4. Der Verein wäre aber für Hilfe dankbar, finanziell und materiell. Schuhe, Anzüge, Schienbeinschoner, Bälle - alles werde gebraucht. Rieger sucht Sponsoren. Auch weil noch nicht geklärt ist, wer die Vereinsbeiträge der 22 neuen FSV-Mitglieder zahlt.

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Kommentare

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Stefan Kreuzeck

Das ist doch vorbildlich und da kann man echt nicht verstehen, dass sich manche Leute so aufregen. Genau das sind Rezepte für ein gutes und friedliches Miteinander.
Außerdem wird so der Verein gerettet. Win-Win.

06.08.2018