05.06.2020 - 19:03 Uhr
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Corona im Landkreis Tirschenreuth: "Zeit"-Artikel wirbelt Staub auf

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Ein Artikel in der Wochenzeitung "Die Zeit" wirft kein gutes Licht auf den Landkreis Tirschenreuth in der Corona-Pandemie. Dabei wundert sich die Autorin des Beitrags vor allem über die wenig auskunftsfreudigen Behördenmitarbeiter.

Fünf Tage war Autorin Luisa Hommerich zur Recherche im Landkreis Tirschenreuth. Aus ihren Ergebnissen entstand ein zweiseitiger Artikel, der in dieser Woche in der Wochenzeitung „Die Zeit“ erschienen ist. Bild: wüw
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Ein Tag mit zwei widersprüchlichen Veröffentlichungen zum Landkreis Tirschenreuth und der Corona-Pandemie: Während das Landesamt für Gesundheit am Mittwoch verkündet, dass seit sieben Tagen kein neuer Coronafall im Landkreis verzeichnet wurde, erschien in der Wochenzeitung "Die Zeit" auf zwei Seiten ein Artikel mit dem Titel: "Warum mussten in Tirschenreuth so viele Menschen sterben?" Zeit-Redakteurin Luisa Hommerich geht der Frage nach, weshalb der nördlichste Landkreis der Oberpfalz so stark von Covid-19 betroffen war. Neben einer Reihe möglicher Antworten liefert Hommerich das Bild einer Landkreisverwaltung, die viel tut, um Hintergründe von der Öffentlichkeit fern zu halten.

Hier geht es zum Artikel in der "Zeit" (kostenpflichtig)

Nicht gut kommt in dem Text vor allem der Versorgungsarzt des Landkreises weg. Der Kemnather Mediziner Peter Deinlein wollte nicht nur sein Gespräch mit der Journalistin nicht veröffentlicht sehen, er warnte per Mail sogar anderen Hausärzte im Landkreis davor, mit ihr zu sprechen. Deinlein drohte sogar, die Kassenärztzliche Vereinigung einzuschalten. Allerdings fand dieses Rundmail seinen Weg zu Hommerich und in Auszügen in ihren Artikel. Deinlein sagt, er habe im Gespräch mit Hommerich nicht den Eindruck gewonnen, dass die Journalistin an positiver Berichterstattung über den Landkreis interessiert sei. Schließlich befand sich der Landkreis zum Zeitpunkt der Recherche schon auf einem guten Weg. Außerdem habe Hommerich ihn gebeten, ihre Nummer an Covid-Patienten weiterzureichen, um so an Gesprächpartner zu kommen. "Ich hatte Bedenken, dass dies eventuell gegen die ärztliche Berufsordnung verstoßen könnte." Deshalb habe er seine Kollegen darauf hingewiesen. Inzwischen habe er herausgefunden, dass es kein Verstoß ist, wenn man die Nummer einer Journalistin an Patienten weitergibt, so dass diese die Möglichkeit haben, Kontakt zur Presse aufzunehmen. Gut findet Deinlein das Vorgehen nicht.

Alltägliche Arbeit

Für Luisa Hommerich sind solche Anfragen alltägliche Arbeit. Es sei auffällig gewesen, wie sehr die Verantwortlichen im Landkreis damit ein Problem hatten. "Wenn ich das mit dem Landkreis Heinsberg vergleiche", sagt Hommerich. Auch mit den Verantwortlichen dieser anderen großen deutschen Corona-Hotspot-Region hatte die "Zeit" während der Recherche Kontakt. "Dort hat der Pressesprecher frei gesprochen." In Tirschenreuth sei dies anders gewesen.

Landrat Roland Grillmeier sieht den Grund für diese Zurückhaltung in Hommerichs Fragestellung. Der Journalistin sei es um Schuldzuweisungen gegangen, sagt Grillmeier, der bis Mai Bürgermeister in der besonders betroffenen Stadt Mitterteich gewesen war. Dabei lasse sich nicht sicher sagen, weshalb der Landstrich so hart getroffen wurde. "Auch dieser Artikel wiederholt doch nur bekannte Spekulationen." Und die Frage, weshalb ein so hoher Anteil der positiv getesteten auch verstorben sei, könne der Beitrag gar nicht erklären.

Positive Nachrichten aus dem Landkreis Tirschenreuth

Tirschenreuth

Mehr Aufschluss erhoffen sich Grillmeier und Deinlein von den Experten des Robert-Koch-Instituts und deren Studie. Diese befasst sich mit dem Verlauf der Pandemie im Kreis und soll Anfang Juli vorliegen. Schon heute zeichne sich ab, dass die Sterberate wohl erhöht ist, weil in der Region früh mehrere Seniorenheime betroffen waren. Spätestens wenn die Ergebnisse vorliegen, soll die Aufarbeitung weiter vorangetrieben werden. Auch die Öffentlichkeitsarbeit solle dann nochmals auf den Prüfstand.

Luisa Hommerich sagt, dass sie sich mit Schuldzuweisungen bewusst zurückgehalten habe. Es sei richtig, dass im Landkreis Tirschenreuth viele unglückliche Zufälle zueinander gekommen sind. Und natürlich sei es auch so, dass eine kleine Landkreis-Behörde von Ereignissen eingeholt wurde, auf die sie sich nur schwer hatte vorbereiten können. "Aber trotzdem muss man nachfragen, was anders hätte laufen können", sagt Hommerich.

Heute leicht zu kritisieren

Roland Grillmeier und Dr. Peter Deinlein widersprechen hier kaum. "Aus heutiger Sicht lassen sich sicher viele Stellen aufzeigen, wo es hätte besser laufen können", sagt Deinlein. Aber daraus den Verantwortlichen etwa beim Gesundheitsamt einen Vorwurf machen? Für Roland Grillmeier, der Wolfgang Lippert im April als Tirschenreuther Landrat ablöste, kommt das nicht infrage: "Wenn man aus der Pandemie eines lernen kann, dann dass zum Beispiel der Freistaat für solche Fälle eine Taskforce bereit halten muss, die dann sofort eingreifen kann." In Tirschenreuth habe man zunächst kaum Hilfe bekommen, stattdessen wollten andere Landratsämter, die zwei Wochen nach Tirschenreuth vor ähnlichen Problem standen, Ratschläge.

Hommerich verweist dagegen auf Heinsberg. Dort sei manches besser gelaufen. Auf diese Erfahrungen hätte die Tirschenreuther Behörden Mitte März zurückgreifen können. Die Journalistin glaubt, dass dies auch viele Landkreisbewohner so sehen. Abgesehen von den Behörden seien ihr die Menschen offen und freundlich begegnet. Auch nachdem der Artikel erschienen war, habe sie positive Reaktionen erhalten, sagt Hommerich. Das habe sie sehr gefreut: "Ich wollte wirklich nicht als Journalistin aus der Großstadt auftreten, die sich über die Menschen auf dem Land lustig macht."

Kaum war die Grenze nach Tschechien offen, schon setzte der Grenzverkehr ein.

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Kommentare

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Thomas Koch

Dr. Deinlein hat als Versorgungsarzt einen tollen Job gemacht. Er wurde erst Ende März als Versorgungsarzt bestellt, diese Tatsache fehlt tatsächlich im Artikel - der mir dennoch sehr gut die Ereignisse vor Augen geführt hat, ohne Schuldvorwürfe zu erheben. Zudem - noch Mitte März haben die meisten Politiker die Zeichen der Zeit nicht erkannt: rufen wir uns hierzu doch bitte die Zeitungsberichte nach der Kommunalwahl ins Gedächtnis: die meisten Kommunalpolitiker schüttelten sich damals für die Zeitung gegenseitig die Hände - ohne Abstand und ohne Mundschutz. Dass damals Fehleinschätzungen stattfanden, wissen wir heute alle. Aber es hätte wahrlich noch ganz anders kommen können. Insofern: Danke an die Verantwortlichen, dass wir gerade noch rechtzeitig alle an einem Strang gezogen haben. Und: eine derartige Gefahrenlage kann leider jederzeit wiederkommen.

06.06.2020