16.08.2019 - 20:11 Uhr
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Zeitzeuge Fried: Mörder ohne Gesicht

Alexander Fried hat drei KZ und den Todesmarsch an die Ostsee überlebt. Mit den Eltern und vielen Verwandten aber, die dem Nazi-Völkermord zum Opfer fielen, ging auch das jüdische Schtetl unter. Im fünften Teil unserer Serie erzählt der 94-jährige Professor von der trostlosen Rückkehr nach Žilina und der erneuten Flucht aus der stalinistischen ČSSR.

Erinnerung an die Befreiung Prags 1945 durch die US-Armee: Der Freiheit so nah, einigten sich die Alliierten, die Tschechoslowakei dem Einfluss der Sowjetunion auszuliefern. Der Schauprozess gegen den jüdischen KP-Generalsekretär Rudolf Slánský führten zu neuem Antisemitismus.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Es ist der 1. Juni 1945. Alexander Schani Fried hat den Todesmarsch und den langen Weg nach Hause fast geschafft. Mit einem Linienbus fährt er das letzte Stück zum Marktplatz in Žilina. Die Stadt hat den Krieg ohne schwere Beschädigungen überstanden. Schani ist hin- und hergerissen zwischen Angst und Hoffnung. Durch die Scheibe sieht er Juden an der Haltestelle auf die wenigen Rückkehrer warten. Da steht Hansi Weiss, der Sohn des ermordeten Röntgenarztes, Rudo Grossmann und der Sohn von Schuster Farkasch. Neben Dr. Marton, dem Vorsitzenden der neologen Gemeinde, ein dünner blasser Junge. Schani muss genau hinschauen, bis er ihn erkennt - sein Bruder Iču.

Es dauert Tage, bis sie einander ihr Schicksal anvertrauen. Geschönt, so gut wie möglich, der Schrecken ist noch zu nah. Besonders Icu ist still, einsilbig, versteinert. Nur dass er von Sachsenhausen nach Mauthausen verschleppt worden war, erzählt der Bruder. Von Dr. Marton erfahren sie, dass Vater Bertalan tot ist - erschossen im KZ Buchenwald noch im April 1945. Über das Schicksal der Mutter weiß niemand etwas.

Videos: Alexander Fried und Dorthea Woiczechowski-Fried im Interview

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"Sie hat an euch gedacht"

Frau Goldmann, die mit ihrem Sohn Markus versteckt im Gartenhaus der Schujanskis überlebte, lädt die beiden halbverhungerten Waisen jeden Tag zum Essen ein. Icu hat wiederkehrende Panikattacken. Wo kann Mutter Julischka nur geblieben sein? Sie versuchen es wieder bei Marton, der aus dem KZ Buchenwald bei Weimar fliehen hatte können: Deutsche Klassik und deutscher Terror so nah beieinander. "Ohne euren Vater hätten viele aufgegeben", schildert er, wie der gläubige Bertalan anderen Mut machte. Bei einer der vielen sinnlosen Razzien sei er völlig grundlos erschossen worden - einen Monat vor Kriegsende. Cousine Valli Kraus schließlich weiß mehr über die Mutter. Sie sei wie sie selbst nach einer Razzia in Žilina nach Auschwitz verschleppt worden. "Sie hat nur an euch gedacht!" Im Oktober 44 kommt der Transport in Auschwitz an. Julischka wird in die Gruppe der Alten und Kinder aussortiert. "Wir haben sie niemals wieder gesehen." Die Cousine nimmt die weinenden Brüder in den Arm. Die Hoffnung auf ein Wiedersehen hatte sie am Leben erhalten. Die Brüder aber haben alles verloren, sind mittellose Waisen.

Die Bilanz des Horrors steigt von Stunde zu Stunde. Alle Kinder und Kindeskinder von Julischkas Cousine Etusch - 8 Kinder, 30 Enkel - sind tot, nur Alexander Kauftheil, ein Sohn der Nichte überlebt. Schani und Icu hören auf zu zählen. Sie leben, warum? Schani durchlebt in Gedanken erneut die unwahrscheinlichen Zufälle, durch die er überlebt hat. Neun Wunder, warum? Ein Alltag ohne Ziel, ohne Zukunft. Er steht vor der Tür in der Dlabacova 22, vertraute Geräusche aus der Küche, aber von Fremden. Er dreht sich um, geht benommen die Stufen hinab.

Die Last trugen die Überlebenden

Julischkas sehnlicher Wunsch, die Söhne mögen überleben, ging in Erfüllung. Der ihrer Söhne nicht. Das Wunder der Rettung empfindet er als Verpflichtung. Schani muss in der neuen Welt Fuß fassen, Geld verdienen, für den Bruder sorgen. Er bekommt einen Job als Kassierer in einem Geschäft in Žilina. Er verkauft Textilfarben. Die Menschen färben die Militäruniformen um, wollen nichts mehr damit zu tun haben. Uniformen, die Männer trugen, die Frieds Familie in den Tod transportierten. Er zieht mit Bauchladen durch Dörfer, wird fliegender jüdischer Händler. Er trifft Ludwig Katz, Sohn des Spediteurs, der in Auschwitz Leichen aus den Gaskammern in die Öfen bringen musste. "Wie konnten die Verbrecher, die das Grauen geplant und durchgeführt hatten weiterleben, als wäre nichts geschehen?", fragt sich Fried immer wieder. "Ermordete ohne Grab, Mörder ohne Gesicht." Die Last trugen die Überlebenden.

Schani erfährt von der Schule in Košice, an der die Brüder das Abitur nachholen können. Der ganze Stoff der Oberstufe in einem Jahr. Icu beginnt, Schani folgt. Mathe, Physik, Chemie, Biologie, Russisch. Sie wohnen beim Ehepaar Löffler in Košice. Fried lernt die schöne Irene kennen. Sie redet nur mit Iču. Beide bestehen die Abschlussprüfung in Prešov.

Nach dem Slánský-Prozess im Jahre 1952 in Prag gegen 14 Mitglieder der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KSC), darunter 11 Juden, wurden 11 der Angeklagten, darunter Rudolf Slánský (Mitte) selbst, am 3. Dezember im Gefängnis Pankrác in Prag gehängt.

Postkarte von der Mutter

Monate nach seiner Rückkehr erreicht Schani eine Postkarte seiner Mutter, die sie aus Auschwitz in die Dlabačova geschrieben hatte. Sie bat um Zahnpasta. Was sollte diese bizarre Botschaft? Die Brüder haben keine Papiere, für das Zeugnis brauchen sie eine Geburtsurkunde. Sie müssen nach Királháza, jetzt Korelowo in der Sowjetunion. Schani trifft sein Kindermädchen. Das Hotel des Meir Fried steht noch. Aber keine Juden im Straßenbild. Die wenigen Überlebenden auf dem Sprung nach Palästina oder in die USA. Was sollen die Brüder tun? Sie bewerben sich um einen Studienplatz in Prag. Iču studiert Chemie, Schani Medizin.

In Prag finden sie ein Zimmer im Studentenwohnheim, essen in der Mensa der jüdischen Gemeinde. Schani muss arbeiten, um das Studium zu finanzieren. Er ist immer noch schwach, hat Magenprobleme, chronische Kopfschmerzen. An den Präpariertischen der Anatomie soll er Haut einer Leichenhand abtragen. Zu viel für einen Überlebenden Sachsenhausens. Der Schmerz ist täglicher Begleiter. Er sucht Ärzte auf, geht in Sanatorien, keine Besserung. Hat er einen Gehirntumor? Er lernt die lebenslustige Blažena kennen, Tochter eines Gymnasialdirektors. Sie lieben sich. Schani bekommt einen kleinen Job in der israelischen Botschaft. Iču verliebt sich in Věra Jarošová, Tochter eines Lokführers. Er heiratet sie, obwohl sie keine Jüdin ist. Schani entscheidet sich, das Fach zu wechseln, schreibt sich in der pädagogischen Fakultät ein, Schwerpunkt europäische Geschichte, Russisch, tschechische Kultur. Er wohnt jetzt in der Nähe des Wenzelsplatzes bei der jüdisch-kommunistischen Familie Dirka.

Spionage -Drehscheibe

Alexander Fried: "Wie konnten die Verbrecher, die das Grauen geplant und durchgeführt hatten weiterleben, als wäre nichts geschehen? Ermordete ohne Grab, Mörder ohne Gesicht."

Prag wird eine wichtige Hauptstadt in Europa, die beiden verfeindeten Blöcke sind noch präsent. Das Leben für Antistalinisten wird immer schwerer. Demokraten wie Benes wurden entmachtet oder stürzen unter ungeklärten Umständen am 10. März 1948 aus einem Fenster wie Jan Masaryk, Sohn des ersten Präsidenten. Schani kann nicht glauben, dass der Terror wieder zurückkehrt. Menschen verschwinden. In Diskussionszirkeln an der Uni muss man die richtige Meinung unter Beweis stellen. Wer abweicht ist Trotzkist, Titoist, Kosmopolit - oder Zionist. Da ist er wieder, der Antisemitismus in neuem Gewand. Jeder Jude ist jetzt Zionist, ob er will oder nicht.

1951 tritt das Gesetz zum Schutz der Staatsgrenze in Kraft, der Eiserne Vorhang wird zugezogen. Schani ist eingeschlossen. Die Grenzpolizei wird massiv verstärkt, Straßen und Gleise an der Westgrenze werden unterbrochen, abgesperrt. Einen Kilometer breiten Korridor dürfen nur noch Menschen mit speziellen Ausweisen betreten. Zäune werden hochgezogen. Der jüdische KP-Generalsekretär Rudolf Slánský, der im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatte, feiert am 31. Juli 1951 seinen 50. Geburtstag. Im Hintergrund laufen bereits Vorbereitungen für seine Verhaftung und den großen Schauprozess. Die Brüder wollen nie wieder Gefahr laufen, in ein Lager transportiert zu werden.

Schani erlangt dennoch das Lehrerdiplom. Er kann eine Stelle an der höheren Industrieschule im slowakischen Tisovec antreten, eine Kleinstadt, in der sein Freund Hansi Weiss lebt. Eine Cousine, die in die USA ausgewandert ist, findet eine Photographie mit seiner Mutter, die sein größter Schatz wird, die einzige Erinnerung an seine untergegangene Welt. Sein nächster Verwandter, Alexander Kauftheil, betreibt erfolgreich ein Textilgeschäft in Wien. In Korea bricht der erste Stellvertreterkrieg aus.

Geheimes Papier

Kauftheil kennt Kroaten, die Leute über die tschechoslowakische Grenze schmuggeln. Er erfährt von seinen Vermietern, dass die Staatssicherheit Kenntnis von einem geheimen Papier in der israelischen Botschaft hat und er zionistische Literatur unter seinem Bett versteckt haben soll. Unmittelbare Gefahr droht. Der tschechoslowakische StB kündigt telefonisch einen Besuch an - die Männer nennen sich Vašek und Pavel. "Wir kommen in zehn Minuten." Sie befragen ihn höflich zu seiner Arbeit in der Botschaft und seinem Studium, wissen bereits viel über ihn. Sie ziehen nach einem Blick unter sein Bett wieder ab.

Wer war der Informant? Er spricht mit Freunden, dem ersten Sekretär in der Botschaft, Zeev Shek, auch Holocaust-Überlebender. "Ich muss dir dringend raten, deinen Job hier aufzugeben, am besten, eine Zeit lang zu verschwinden." Schani setzt sich mit Cousin Kauftheil in Verbindung, die kroatischen Fluchthelfer Luca und Seraphin würden sich bei ihm melden. Er soll sie am Sonntag am Prager Bahnhof treffen. Schani hat Angst, aber er hat dazu gelernt, nimmt seine Examenspapiere mit. Ansonsten nichts außer Julischkas Foto. Als er gehen will, klingelt das Telefon. Vašek: "Wir kommen gleich, es gibt noch Fragen."

Schani läuft zum Bahnhof, wo er Iču, Věra und die beiden Kroaten trifft. Mit dabei: Miloš Havel, Besitzer der Barrandov-Filmstudios und Onkel Václavs. Der Plan: die Flucht nach Österreich. www.onetz.de/

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