11.06.2018 - 18:21 Uhr
TirschenreuthDeutschland & Welt

Bevölkerung: Eher noch schlimmer

Irrt das statistische Landesamt? Tirschenreuths Landrat Wolfgang Lippert glaubt, dass die Nordoberpfalz bei der Bevölkerung besser da steht, als jüngst prognostiziert. Ein Experte aus der Region bremst diese Euphorie allerdings.

Lothar Koppers
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Der Flossenbürger Demographie-Experte Lothar Koppers geht davon aus, dass jüngste Vorhersage des statistischen Landesamts zur Bevölkerungsentwicklung der Nordoberpfalz das Problem eher unter- als überschätzen. "Es gibt bei solchen Prognosen verschiedene Rechenvarianten. Veröffentlicht wird eher ein positives und nicht das Worst-Case-Szenario", erklärt der Professor an der Hochschule Anhalt in Dessau.

Vergangene Woche hatte das Statistische Landesamt neue Zahlen für das Jahr 2036 vorgelegt. Besonders für die Landkreise Tirschenreuth (-11 Prozent) und Neustadt/WN fielen diese schlechter aus, als bisherige Berechnungen. Tirschenreuths Landrat Wolfgang Lippert hatte daraufhin den Statistikern unterstellt, eine Trendwende zu verpassen. Laut Lippert sei eine Entwicklung zur Rückkehr aufs Land bemerkbar, die Menschen neigten dazu, "überteuerte Städte" wieder zu verlassen.

Lothar Koppers warnt davor, diesen Effekt zu überschätzen. "Es gibt eine Sehnsucht nach dem Land, es gibt aber auch die Realität des städtischen Angebots. Und dieses zieht die Leute immer noch an", sagt der Professor für Geoinformatik. Dass in Regensburg oder München das Mietniveau immer weiter steigt, zeige, wie gefragt diese Städte sind. "Wenn die Leute wegziehen, dann ins Umland." Das erklärt, weshalb die angrenzenden Landkreise Schwandorf, Neumarkt und Cham in der neuen Prognose besser abschneiden.

Die Abwanderung sei ohnehin nicht das Hauptproblem. Die Region verliere vor allem wegen der jährlichen Sterbeüberschüsse. Dieser Effekt werde wegen der geburtenstarken Baby-Boomer Geburtsjahrgänge der 1950er und 1960er Jahre noch zunehmen. "Die Verluste von 2020 bis 2040 werden doppelt so stark ausfallen, wie von 2000 bis 2020", rechnet Koppers vor. Diesen Effekt durch Zuzug ausgleichen zu wollen, sei utopisch.

Zumal "Zuzug nicht gleich Zuzug" sei. "Wenn jemand aus Nürnberg in den Landkreis Tirschenreuth zieht, um dort seinen Lebensabend zu verbringen, verschärft dies das Problem." Koppers rät, nicht die Gesamteinwohnerzahl, sondern die Zusammensetzung der Bevölkerung zu betrachten. Wichtig sei, dass das Verhältnis von Alten und Jungen, Frauen und Männern sowie der Ausbildungsniveaus zusammenpasse. Mit der Behördenverlagerung verfolge der Freistaat den richtigen Ansatz, gerade in der Nordoberpfalz gebe es zu wenig hochqualifizierte Arbeitsplätze. "Abiturienten bleibt nichts anderes übrig, als die Region zu verlassen." In diese Richtung müssten auch die Kommunen arbeiten. "Es muss zum Beispiel auf Dörfern mehr Mietwohnungen geben. Wer nicht sofort ein Haus bauen will, muss sonst vom Dorf in die Stadt ziehen."

Und es werde wichtig, sich auf die Folgen des unvermeidlichen Wandels einzustellen. Die Infrastruktur müsse noch stärker an den Bedarf älterer Menschen angepasst werden. In der Enquete-Kommission "Gleichwertige Lebensverhältnisse in ganz Bayern" hat Koppers mitgearbeitet, Vorschläge zu erarbeiten. Die Umsetzung stehe am Anfang. "So ist das in einer Demokratie, bis man sich auf konkrete Schritte einigt, dauert es eben."




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