02.10.2020 - 18:39 Uhr
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Prozess um totes Baby: Mutter schuldunfähig?

Eine 26-Jährige lässt in Tirschenreuth ihr drei Monate altes Baby verhungern und verdursten. Ist diese Mutter ein Monster? Nein. Sie ist krank, heißt es zum Prozessauftakt am Landgericht Weiden.

Das Landgericht Weiden.
von Manfred Hartung Kontakt Profil

Die kleine Ilina musste im Februar dieses Jahres ein zehntägiges Martyrium erdulden, bis ihrem winzigen geschwächten Körper das Leben entwich. Drei Verhandlungstage hat die 1. Strafkammer am Landgericht Weiden unter Vorsitz von Landgerichtspräsident Gerhard Heindl angesetzt, um sich dem unvorstellbaren Geschehen zu nähern.

Die Beschuldigte ist in Zentralafrika geboren und in Spanien aufgewachsen. Sie kommt im Zuge einer Anwerbeaktion nach Deutschland, um Altenpflegerin zu werden und landet in Tirschenreuth. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten, ebenfalls ein Spanier, bezieht sie eine Wohnung in der Kreisstadt. Als der Partner für geraume Zeit auf die Iberische Halbinsel zurückmuss, nimmt das Drama seinen Lauf. Vorgeworfen wird der Kindsmutter "Totschlag durch Unterlassen", weil sie ihr Baby ab dem 15. Februar 2020 nicht mehr ausreichend mit Nahrung und vor allem Flüssigkeit versorgt hat, bis das Mädchen am Morgen des 26. Februar stirbt.

Eine Frage der Gefährdung

"In diesem Sicherungsverfahren geht es nicht um Strafe", erklärt stellvertretender Justiz-Pressesprecher Josef Weidensteiner im Vorfeld der Verhandlung den Medienvertretern, die eine halbe Stunde auf den Prozessbeginn warten müssen, weil die vorgesehene Spanisch-Dolmetscherin kurzfristig ersetzt werden muss. Es gehe darum festzustellen, ob künftig "spezielle Personen" gefährdet sein könnten. Die 26-Jährige könne ja schließlich wieder schwanger werden.

"Die Beschuldigte leidet an einer akuten polymorphen psychotischen Störung mit Symptomen einer Schizophrenie", trägt Oberstaatsanwalt Bernhard Voit am Freitag schließlich vor. "Sie war daher nicht in der Lage, das Unrecht der Tat einzusehen und hat im Zustand der Schuldunfähigkeit gehandelt."

Die kleine und zierliche Beschuldigte sitzt in den ersten Minuten verschüchtert wirkend auf ihrem Stuhl. Sie ist mit Handschellen an einem Bauchgurt "zum Selbstschutz" gefesselt. Plötzlich springt sie auf, beschwert sich lautstark über eine vermeintliche Namensverwechslung, will wissen, wo ihre Tochter ist. Sie lässt sich auch nicht durch gutes oder lautes Zureden stoppen. Das Gericht berät sich, ob die Verhandlung ohne die 26-Jährige fortgeführt werden sollte.

Psychiater Dr. Johannes Schwerdtner hat seine Zweifel, ob solche Erregungszustände nicht immer wieder ausbrechen könnten. Im Bezirkskrankenhaus Taufkirchen, wo die Frau augenblicklich untergebracht ist, verweigere sie häufig die Medikation und zeige heftige Stimmungsschwankungen. "Sie hat auch keine Krankheits- oder Verhandlungseinsicht." Es habe auch eine "Selbstgefährdung" und "Zwischenfälle" mit dem Pflegepersonal gegeben. Landgerichtspräsident Heindl entscheidet, es doch weiter mit ihr zu versuchen.

Gedanke an Abtreibung

Kurze Zeit nach ihrer Ankunft im Februar 2019 in Tirschenreuth wird sie von ihrem Lebensgefährten schwanger. Zunächst wendet sie sich an eine Konfliktberatung, um sich über eine Abtreibung zu informieren. Sie will ihren Start in eine neue Zukunft nicht gefährden. Sie entscheidet sich aber für das Kind, das am 14. November per Kaiserschnitt gesund zur Welt kommt. Die betreuende Hebamme erzählt von einer normalen Entwicklung der Kleinen. Anfang Februar muss der Kindsvater nach Spanien. Am 26. Februar ist Ilina tot. Ihre Mutter ruft von hysterischen Weinkrämpfen geschüttelt die Hebamme an, die sofort kommt und das leblose Baby im Schlafzimmer findet. Der alarmierte Notarzt sieht sofort, dass es hier nichts mehr zu tun gibt. Die Leichenstarre hat eingesetzt, die Lippen des Babys sind trocken, die Haut ist wie Papier. "Ungeklärter Todesfall" bescheinigt der Mediziner. Die Kripo kommt. Die Mutter erlebt das Ganze wie in Trance.

Stimmen gehört

Über das Klinikum Weiden und die Ermittlungsrichterin in Regensburg führt der Weg der 26-Jährigen in die Psychiatrie nach Taufkirchen. Eine Ersteinschätzung spricht vom Verlust der Steuerungsfähigkeit. Sie habe Stimmen gehört, die ihr sagten, dass das Kind keine Nahrung mehr brauche. In der Unterbringung unternimmt die Beschuldigte zwei Suizidversuche. Ihre Stimmung schwankt von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt. Manchmal spricht sie mit den Wänden und lächelt, dann verletzt sie Pflegepersonal mit Tritten .

Bei der Obduktion des Säuglings am 27. Februar wird hochgradiger Flüssigkeitsmangel und extreme Mangelversorgung festgestellt. Warum haben die elementarsten mütterlichen Instinkte versagt? Für eine Gesamtwürdigung wird das psychiatrische Gutachten eine entscheidende Rolle spielen, das am Montag, 12. Oktober, vorgetragen wird. Dritter Verhandlungstag ist am Freitag, 16. Oktober. Im Schwurgerichtssaal sind Corona bedingt nur 15 Zuhörer zugelassen.

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