15.10.2020 - 17:40 Uhr
TirschenreuthDeutschland & Welt

Prozess: Pflege-Azubis sollen demente Seniorin gequält haben

Ein Altenpflege-Azubi soll in einem Seniorenheim im Kreis Tirschenreuth eine bettlägrige, demente 90-Jährige gequält haben. Ein Kollege sieht zu. Vor dem Jugendschöffengericht in Weiden müssen die jungen Männer nicht nur für diesen "Spaß" geradestehen.

Eine Szene aus einem Seniorenheim
von Manfred Hartung Kontakt Profil

Weil sie eine Bewohnerin eines Pflegeheims im Kreis Tirschenreuth misshandelt haben sollen, stehen seit Mittwoch ein 21-Jähriger und ein 20-Jähriger vor dem Jugendschöffengericht in Tirschenreuth. Laut Anklageschrift hatte der 21-Jähriger und eine Bekannte an einem Samstagabend im August 2019 den 20-jährigen Kumpel während dessen Nachtschicht in der Einrichtung besucht. Was sich dann beim Rundgang des Trios abgespielt haben soll, ist an Gefühllosigkeit kaum zu überbieten. Das Strafgesetzbuch nennt es "Misshandlung Schutzbefohlener".

Im Zimmer einer hochgradig Pflegebedürftigen nahm der 21-Jährige laut Anklage einen Creme-Topf und beschmierte getreu dem Kinderreim "Punkt, Punkt, Komma, Strich" das Gesicht der alten Dame. Was sie davon und vom weiteren Geschehen mitbekam, war im Zuge der Ermittlungen nicht zu klären. Im Folgenden soll der 21-Jährige mit einer Dose Haarspray zweimal Richtung Mund des Opfers gesprüht haben, was einen Hustenanfall auslöste. Diesen versuchte der Täter, der auch in diesem Heim arbeitete, wohl mit einem Kissen zu dämpfen. Die 90-Jährige soll Abwehrbewegungen mit der Hand gemacht haben. Sie überstand das Martyrium, das im Haus niemand sonst mitbekommen haben will, ohne sichtbare Schäden.

Teilnahmslos dagesessen

Der 20-jährige Kollege, so sagt es Staatsanwalt Matthias Biehler, stand daneben und lachte. Die junge Frau beteuerte im Zeugenstand, sie habe nur danebengesessen. Sie habe nichts dagegen unternommen, weil sie sich vor der Reaktion ihrer Freunde fürchtete.

Anschließend verließ das Trio das Zimmer, um mit Rollstühlen über den Gang zu fahren und sich schließlich in einem Aufenthaltsraum eine Runde Kuchen zu gönnen. Fraglich war am Mittwoch, ob der diensthabende Angeklagte die ganze Zeit bei dem Horrortrip dabei war - so sagt es die Zeugin - oder nicht, wie es die beiden Angeklagten sagen.

Keine Diskrepanz gibt es beim Vorwurf, dass der 20-jährige Diensthabende im Nachbarzimmer vorführte, wie man bei einer alten Frau die Windel wechselt. Sein Kollege in zivil hat der verwirrten Seniorin mit unflätigen Bemerkungen das gefüllte Hygieneprodukt unter die Nase gehalten.

Die Verhandlung hatte mit einem Rechtsgespräch begonnen, das Richter Wolfgang Höreth mit den Anwälten führte. Inhalt: Ohne Geständnis der Angeklagten gibt es im Falle einer Verurteilung eine Freiheitsstrafe ohne Bewährung. Eine Chance hätten sie nur, wenn alle Karten auf den Tisch kommen.

Wortreich entschieden sich die Beschuldigten, die bereits einige Tage in Untersuchungshaft verbracht hatten, für die Möglichkeit, eine Zelle nicht für längere Zeit von innen sehen zu müssen. Sie gaben weitgehend alles zu, sagen, dass sie es heute nicht mehr fassen können, was sie damals getan hatten.

Hacker-Angriff auf Smartphone

Fast wäre das Ganze gar nicht vor Gericht gelandet, denn das irrlichternde Trio ist eigentlich ein Quartett, das gelegentlich miteinander abhängt. Der "vierte Mann", der an jenem Augustabend nicht dabei war, steckte eines Tages der jungen Dame, dass der jüngere der beiden Angeklagten ihr Smartphone gehackt habe, um ihre Whatsapp-Korrespondenz zu überwachen. Aus Wut war sie zur Polizei gegangen und hatte die Vorfälle vom August im Altenheim angezeigt. Vorher hatte sie geschwiegen.

Vorfälle muss es noch weitere gegeben haben. Der 20-Jährige fotografierte demnach immer wieder Altenheimbewohner und verschickte die Bilder, die er mit vermeintlich lustigen Texten versah. Mit dem Smartphone filmte er auch ´ ein altes Pärchen, das in einem Aufenthaltsraum recht eindeutige "Zärtlichkeiten" austauschte. Auch diese Szene fand den digitalen Weg zu bestimmten Interessenten. Der "vierte Mann", der ebenfalls als Zeuge vernommen wurde, gehörte auch zu den Empfängern.

Weil zu dem Geschehen in jener Nacht weitere Zeugen gehört werden sollen, kommt das Jugendschöffengericht am Dienstag, 3. November, abschließend zusammen, um über die Zukunft der Angeklagten zu entscheiden. Beide sind nicht mehr in der Pflege tätig. Bei der Verhandlung hatten sich beide bei den Töchtern des Hauptopfers entschuldigt, was bei den beiden Frauen nicht auf positive Resonanz stieß. Ihre 90-jährige Mutter ist vor einer Woche verstorben.

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